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Full text of "Das märchen von Amor und Psyche bei Apuleius; Antrittsrede an der Universität Freiburg gehalten am 22. Juni 1911"

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DAS  MÄRCHEN 

VON  AMOR  UND  PSYCHE 

BEI  APULEIUS 

R.  REITZENSTEIN 


ANTRITTSREDE  AN  DER  UNIVERSITÄT  FREIBURG 

GEHALTEN  AM  22.  JUNI  I9II 


507960 

a.  4.  So 


VERLAG  B.  G. TEUBNER   sB    LEIPZIG  -  BERLIN  IQ  12 


ALLE  RECHTE, 
EINSCHLIESSLICH  DES  ÜBERSETZUNGSRECHTS,  VORBEHALTEN. 


FRIEDRICH  MEINECKE 

ZUGEEIGNET 


Hochverehrte  Anwesende! 

Ein  eigenartiges  Buch  des  Altertums,  auf  welches 
ich  heut  Abend  Ihre  Aufmerksamkeit  richten  möchte, 
setzt  in  seinen  Eingangsworten  voraus,  daß  nach  des 
Werktags  Arbeit  ein  müder  Leser  in  seine  Bibliothek 
tritt  und  unschlüssig  die  Titel  und  Anfange  verschie- 
dener Bücher  mustert.  Wissenschaftliche  Untersuchung 
verheißt  das  ^-^ine,  ernste  Geschichtserzählung  will  ein  ^. 
anderes  bieten,  die  Tragödie  verspricht  ihre  feierlich 
strenge  Kunst  zu  entfalten,  da  hebt  unser  Büchlein 
plötzlich  an:  ich  aber  will  dir  im  milesischen  Plauder- 
ton wechselreiche  Geschichten  erzählen  und  dein  Ohr 
durch  heiteres  Geflüster  ergötzen;  nimm  mich  zur  Hand 
und  gib  acht,  du  wirst  über  die  Verwandlungsgeschich- 
ten dich  wundem;  doch  erst  höre,  wer  ich  bin.  — 

Es  ist  in  der  Tat  ein  seltsamer  Mann,  der  zunächst 
noch  in  Maske,  zum  Schluß  aber  mit  offnem  Antlitz 
vor  uns  tritt,  Apuleius  von  Madaura,  einem  numidi- 
schen  Kleinstädtchen  an  der  fernsten  Grenze  des  rö- 
mischen Weltreiches,  der  um  die  Mitte  des  zweiten 
Jahrhunderts  n.  Chr.  als  wandernder  Virtuose  nach  Rom 
gekommen  ist.  In  allen  Sätteln  gerecht,  Redner,  Dich- 
ter, Philosoph  und  Prophet,  nirgends  etwas  Eigenes, 
immer  groß  im  Nachahmen,  jeder  Tonart  mächtig  und 
jeder  Empfindung  fähig  von  der  frivolsten  Sinnlichkeit 
bis  zu  dem  feierlichen  Ernst  platonischer  Philosophie 
oder  der  religiösen  Inbrunst  hellenistischen  Mysterien- 
glaubens, immer  unklar  und  immer  kokett  ist   er  das 


2  APULEIUS 

echte  Spiegelbild  einer  bildungsstolzen  und  schaffens- 
armen, lustgierigen    und  glaubenshungrigen  Zeit,    die 
nach   neuen   Idealen   sich    sehnt   und   nicht   die   Kraft 
hat,    sie    zu    ergreifen   und    zu    gestalten,    unbefriedigt 
und  spielerig  selbst  in   dem,  worauf  sie   den  höchsten 
Wert  legt.   Wir  begreifen   es  leicht,  daß   die  Literatur 
sich ,  in   solcher   Epoche   nach  rückwärts    wendet   und 
sich   in   der    gelehrten   Nachahmung   lebenskräftigerer 
und  einheitlicherer  Zeiten   gefällt.    Nur  ist  die  ruhige 
Größe   klassischer   Kunst  ihr  verschlossen;   die   Herb- 
heiten der  Frühzeit  oder  die  sinnfälligeren  Mittel  der 
bald  überzierlichen,  bald  überpathetischen  Übergangs- 
epoche  reizen  mehr,  und   der  enge  Kreis  ästhetischer 
Feinschmecker,   an   den  sie  mehr  und  mehr  sich  wen- 
det, freut  sich,   zugleich    in  wunderlichem    Gegensatz 
auch   volkstümlichen    Stoff  und    Ton    dieser  überkün- 
stelnden Umbildung  angepaßt  zu  sehen.  Apuleius  stammt 
aus  dem  Volke,  welches   der  ihm  lange  fremden  latei- 
nischen Zunge  ihre   Sprachkünstler  und   Grammatiker 
gegeben  hat,  wie  das  ägyptische  der  griechischen.  Er 
nahm  für  dies  Buch  stilistisch  die  Plaudereien  des  Cor- 
nelius Sisenna  zum  Vorbild,  eines  Schriftstellers  der 
nachsullanischen  Zeit,   der  von  der  ästhetischen  Theo- 
rie   damals    als    Muster   leichter   Erzählungskunst    ge- 
priesen wurde.  Ja  selbst  der  Hauptstoff,  die  Erlebnisse 
eines    zum  Esel  verzauberten  Jünglings,    ist,    wie   die 
Fragmente    des    Sisenna    zeigen,    diesem    entnommen. 
Sisenna  aber  übersetzt  nur  einen  griechischen  Schrift- 
steller  der  frühhellenistischen    Zeit,    Aristeides.  von 
Milet;   schon  bei  ihm  können  wir  dieselbe  Verwand- 
^   lungsgeschichte  nachweisen.   Der  Zusammenhang  hel- 
lenistischer und  römischer  Literatur,  der  stets  ins  Auge 
gefaßt    werden    muß,   wenn  wir    die    letztere    wirklich 


FRÜHERE  URTEILE  ÜBER  DAS  MÄRCHEN  3 

verstehen  wollen,  tritt  hier  schon  in  der  Stoffwahl  zu 
Tage. 

So  viel  zunächst  von  der  Vorgeschichte  des  Buches, 
das  Sie  im  Grunde  alle  kennen.  Bildet  doch  sein  Mit- 
telstück jene  Erzählung,  oder,  um  antik  zu  sprechen, 
jene  Plauderei  —  fabula  — ,  die  in  der  Weltliteratur 
eine  ganz  einzigartige  Wirkung  geübt  hat,  das  Mär- 
chen von  Amor  und  Psyche.  Auch  wem  die  Einzel- 
heiten nicht  gegenwärtig  sind,  dem  stehen  wohl  Raf- 
faels  leuchtende  Deckengemälde  in  der  Farnesina  oder 
Canovas  zierliche  Marmorgruppe  vor  Augen.  So  un- 
endlich verschieden  empfunden  beide  Werke  sind,  den 
Reiz  der  lateinischen  Dichtung  geben  beide  in  ihrer 
Art  vollkommen  wieder.  Aber  jenseits  des  Farben- 
schimmers einer  bildgewaltigen  Phantasie,  die  den 
Künstler  der  Renaissance  entzückte,  und  des  feinen  Rei- 
zes in  der  eleganten  Darstellung  erwachender  Jugend- 
sinnlichkeit, die  den  Modernen  lockte,  ahnten  Dichter 
und  Denker  von  jeher  noch  mehr.  Herder  nennt  die  Ge- 
schichte von  Amor  und  Psyche  den  vielseitigsten  Roman, 
der  je  gedacht  ward,  und  zweifelt,  ob  sich  Höheres  über- 
haupt ausdenken  ließe,  undähnlichurteilt  Goethe:  'schwer- 
lich ist  jemals  in  eines  Menschen  Geist  etwas  Lieblicheres 
und  Zarteres  aufgestiegen;  der  Verstand  ist  befrie- 
digt, das  Gemüt  erfreut  und  das  Herz  entzückt  und 
schlägt  froh  dem  Werke  entgegen,  welches  reizt,  ergreift 
und  unsere  schönsten  Empfindungen  aufregt;  die  Kunst 
überschüttet  uns  mit  ihren  Wohltaten.'  Ich  wüßte  kein 
Werk  der  lateinischen  Literatur,  das  er  ähnlich  gepriesen 
hätte.  Verwandtes  Empfinden  hat  in  der  Literatur  aller 
Kulturvölker  eine  Fülle  von  Nachdichtungen  geschaffen, 
und  noch  in  neuester  Zeit  ist  ein  namhafter  englischer 
Dichter  in  den  Wettkampf  mit  Apuleius    eingetreten. 


4  INHALT  DES  MÄRCHENS 

An  den  Gang  der  Erzählung  möchte  ich  nur  kurz 
erinnern. 

'In  einer  Stadt  lebten  einmal  ein  König  und  eine 
Königin,  die  hatten  drei  schöne  Töchter'  —  so  hebt 
im  echtesten  Märchenton  die  Erzählung  an.  Die  Jüngste, 
Psyche  mit  Namen,  überstrahlt  ihre  Schwestern  weit, 
der  Ruf  ihrer  wunderbaren  Schönheit  verbreitet  sich 
überall  hin,  alles  wallfahrtet  zu  ihr,  und  die  Schönheits- 
göttin Venus  wird  ganz  vergessen.  Die  ruft  voll  eifer- 
süchtigen Zorns  ihren  Sohn  Amor,  weist  ihm  das  Mäd- 
chen und  befiehlt,  es  mit  seinem  Pfeil  zu  treffen  und 
mit  Liebe  zu  dem  verachtetsten  und  widrigsten  Men- 
schen zu  erfüllen.  Für  die  Schwestern  finden  sich  könig- 
liche Freier,  für  Psyche  lange,  lange  Zeit  niemand.  Be- 
sorgt fragen  die  Eltern  das  Orakel  des  milesischen 
Apollo;  es  gebeut,  Psyche  auf  einem  Berggipfel  aus- 
zusetzen als  bräutliche  Beute  eines  schlangenförmigen 
Ungeheuers,  das  geflügelt  ewig  den  Äther  durcheilt, 
vor  dem  Jupiter  und  alle  Götter  zittern  und  selbst  der 
Tartarus  erbebt.  Unter  allgemeiner  Trauer  wird  sie 
im  Brautzuge  hingeleitet;  aber  als  die  weinenden  Eltern 
und  das  Volk  sich  entfernt  haben,  trägt  ein  sanfter 
Westwind  sie  in  einen  reichen  Zauberpalast;  Genien 
bedienen  sie  dort  unsichtbar  und  führen  sie  endlich 
zum  Lager.  Als  die  Lichter  erloschen  sind,  erscheint 
der  Herr  des  Palastes  und  macht  sie  zu  seinem  Weibe. 
Aber  er  scheidet  vor  Anbrechen  des  Morgens  wieder, 
und  auch  in  der  folgenden  Zeit  sieht  Psyche  nie  die 
Gestalt  des  allmählig  immer  inniger  Geliebten,  doch 
trägt  sie  schon  sein  Kind  in  ihrem  Schoß.  Daneben 
erwacht  in  der  Einsamkeit  der  Tage  die  Sehnsucht 
nach  den  Ihrigen;  sie  schmeichelt  dem  Gatten,  der  lange 
sich  sträubt,  endlich  die  Erlaubnis  ab,   daß  der  West- 


INHALT  DES  MÄRCHENS  5 

wind  ihr  die  Schwestern  zum  Besuch  bringt.  Von  Miß- 
gunst gepeinigt,  wollen  diese  ihr  Glück  vernichten  und 
reden  der  Arglosen  vor,  ein  ungeheurer  Drache  teile 
im  Dunkel  ihr  Lager  und  wolle  sie  später  verschlingen; 
sie  solle  in  der  nächsten  Nacht,  wenn  das  Ungetüm 
entschlummert  sei,  ein  Lämpchen  entzünden  und  ihm 
mit  dem  Messer  den  Kopf  abschneiden.  Obgleich  Psyche 
von  dem  Gatten  vor  der  Tücke  ihrer  Schwestern  ge- 
warnt ist  und  von  ihm  gehört  hat,  wenn  sie  sich  ein- 
mal verlocken  lasse,  ihn  schauen  zu  wollen,  werde  sie 
ihn  nie  wiedersehen,  will  sie  jetzt  alles  vergessend  dem 
Rate  folgen;  aber  wie  das  Lämpchen  aufflammt,  er- 
blickt sie  auf  dem  Lager  den  göttlich-schönen  knaben- 
haften Jüngling  Amor,  und  sein  Anblick  erweckt  in  ihr, 
nun  sie  ihn  auf  ewig  verlieren  soll,  die  wahre  und  volle 
Liebe.  Die  Lampe  zittert  in  ihrer  Hand,  ein  Tropfen 
glühenden  Öles  fallt  auf  die  Schulter  des  Gottes  und 
verwundet  ihn  schwer.  Erwachend  erkennt  er,  daß  ihr 
beider  Glück  zerstört  ist  und  er  scheiden  muß.  Psyche 
ist  dadurch  bestraft  genug;  an  den  arglistigen  Schwe- 
stern droht  er  schwere  Rache  zu  nehmen.  Beiden  wird 
nacheinander  —  bei  Apuleius  törichter  Weise  durch 
Psyche  selbst  —  die  Botschaft  überbracht,  Amor  habe 
diese  verstoßen  und  begehre  jetzt  sie  zur  Ehe;  beide 
eilen  gierig  zu  dem  bekannten  Berggipfel,  rufen  den 
Westwind  und  stürzen  sich  hinab;  aber  sie  zerschellen 
an  den  Felsen.  Psyche  irrt  umher,  den  Gatten  zu  suchen 
und  sich  —  wie  wir  auf  einmal  hören  —  vor  dem  Zorn 
der  Venus  zu  retten,  als  deren  Sklavin  sie  sich  fühlt 
und  jetzt  betrachtet  wird.  Vergeblich  bittet  sie  alle 
Göttinnen  um  Schutz  und  Hilfe;  endlich  stellt  sie  sich 
freiwillig  der  erzürnten  Herrin,  die  inzwischen  des 
Sohnes   Ungehorsam   gehört   und   den    Erkrankten    in 


6         •  INHALT  DES  MÄRCHENS 

Haft  genommen  hat.  Willig  erträgt  Psyche  die  Folter- 
strafe und  löst  todesmutig  die  zu  ihrem  Verderben 
ersonnenen  Aufgaben,  deren  letzte  sie  bis  in  den  Tar- 
tarus hinabführt;  sie  soll  dort  von  Proserpina  in  ver- 
schlossenem Gefäß  den  Schönheitszauber  der  Göttin 
holen.  Wohl  erliegt  sie  am  Schluß  dieser  letzten  Prü- 
fung, lüftet,  schon  zur  Oberwelt  zurückgekehrt,  neu- 
gierig den  Deckel  des  Gefäßes  und  versinkt  in  tod- 
gleichen Schlummer;  aber  wie  früher  die  ganze  Natur, 
so  hilft  diesmal  ihr  Gatte,  der  plötzlich  wieder  ge- 
nesen und  befreit  heranschwebt  und  sie  durch  Berüh- 
rung mit  seinem  Zauberpfeil  zum  Leben  erweckt.  Wäh- 
rend sie  zu  Venus  eilt,  ihren  Auftrag  zu  erfüllen,  er- 
weicht Amor  durch  sein  Flehen  Jupiter;  in  der  Götter- 
versammlung verkündet  dieser  seinen  Beschluß,  Psyche 
dem  Amor  zur  rechtmäßigen  Gattin  zu  geben.  Merkur 
führt  sie  in  den  Himmel  empor;  der  Göttervater  selbst 
reicht  ihr  den  Trank  der  Unsterblichkeit  und  verkündet, 
daß  Amor  ihr  in  ewiger  Ehe  gesellt  bleiben  werde; 
der  ganze  Himmel  feiert  die  göttliche  Hochzeit. 

Erwähnen  muß  ich  noch  den  eigenartigen  Stil:  bald 
schlichtester  Märchenton,  wie  in  den  oben  angeführten 
Eingangsworten,  die  an  der  Gebrüder  Grimm  uns  allen 
vertrautes  Hausbuch  erinnern,  bald  die  farbenreichen 
Bilder  alexandrinischer  Poesie,  wie  in  der  Schilderung 
der  Fahrt  der  Venus  durch  das  Meer,  der  Raffael  das 
Motiv  zu  dem  Bilde  der  Galathea  entnahm.  Sie  hatte 
ebenso  wie  der  Flug  der  Göttin  durch  den  Himmels- 
raum, den  Apuleius  an  anderer  Stelle  beschreibt,  in 
alexandrinischen  Hochzeitsliedern  ihren  festen  Platz.  Die 
Schilderung  der  Schönheit  Psyches  wetteifert  mit  einer 
ähnlichen  Schilderung  in  einer  berühmten  Romanze 
des  Kallimachos,  ein  Aufruf,  in  welchem  Venus  einen 


STIL  DES  MÄRCHENS  7 

Lohn  auf  die  Ergreifung  ihrer  flüchtigen  Sklavin  Psyche 
setzt,  ist  einem  epigrammartigen  Spiel  des  Moschos 
nachgebildet;  der  zierliche  Rokokostil  der  jüngeren 
alexandrinischen  Liebesdichtung  verrät  sich  beständig 
in  koketten  Wendungen  und  spielenden  Einfällen. 
Daneben  —  besonders  in  der  Schilderung  der  Götter 
—  ein  gewisser  naturalistisch-kleinbürgerlicher  Ton, 
der  nicht  selten  bewußt  komisch  wirken  will  und  ins 
Burleske  umschlägt.  Da  begründet  Jupiter  seinen  Ent- 
schluß, den  jüngsten,  allzu  feurigen  Gott  frühzeitig  4n 
die  Fesseln  der  Ehe  zu  schlagen'  mit  der  Sorge  vor 
Skandal,  oder  führt  Juno  ihrer  Schwiegertochter  Venus 
zu  Gemüt,  eine  verständige  Mutter  dürfe  in  manchen 
Dingen  den  Söhnen  gegenüber  nicht  allzu  neugierig 
sein,  oder  spricht  ihr  gar  zu:  weil  sie  sich  selbst  so 
wohl  konserviert  habe,  sehe  sie  in  dem  Sohne  immer 
noch  das  Kind  und  müsse  doch  selbst  am  besten  wissen, 
wie  alt  er  sei  und  daß  es  ein  Junge  sei.  Ärgert  sich 
doch  die  Göttin  Venus  am  meisten  darüber,  daß  sie 
durch  diese  'Kindertorheit'  jetzt  Großmutter  werden 
soll,  während  sie  sich  doch  noch  jung  und  schön  fühlt. 
Wenn  Ceres  ihre  Unterstützung  gegen  Venus  versagt, 
so  bezeichnet  sie  diese  als  eine  'grundbrave  Frau',  und 
Jupiter  hält  dem  Amor,  dessen  Mündchen  er  zum  Kuß 
heranzieht,  die  liebevolle  Strafpredigt:  'mein  Herr 
Junge,  eigentlich  warst  du  von  jeher  respektlos  gegen 
mich  und  hast  mich  mit  allen  öffentlichen  Ordnungen, 
ja  selbst  mit  dem  Julischen  Gesetz  über  Ehebruch  in 
Konflikt  gebracht.'  Gar  nicht  selten  nimmt  die  Götter- 
geschichte auf  das  geltende  römische  Recht  und  den 
Brauch  der  Kaiserzeit  bezug;  wie  der  Rat  einer  Stadt 
werden  die  Götter  zur  Versammlung  entboten  und  an- 
gesprochen; hohe  Geldstrafen  für  unentschuldigtes  Aus- 


8  STILISTISCHE  VORBILDER 

bleiben  haben  sie  zu  vollzähligem  und  pünktlichem  Er- 
scheinen bewogen.  Das  ist  der  Ton  nicht  mehr  des 
Märchens,  sondern  der  Menippischen  Satire,  und  zwar 
in  ihrer  römischen  Ausgestaltung.  Sie  erhielt  ihre 
klassische  Form  in  Rom  eben  in  Sisennas  Zeit,  und 
wenn  gerade  im  Eingang  unseres  Märchens  der  mi- 
lesische  Apollo  zu  Ehren  des  Sisenna  sein  Orakel 
in  lateinischen  Versen  gibt,  so  dürfen  wir  mit  einiger 
Wahrscheinlichkeit  folgern,  daß  auch  das  Märchen 
selbst  irgendein  Vorbild  bei  Sisenna  hatte,  und  daß 
dessen  'milesische  Plaudereien'  auch  Göttergeschichten 
in  jener  Veranschaulichung  und  Modernisierung  ent- 
hielten, die  dem  Kunstmärchen  an  sich  eigen  ist 
und  durch  absichtliche  Naivetät  humoristisch  wirken 
will.  Ihre  höchste  Steigerung  zeigt  sich  in  diesen  ^Lati- 
nismen', zu  denen  Sisenna  durch  Lucilius  und  Varro 
angeregt  sein  wird.  Sie  gehören  darum  für  Apuleius 
notwendig  zum  Stil  des  lateinischen  Kunstmärchens. 
Dennoch  will  Apuleius  nicht  ein  Märchen  schlecht- 
hin bieten,  sondern  zugleich  eine  allegorische  Dich- 
tung. Seine  Venus  hat  die  Göttin  Besonnenheit  zur 
Feindin,  Gewohnheit,  Kummer  und  Trauer  zu  Diene- 
rinnen, und  aus  dem  Bunde  des  Amor  und  der  Psyche 
entspringt  als  göttliches  Kind  die  Lust.  Wenn  sein 
ganzes  Werk  als  letzte  Verwandlung,  die  er  selbst  er- 
fahren haben  will,  die  Vergöttlichung  im  Mysterium 
schildert,  wenn  all  die  burlesken  und  lasziven  Erleb- 
nisse des  zum  Esel  Verzauberten  schließlich  darin  aus- 
laufen, daß  er  in  gläubigem  Vertrauen  sich  an  Isis 
wendet  und  von  ihr,  die  ihn  längst  erwählt  hat,  zu- 
nächst entzaubert,  dann  zum  Heil  berufen  und  endlich 
in  ein  neues  Leben  innigster,  fast  sinnlicher  Vereini- 
gung  mit    der   Gottheit    entrückt    wird,    so  muß    das 


UNSTIMMIGKEITEN  DER  ERZÄHLUNG  g 

große  Mittelstück  dieses  Werkes,  die  Erzählung  von 
Amor  und  Psyche  für  ihn  notwendig  den  Nebenzweck 
gehabt  haben,  zu  zeigen,  wie  die  Menschenseele 
nach  Irrtum  und  harter  Prüfung  zu  Gott  erhoben  wird. 
Aber  seltsam:  nur  die  Stellung  der  Erzählung  verrät 
jetzt  diesen  tieferen  Sinn.  Die  eigenen  allegorischen  Zu- 
sätze des  Apuleius  dienen  ihm  schlecht.  Seine  Er- 
zählung läßt  sich  gar  nicht  allegorisch  deuten  und  ist 
widerspruchsvoll  in  sich  selbst,  und  zwar  nicht  bloß  in 
Kleinigkeiten:  Anfang  und  Schluß  zeigen  bei  näherer 
Prüfung  verschiedene  Voraussetzungen  und  verschiedene 
Motive.  Daß  der  Befehl  der  Venus  an  Amor  eine  ganz 
andere  Fortsetzung  erwarten  läßt  als  das  so  über- 
raschend auftretende  Orakel,  daß  die  auf  die  Rivalin 
ihrer  Schönheit  eifersüchtige  Göttin  noch  nicht  die 
Herrin  der  Psyche  ist  und  die  unbegehrt  verblühende 
Psyche  nicht  das  eben  erblühende  Kind,  das  im  Fol- 
genden geschildert  wird,  haben  Sie  schon  bei  der 
kurzen  Inhaltsangabe  empfunden  und  die  Unklarheiten 
auch  der  Haupterzählung  gefühlt.  Spricht  dies  von 
Anfang  an  gegen  eine  frei  und  darum  einheitlich  und 
verständlich  erfundene  Erzählung,  so  gegen  die  Alle- 
gorie die  ganze  Einführung  der  Venus.  Für  die  Liebes- 
göttin ist  in  einer  Allegorie  neben  dem  Liebesgott 
überhaupt  kein  Platz,  und  am  wenigsten  für  die  Liebes- 
göttin als  böse  Schwiegermutter.  Es  ist  durchaus 
sicher,  daß  Apuleius  seinen  Stoff  weder  selbst  erfunden 
noch  innerlich  gemeistert  hat;  nur  die  Form  ist  sein 
eigen,  der  Inhalt  aus  dem  Griechischen  übernommen. 
Was  ist  er  ursprünglich?  Diese  Frage  ist  unendlich 
oft  aufgeworfen  und  ganz  verschieden  beantwortet 
worden.  Die  erste  wissenschaftliche  Lösung  versuchte 
im   vorigen   Jahrhundert    ein   hervorragender   Archäo- 


lO  JAHN.    ALLEGORISCHE  ERKLÄRUNG 

löge,  Otto  Jahn.  Von  dem  Eros,  dem  Liebesdämon  in 
'  Piatos  Symposion,  und  von  Piatos  freilich  nur  sehr  be- 
dingter Personifizierung  der  Seele  schien  ihm  der  Ge- 
danke auszugehen.  Bildliche  Darstellungen  des  beflü- 
gelten Erosknaben  und  seines  Gegenbildes,  der  Seele 
als  des  kindlichen  Mädchens  mit  Schmetterlingsflügeln, 
verfolgte  er  bis  hoch  in  hellenistische  Zeit  hinauf;  Dar- 
stellungen, wie  beide  sich  wechselseitig  verletzen  und 
quälen,  wenigstens  bis  in  den  Anfang  des  ersten  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  Damals  mochte  also  aus  philosophischen 
Anregungen  eine  gelehrte  und  stets  auf  den  Kreis 
der  Gelehrten  beschränkte  allegorische  Erzählung 
entstanden  sein,  deren  Einzelzüge  dann  heitere  Dichter- 
phantasie ausgestaltete.  Allein  den  philosophischen 
Ausgangspunkt,  den  Jahn  noch  annahm,  müßten  wir 
zunächst  ganz  aufgeben.  Der  Amor  dieser  Erzählung 
ist  nicht  der  Eros  Piatos,  der  wohl  die  Seele  zu  Gott 
führt,  aber  nicht  selbst  Gegenstand  ihrer  Liebe 
ist;  es  ist  der  bekannte  Gott  der  alexandrinischen 
Dichtung,  und  seine  Partnerin  Psyche  erinnert  zu- 
nächst in  nichts  an  die  Seele,  die  zum  Himmel  empor- 
strebt, weil  sie  für  den  Philosophen  vom  Himmel 
stammt;  es  ist  das  kindhafte  Mädchen,  das  in  den 
Wonnen  und  mehr  noch  in  den  Leiden  der  Liebe  zum 
echten  Weibe  wird;  nur  ihre  Liebestreue  soll  ge- 
schildert werden;  ein  Menschenkind  mit  allen  seinen 
Schwächen  wird  zu  Gott  verwandelt,  das  ist  Ziel 
und  Sinn  der  ganzen  Erzählung.  Und  wo  wäre  wohl 
der  Philosoph  jener  Zeit,  der  das  Erhabene  und  Hei- 
lige der  Geschlechtsliebe  und  Ehe  derartig  emp- 
funden hätte,  daß  er  sie  auch  nur  in  allegorischer 
Darstellung  den  Menschen  zu  Gott  machen  ließe?  Das 
ist  entweder  eine  religiöse  oder  eine  dichterische  Vor- 


ERKLÄRUNG  AUS  DER  KUNST  j  i 

Stellung;  für  keine  von  beiden  könnte  Plato  die  Quelle 
sein.  Es  ist  möglich,  daß  ein  Jahn  noch  unbekanntes 
Relief  etwa  aus  der  Mitte  des  vierten  Jahrhunderts 
V.  Chr.,  das  den  beflügelten  Eros  in  innigem  Bunde 
mit  einem  ebenfalls  mit  starken  Vogelfittigen  be- 
schwingten Mädchen  zeigt,  Eros  und  Psyche,  d.  h.  die 
Menschenseele,  darstellen  soll.  Aber  diese  Vorstellung 
hat  dann  mit  Plato  so  wenig  zu  tun,  wie  mit  unserer 
Erzählung,  in  der  Psyche  eben  nicht  das  Flügelwesen 
ist.  Noch  weniger  läßt  sich*  die  übliche  Darstellung  der 
Seele  als  Schmetterling  oder  als  Mädchen  mit  Schmet- 
terlingsflügeln aus  Plato  ableiten  oder  mit  unserer  Er- 
zählung verbinden.  Der  nicht  von  einem  Philosophen 
erfundene  Gedanke,  daß  der  Liebesgott  die  Seele  quält 
und  beglückt,  führt  von  selbst  zu  der  Zusammenstel- 
lung, und  spielende  Künstlerphantasie  zeigt  uns  das 
später  ganz  kindlich  gebildete  Paar  in  den  verschie- 
densten Situationen;  wir  sehen  es  in  der  rein  deko- 
rativen pompejanischen  Kunst  zusammen  musizieren 
oder  Kränze  flechten,  Ol  auspressen  oder  Walker- 
arbeit treiben.  Wer  annehmen  will,  daß  nur  ein  lusti- 
ger Künstlereinfall  die  wechselseitige  Liebe  und  das 
wechselseitige  Quälen  dieses  Kinderpaares  ge- 
schaffen, ein  weiterer  Einfall  Aphrodite  als  böse 
Schwiegermutter  hinzugefügt,  und  ein  letzter  endlich 
aus  der  Liebesvereinigung  am  Schluß  die  dauernde 
Ehe  gemacht  hat,  zu  welcher  der  Göttervater  selbst 
seine  Zustimmung  geben  muß,  —  der  läßt  eine  will- 
kürliche Folge  ganz  verschiedener  bildlicher  und  dich- 
terischer Einfälle  eine  tiefsinnige  Einheit  schaffen  und 
aus  einer  Reihe  von  Zufällen  einen  Kosmos  hervor- 
gehen. Für  Jahn  wäre  eine  solche  Annahme  unmög- 
lich gewesen,  gerade  weil  er  viel  zu  tief  künstlerisch 


1 2  FRIEDLÄNDERS  ERKLÄRUNG 

empfand;  aber  sein  Versuch,  Sinn  und  Einheit  der  Er- 
zählung durch  einen  Verweis  auf  die  Mythen  Piatos 
zu  erklären,  blieb  unklar  und  unbefriedigend. 

Einen  anderen  Weg  schlug  die  Forschung  ein,  als 
die  heranwachsende  Germanistik  die  klassische  Philo- 
logie aus  ihrer  Isolierung  befreite  und  ihr  zugleich 
einen  tieferen  Einblick  in  volkstümliches  Schaffen  und 
Dichten  erschloß.  Angeregt  von  den  Brüdern  Grimm 
und  den  Sagenforschungen  Mannhardts  erhob  Ludwig 
Friedländer  gegen  die  damals  noch  herrschende  rein 
allegorische  Erklärung  Einspruch.  Wie  kann  man  über- 
haupt in  der  Handlung  eine  künstlich  ersonnene  Alle- 
gorie suchen!  Es  sind  ja  lauter  Märchenzüge,  die  wir 
hier  treffen:  der  verwunschene  Prinz,  der  zum  Un- 
geheuer geworden  ist,  dem  man  die  Königstochter 
aussetzt,  die  Ehe  zwischen  Menschenkind  und  Zauber- 
wesen, die  nur  solange  währen  kann,  als  der  eine  Teil 
den  anderen  nicht  in  seiner  wahren  Gestalt  erblickt, 
Ungehorsam,  Reue  und  Irrfahrt  der  neugierigen  Gattin, 
ja  selbst  das  Niedersteigen  ins  Totenreich,  um  das 
Wasser  des  Lebens  zu  holen  —  das  alles  kehrt  ja  in 
den  Märchen  der  verschiedensten  Nationen  wieder, 
und  wenn  Psyche  einen  großen  Haufen  ungleichartiger 
Kömer  in  kurzer  Zeit  auseinanderlesen  soll  und  hilf- 
reiche Tiere  die  für  sie  unmögliche  Arbeit  verrichten, 
so  erinnern  wir  uns  alle  aus  unserer  Kindheit  an  das 
Märchen  vom  Aschenbrödel.  Nichts  weiter  als  solch  ein 
uraltes,  den  meisten  Kulturvölkern  gemeinsames  Mär- 
lein vom  verwunschenen  Prinzen  und  der  schönen  Königs- 
tochter liegt  der  Erzählung  des  Apuleius  zugrunde; 
nur  verband  er  es  mit  jener  gelehrten  allegorischen 
Dichtung  von  Eros  und  Psyche,  die  Jahn  aus  den  Bild- 
werken  erschlossen  hat,   machte    die  handelnden  Per- 


FRIEDLANDERS  NACHFOLGER 


13 


sonen  zu  Göttern  und   verdarb   zugleich  in  kläglicher 
Weise  den  Stil  des  Märchens. 

Friedländers  Erklärung  herrscht  bis  auf  den  heutigen 
Tag,  ja  sie  hat  derartige  Verbreitung  gefunden,  daß 
nicht-philologische  *Märchenforscher'  überhaupt  nur 
noch  ein  Märchen  von  dem  verzauberten  Königssohn 
kennen  und  von  Jahns  und  seiner  Nachfolger  Arbeiten 
nichts  mehr  wissen.  Wozu  auch  die  Vorstellungen  von 
Eros  und  Psyche  überhaupt  verfolgen;  sie  sind  ja  erst 
von  Apuleius  hereingebracht,  von  dessen  schriftstelleri- 
scher Person  und  Tätigkeit  sich  der  Märchenforscher 
kein  Bild  zu  machen  braucht.  Er  nimmt,  was  er  als 
Vorlage  des  Apuleius  konstruiert,  und  erweist  an  ihm, 
wie  sinnlos  das  Volksmärchen  die  verschiedensten 
Motive  durcheinanderzuwirren  liebt.  Der  Nachweis  ist 
leicht,  denn  daß  erst  Apuleius  den  scheinbaren  Sinn 
hereingebracht  hat,  war  vorausgesetzt. 

Dagegen  suchten  jüngere  Philologen,  welche  wirk- 
lich des  Apuleius  Erzählung  aus  dem  Märchen  er- 
klären wollten,  zwar  Friedländers  Versuch  im  einzelnen 
mit  Glück  zu  berichtigen  und  zu  ergänzen,  machten  ihn 
aber  in  seiner  Gesamtheit  nur  befremdlicher  und  un- 
wahrscheinlicher. Die  Vereinigung  des  Märchens  vom 
verwunschenen  Prinzen  und  der  gelehrten  allegorischen 
Dichtung  von  Eros  und  Psyche  ward  in  eine  vor  Apu- 
leius liegende  griechische  literarische  Quelle  verlegt, 
ja  jene  gelehrte  Dichtung  wohl  gar  als  hellenistischer 
Liebesroman  bezeichnet,  der  —  auffalligerweise  —  unter 
Göttern  spiele.  Nach  der  Methode  |der  Quellenkritik, 
die  wir  etwa  an  dem  Mosaikwerk  lexikalischer  Sammel- 
schriften mit  Glück  üben,  ward  dann  die  Erzählung 
Satz  für  Satz  durchgenommen:  jeder,  zu  dem  sich  in 
den  modernen  Märchen  irgendeines  Volkes  eine  in- 

Reitzenstetn:  Amor  und  Psyche.  2 


14  BEDENKEN  GEGEN  FRIED  LÄNDERS  NACHFOLGER 

haltliche  oder  auch  nur  stilistische  Analogie  findet, 
gehört  der  uralten  Volksdichtung  von  dem  Prinzen, 
jeder  Satz,  der  stilistisch  an  die  Wendungen  irgend- 
eines griechischen  Romanes  erinnert,  dem  Eros-Roman 
an.  So  'haben  wir  die  Teile  in  der  Hand',  die  Dichtung 
ist  erklärt.  Daß  für  ein  Rätsel  im  Grunde  nur  deren 
zwei  gewonnen  sind,  braucht  uns  nicht  zu  kümmern. 
Nun  kann  ich  hier  nur  andeuten,  daß  der  griechische 
Roman  einen  eigenen  Stil  gar  nicht  hat;  er  gibt  nur 
die  von  der  Dichtung  geschaffenen  typischen  Schilde- 
rungen der  Leidenschaft  in  der  rhetorischen  Aus- 
bildung, die  damals  notwendiges  Erfordernis  aller  'lite- 
rarischen' Prosa  ist,  und  berührt  sich  zudem  in  Mo- 
tiven und  Erzählungsformen  durchaus  nicht  selten  mit 
dem  Märchen.  Und  gar  dieses  selbst!  Auch  wenn  wir 
nicht  schlechthin  jedes  Volksmärchen  als  umgebildete 
und  verwilderte  Kunsterzählung  fassen,  wie  die  Volks- 
lieder als  zersungene  Kunstlieder,  so  zeigen  doch  immer 
zahlreichere  Proben,  daß  die  Märchen  unserer  Kultur- 
völker, genau  wie  die  heutzutage  aus  Volksmund  auf- 
gezeichneten Sagen,  auch  direkt  literarische  Einflüsse 
erfahren  haben,  und  daß  auch  die  antike  Literatur  mit- 
telbar, ja  selbst  unmittelbar  einwirkt,  und  zwar  bis  auf 
die  indischen  Märchen  und  die  Märchen  der  Zigeuner. 
Es  gehört  ein  neidenswerter  Mut  dazu,  bei  jeder  sach- 
lichen oder  gar  nur  stilistischen  Übereinstimmung  die 
junge  Version  kurzerhand  für  die  ursprüngliche,  ja  für 
prähistorisch  oder  doch  präliterarhistorisch  zu  erklären, 
nur  weil  sie  uns  nicht  literarisch,  sondern  in  einer 
Form  überliefert  ist,  die  beständigem  Wechsel  und  un- 
kontrollierbaren Einflüssen  unterworfen  ist. 

Aber  auch  Friedländers  eigene  Erklärung,  so  gewiß 
sie    einen   Teil    des  Richtigen  bietet,   unterliegt    dem 


BEDENKEN  GEGEN  FRIEDLÄNDER 


15 


schweren  Bedenken,  daß  zwei  ganz  verschiedene  Er- 
klärungsarten rein  äußerlich  miteinander  verbunden  sind: 
die  Annahme  einer  künstlichen  philosophischen  Alle- 
gorie, die  uns  von  Anfang 'an  unmöglich  schien,  und 
die  eines  freien  Phantasiespiels,  das  mit  den  mytholo- 
gischen Bezeichnungen  gar  nichts  zu  tun  haben  soll. 
Daß  der  Held  dieses  Phantasiespiels  ein  verwunschener 
Königssohn  oder  überhaupt  ein  Menschenkind  gewesen 
sein  müsse,  scheint  mir  voreilig  aus  modernen  Märchen, 
ja  im  Grunde  aus  Grimms  Volksbuch  erschlossen;  daß 
auch  echte  Göttermythen  zu  Märchen  werden  oder 
märchenhafte  Züge  in  sich  aufnehmen  können,  zwar 
theoretisch  zugegeben,  aber  praktisch  nicht  berück- 
sichtigt zu  sein.  Daß  wir  die  Erzählungsform  des  Mär- 
chens schon  bei  den  primitiven  Völkern  nachweisen 
können  und  einzelne  Motive  und  Typen  bei  vielen  Kul- 
turnationen wiederfinden,  ohne  den  gemeinsamen  Besitz 
bisher  voll  erklären  zu  können,  darf  uns  den  Blick 
dafür  nicht  trüben,  daß,  wo  diese  Erzählung  zur  Kunst- 
übung geworden  ist,  sie  in  jedem  Volk  wieder  indi- 
viduellen Gesetzen  unterworfen  ist,  die  sich  nach  seinen 
Anlagen  und  der  jeweiligen  Kulturhöhe  richten.  Das 
Verhältnis  von  Mythos  und  Märchen  wird  anders  sein, 
wo  ein  Bruch  der  gesamten  religiösen  Anschauungen 
sich  vollzogen  hat  und  eine  frühere  Vorstellungswelt 
nur  in  dem  Dunkel  halbbewußten  Volkserinnems  fort- 
lebt, anders  wo  die  ursprünglichen  mythologischen  Vor- 
stellungen nur  leicht  geändert  in  religiöser  Wertung 
weiter  bestehen,  und  die  Kunst  in  ihm  wird  sich  anders 
entfalten,  wo  die  Freude  an  dem  freien  und  heiteren  Spiel 
der  Phantasie,  das  in  dem  Märchen  waltet,  auch  dem 
erwachsenen  und  gebildeten  Manne  noch  treu  geblieben 
ist,  oder  wo  starke  Verstandesentwicklung  und  Wirk- 


l6  ANTIKE  MÄRCHEN 

lichkeitssinn  seine  Herrschaft  beschränkt  und  ihm  früh- 
zeitig als  unbestrittenes  Reich  nur  die  Kinderstube 
und  vielleicht  noch  das  Frauengemach  gelassen  haben. 
Wollen  wir  ein  antikes  Märchen  recht  verstehen,  so 
müssen  wir  zunächst  ohne  alle  modernen  Begriffs- 
bestimmungen das  Märchen   in  der  Antike   aufsuchen. 

Freilich  die  altitalischen  Märchen,  die  ein  großer 
Philologe  sich  einst  erträumte,  haben  bei  der  Nach- 
prüfung nicht  Stich  gehalten,  und  was  wir  auf  alt- 
griechischem Boden  an  MärchenstofiFen  aus  Komödie 
und  Sprichwort,  Fabel  und  philosophischer  Dichtung 
gewonnen  haben,  Schlaraffenland  und  Jungmühle,  Tier- 
hochzeit und  Tischlein  deck  dich,  vor  allem  aber  jene 
Schilderungen  fabelhafter  Toren  und  Stumpfsinniger, 
läßt  sich  mit  unserem  Märchen  nicht  vergleichen  und 
zeigt,  ähnlich  wie  die  beliebte  Ausmalung  der  ver- 
kehrten Welt,  wo  das  Viereckige  rollt  und  der  Wagen 
den  Ochsen  zieht,  jene  Einwirkung  des  reflektierenden 
Verstandes,  die  das  Märchen  zum  Schwank  oder  zur 
Lügengeschichte  macht. 

Das  ändert  sich,  wenn  wir  den  Blick  auf  die  helle- 
nistischen Gebiete,  also  den  Orient,  lenken,  auf  welchen 
die  Erwähnung  des  ungeheuren,  den  Himmel  umkrei- 
senden Drachen  oder  die  Beschreibung  des  Zauber- 
palastes, in  dem  unsichtbare  Genien  bedienen,  ohnedies 
zu  weisen  scheinen.  Hier  ist  die  phantastische  Erzäh- 
lung frühzeitig  zur  Kunst  geworden  und  die  Freude 
am  Märchen  auch  den  Erwachsenen  geblieben,  und 
noch  heute  sieht  man  sie  z.  B.  in  Cairo  in  mondheller 
Nacht  an  den  Straßenecken  oder  in  kleinen  Caf^s 
stundenlang  den  altbekannten  Geschichten  lauschen, 
die  der  lebendige  und  anschauliche  Vortrag  des  Er- 
zählers oder  Vorlesers  immer  neu  erscheinen  läßt.  Hier 


HELLENISTISCHE  MÄRCHEN  UND  MYTHEN  i  7 

vor  allem  sehen  wir  schon  in  vorgriechischer  und 
später  in  hellenistischer  Zeit  den  Göttermythos  zur 
Novelle  oder  zum  Märchen  werden.  Er  dient  scheinbar 
nur  der  Unterhaltung  und  kann  doch  immer  religiöse 
Bedeutung  annehmen,  ja  behält  sie  sogar  in  den  man- 
cherlei Übertragungen  und  Umgestaltungen  bei,  die 
das  Märchen  zu  aller  Zeit  durchmacht.  So  läßt  eine 
altchristliche  Wundererzählung  von  den  Wanderungen, 
und  dem  Tode  des  Apostel  Thomas  diesen,  als  er  von 
dem  erzürnten  König  ins  Gefängnis  geworfen  ist  und 
die  Mitgefangenen  ihn  bitten,  für  seine  und  ihre  Be- 
freiung seinen  Gott  anzuflehen,  ein  seltsames  Lied  an- 
stimmen. Es  ist  ein  in  orientalischer  Farbenpracht  schim- 
merndes Märchen  von  einem  Königssohn,  den  seine 
Eltern  aus  dem  fernen  Ostreich  nach  Ägypten  senden, 
um  dort  eine  kostbare,  von  einem  Drachen  gehütete 
Perle  zu  holen.  Als  er  sie  schon  errungen  hat,  wird 
er  durch  List  überwältigt  und  in  Zauberschlaf  versenkt; 
doch  befreien  ihn  seine  Eltern  durch  ein  Wunder,  er 
kehrt  heim  und  wird  Erbe  des  Reiches.  Auch  hierin 
hat  man  lange  eine  Allegorie  gesucht  und  in  dem 
Königssohn  die  Seele  erkennen  wollen;  aber  auch  hier 
will  die  Allegorie  nicht  recht  passen.  Ein  alter  Götter- 
mythos in  märchenhafter  Ausgestaltung  liegt  vor, 
und  ich  habe  früher  einmal  zu  erweisen  versucht,  daß 
es  ursprünglich  der  ägyptische  Mythos  von  der  Hades- 
wanderung des  Horus  ist,  der  zunächst  von  Heiden 
nach  Syrien  übertragen  und  später  von  Christen  auf 
Christus  gedeutet  ist,  so  schlecht  auch  einzelne  Züge 
auf  diesen  passen  wollten.  Mit  der  Erzählung  verband 
sich  die  Hoffnung  des  Gläubigen,  zu  erleben,  was  sein 
Gott  erlebt  hat;  wer  sie  in  Not  vorträgt,  spricht  da- 
mit sein  Vertrauen  auf  Gottes  befreiende  Wundermacht 


l8  BEDEUTUNG  HELLENISTISCHER  MÄRCHEN 

aus;  das  Märchen  hat  ihm  nicht  allegorische,  wohl 
aber  typische  oder  symbolische  Bedeutung.  Einer 
der  feinsten  Kenner  des  Hellenismus,  Wendland,  ließ 
sich  damals  hiervon  überzeugen  und  warf  die  Frage 
hin,  ob  sich  das  Märchen  von  Amor  und  Psyche  ähn- 
lich aus  einem  orientalischen  Mythos  erklären  lasse. 
Die  Aufgabe,  die  er  uns  damit  stellte,  lockt  um  so  mehr, 
als  schon  der  erste  Blick  zeigt,  daß  die  Verwendung 
der  beiden  Märchen  im  Rahmen  der  größeren,  fast 
gleichzeitigen  Wundergeschichten  ganz  ähnlich  ist.  Der 
gefangene  Apostel  soll  in  jenem  Liede  seine  Hoffnung 
auf  Befreiung  aus  der  augenblicklichen  Not  aussprechen 
und  die  Mitgefangenen  trösten;  dazu  brauchte  es  an 
und  für  sich  des  langen  und  künstlichen  Liedes  nicht, 
das  jüngere  Bearbeiter  daher  auch  fortlassen.  Der  erste 
Erzähler  will  offenbar,  daß  nachdenkliche  Leser  zu- 
gleich an  die  verheißene  einstige  Befreiung  aus  dem 
Banne  des  Irdischen  und  die  Heimkehr  zu  Gott  denken. 
Das  Märchen  von  Amor  und  Psyche  soll  zunächst  eine 
gefangene  Jungfrau  ermutigen  und  trösten,  die,  am 
Tage  der  Hochzeit  von  Räubern  entführt,  ewige  Tren- 
nung von  dem  Geliebten  voraussieht;  aber  zugleich 
soll  es  in  dem  nachdenklichen  Leser  die  Empfindung 
wachrufen,  daß  dem  in  Not  geratenen  Helden  der  Er- 
zählung und  jeder  von  Gott  erwählten  Seele  trotz  aller 
Prüfung  ewiges  Heil  gewiß  ist;  nur  dieser  Nebenzweck 
rechtfertigt  die  breite  künstlerische  Ausgestaltung.  Ein 
leicht  begreifliches  Kunstgesetz  läßt  in  die  Wunder- 
erzählung aus  der  jüngsten  Vergangenheit  den  Mythos 
oder  das  mythologische  Märchen  einlegen,  um  den  Grund- 
gedanken der  Gesamterzählung  fühlbarer  zu  machen. 
Denn  wenn  Jahn  noch  die  zahlreichen  Kunstwerke, 
welche  Eros  und  Psyche  verbunden  zeigen,   auf  eine 


EROS  UND  PSYCHE  IN  DEN  ZAUBERPAPYRI. 


19 


gelehrte  Allegorie  glaubte  zurückführen  zu  können, 
so  hätte  die  Fülle  der  inzwischen  nachgewiesenen 
Denkmäler  vor  allem  der  Sepulchralkunst  diesen  Ge- 
danken jetzt  ganz  ausschließen  müssen.  Die  Entschei- 
dung geben  die  in  Ägypten  gefundenen  Zauberpapyri, 
deren  Aufzeichnung  meist  in  das  dritte  und  vierte  Jahr- 
hundert fällt,  während  der  Inhalt  in  der  Regel  be- 
trächtlich älter  scheint.  Sie  erwähnen  eine  Menge  grie- 
chischer und  orientalischer  Kultbilder,  Bräuche  und 
Mythen,  aber  ihrer  ganzen  Natur  nach  niemals  gelehrte 
Allegorien  oder  Märchen.  Hier  finden  wir  in  einem 
dem  sagenhaften  phrygischen  Zauberer  Dardanos  zu- 
geschriebenen Liebeszwang,  dem  'Schwert',  die  Vor- 
schrift: grabe  auf  Magnetstein  auf  die  eine  Seite  Aphro- 
dite, wie  sie  als  Reiterin  auf  der  Psyche  sitzt  und  mit 
der  linken  Hand  ihre  Locken  hält  und  aufbindet,  und 
unter  Aphrodite  und  Psyche  den  Eros  auf  dem  Welt- 
ball stehend,  eine  brennende  Fackel  in  der  Hand,  mit 
der  er  die  Psyche  versengt;  auf  der  anderen  Seite 
grabe  Psyche  und  Eros  ein,  die  sich  umschlungen  hal- 
ten. Wohl  ist  es  wahrscheinlich,  daß  der  Verfasser 
des  Zaubers  hier  Psyche  als  Vertreterin  der  einzelnen 
Menschenseele  faßt  —  er  schreibt  ja  einen  Liebes-i 
zwang  — ,  aber  sicher  scheint  mir,  daß  er  zwei  Szenfen 
aus  einer  Erzählung  berücksichtigt.  Von  ihnen  kehrt 
die  eine,  Eros  und  Psyche  sich  umschlingend,  oft  in 
unseren  Denkmälern  wieder;  die  andere  hat  nur  wenige 
Gegenbilder,  in  denen  der  Erosknabe  allein  Psyche 
mit  der  Fackel  versengt.  Das  Hereinziehen  der  Aphro- 
dite, die  in  der  Erzählung  des  Apuleius  die  eigentliche 
Quälerin  der  Psyche  ist,  befremdet  durchaus;  die  gro- 
teske Szene  ist  sicher  nicht  aus  jenen  anmutigen  Wer- 
ken  der  Kleinkunst  herausentwickelt;   eher  diese  aus 


20  EROS  UND  PSYCHE  IN  DEN  ZAUBERPAPYRI. 

der  gleichen  Erzählung  oder  Vorstellung.  Weiter  führt 
uns  ein  ähnlicher  Zauber  'Eros  als  hilfreicher  Dämon'. 
Aus  Wachs  wird  diesmal  der  Erosknabe  gebildet,  in 
der  rechten  Hand  eine  Fackel,  in  der  linken  Bogen 
und  Pfeil,  womit  er  die  Psyche,  die  der  Hörer  sich 
offenbar  in  der  Ferne  denken  soll,  treffen  will.  Das 
Gebet  preist  den  kosmischen  Eros  zugleich  als  den 
Knaben  und  den  'lebendigen  Gott',  als  Bewohner  des 
vielersehnten  Palastes  und  Herren  des  schönen  Lagers. 
In  den  verschiedenen  Teilen  der  Welt  hat  er  verschie- 
dene Gestalt;  thront  er  in  den  einen  in  Krokodilsgestalt, 
so  ist  er  im  Westen  ein  beflügelter  Drache;  das  näm- 
lich ist  seine  wahre  und  ursprüngliche  Erschei- 
nungsform. Erklärt  ist,  wie  bei  Apuleius  das  Orakel 
Amor  als  beflügelte  Schlange  bezeichnen  kann  imd 
die  neidischen  Schwestern  von  einem  ungeheuren  Dra- 
chen reden  können.  Als  Knaben  und  als  Herren  des 
Zauberpalastes  und  des  schönen  Lagers  schildert  auch 
das  Märchen  den  Gott,  und  eine  Szene,  in  der  Amor 
Psyche  mit  seinem  Pfeile  treffen  will,  hat  schon  Raffael 
im  Eingang  der  Erzählung  angedeutet  gefunden.  Wir 
sind  berechtigt,  die  beiden  Zaubertexte  zu  verbinden 
und  aus  ihnen  auf  eine  in  weiten  Kreisen  bekannte  Er- 
zählung zu  schließen,  die  mit  dem  Märchen  des  Apu- 
leius auffallende  Übereinstimmungen  zeigt,  von  ihm 
aber  freilich  in  dem  einen  Hauptzug  abweicht,  daß 
mit  Aphrodite  zusammen  auch  Eros  die  Psyche  quält. 
Ausgeschlossen  ist  also,  daß  Apuleius  oder  ein  ge- 
lehrter Vorgänger  den  Namen  des  Eros  für  einen  be- 
liebigen verwunschenen  Königssohn  eingesetzt  hat;  mit 
dem  Gott  ist  die  Erzählung  von  Anfang  an  verbunden. 
Was  Apuleius  bietet,  ist  ein  wirklicher  hellenistischer 
Erosmythos,  allerdings  in  märchenhafter  Ausmalung. 


DIE  GÖTTIN  PSYCHE.  21 

Dann  kann  freilich  Psyche  in  diesem  Mythos  nicht 
eine  beliebige  Menschenseele  sein,  sondern  ursprüng- 
lich nur  eine  Göttin  oder  eine  zur  Göttin  erhobene 
Sterbliche.  Erst  hiermit  beginnen  die  Schwierigkeiten, 
die  wir  ganz  noch  nicht  lösen  können.  Nur  die  orien- 
talische Mythologie  kann  uns  eine  Gottheit  bieten, 
die  griechisch  als  Psyche  umgedeutet  sein  müßte;  nur 
sie  femer  einen  Gott,  der  Knabe  und  zugleich  beflü- 
gelter Drache  sein  kann,  und  in  dem  die  Griechen 
ihren  Eros  wiederfinden  konnten.  Der  Mythos,  der  sie 
beide  vereint,  ist  noch  nicht  gefunden;  nur  daß  es  sich 
um  kosmische  Götter  handelt,  können  wir  aus  den 
Zaubergebeten  ahnen  und  eine  schwache  Spur  jenes 
Mythos  vielleicht  in  einer  orientalischen  Kosmogonie 
nachweisen,  in  jener  von  griechischem  Denken  fast 
unberührten  orientalischen  Schöpfungssage,  die  aus 
einem  ähnlichen  Texte  Dieterich  im  Abraxas  heraus- 
gegeben hat.  Hier  schafft  der  Urgott  als  siebente  Gott- 
heit die  Psyche  und  verkündet,  daß  sie  zunächst  dem 
ganzen  Weltall  Bewegung  und  Beseelung  und  dereinst, 
wenn  Hermes  sie  führt,  die  Freude  bringen  wird.  Selt- 
sam, daß  auch  hier  ihr  Partner  ein  allwissender,  un- 
geheurer Drache  ist,  vor  dem  selbst  der  Urgott  er- 
staunt und  sich  entsetzt.  In  der  Erzählung  des  Apu- 
leius  führt  Hermes  die  Psyche  zum  Himmel  empor 
und  sie  gebiert  die  Lust. 

Die  Angleichung  mag  äußerlich  und  vielleicht  zu- 
fällig erscheinen.  Allein  man  erwäge:  die  gesamte  Er- 
zählung des  Apuleius  bietet  dem,  der  sie  unbefangen 
liest,  im  Grunde  nichts,  was  auf  eine  Allegorie  statt 
eines  Mythos  wiese,  als  den  Namen  der  Heldin,  Psyche. 
Er  ist  uns  jetzt  als  griechische  Deutung  und  Bezeich- 
nung   einer    orientalischen    Gottheit     erklärt.    Ähnlich 


22  MYTHOLOGISCHE  ZÜGE  DER  ERZÄHLUNG 

werden  ja  in  der  ersten,  schöpferischen  Epoche  des 
Hellenismus  viele  orientalische  Göttinnen  zu  griechi- 
schen 'Begriffen',  wie  Gerechtigkeit,  Weisheit,  Vor- 
sehung, Werden,  Schickung,  und  behalten  daneben 
doch  ihre  alten  Mythen  bei,  die  nun,  unter  Beihilfe  be- 
sonders der  stoischen  Philosophie,  geheimen  Sinn  und 
neue  Deutung  erhalten.  Noch  viel  älter  ist  die  An- 
gleichung  griechischer  und  orientalischer  Gottesnamen: 
wie  nachweislich  aus  Harpokrates,  dem  göttlichen 
'Kinde'  der  ägyptischen  Mythologie,  so  ist  sicher  aus 
noch  manchem  jugendlichen  orientalischen  Gott  der 
hellenistische  Eros  geworden.  Gerade  wenn  Psyche  als 
Menschenseele  in  der  griechischen  Kunst,  vielleicht 
auch  der  Dichtung,  schon  mit  Eros  verbunden  war, 
war  die  Benennung  des  jugendlichen  Gottes  in  unserem 
Falle  gegeben.  Der  Mythos  mußte,  wenn  er  sich  zur 
Kunsterzählung  umgestaltete,  griechische  Einflüsse  er- 
fahren. 

Als  mythologische  Züge  gewinnen  wir  aus  den 
hellenistischen  Zaubern  zunächst:  Eros  als  Knabe  und 
zugleich  als  beflügelter  Drache,  den  Zauberpalast  mit 
seinem  Lager,  Psyche  von  Aphrodite  und  Eros  ge- 
martert, Psyche  und  Eros  in  Liebe  vereinigt,  endlich 
wahrscheinlich:  Psyche  von  Hermes  zum  Himmel  em- 
porgeführt bringt  dem  Weltall  die  Freude.  Aus  Apu- 
leius  möchte  ich  femer  als  weiteren  mythologischen, 
nicht  märchenhaften  Zug,  freilich  im  Gegensatz  zu 
Forschern  wie  Bethe,  Psyches  Wanderung  in  die  Toten- 
welt hinzufügen.  Schon  Friedländer  sah,  daß  sie  ur- 
sprünglich hier  das  Wasser  des  Lebens  holen  mußte. 
Das  aber  konnte  nur  geschehen  für  den  toten  oder 
todsiechen  Gatten.  Ein  langes  Siechtum  Amors  kennt 
ja  noch  Apuleius    und   erklärt    es    unglücklich   genug 


DIE  WANDERUNG  IN  DIE  UNTERWELT; 


23 


durch  das  niederfallende  Tröpfchen  Öl,  das  nach  ihm 
den  Gott  schwer  verletzt  hat.  Ursprünglich  muß  wohl 
Psyche  selbst  ihn  verwundet  haben,  dafür  Strafe  leiden 
und  endlich  reuig  zum  Tartarus  niedersteigen,  um  ihn 
zu  erretten  und  für  sich  wiederzugewinnen.  Die  reli- 
giöse Vorstellung  vom  'Wasser  des  Lebens'  im  Toten- 
reich läßt  sich  auf  orientalischem  Boden  mehrfach  ver- 
folgen und  beeinflußt  selbst  die  alchemistische  Litera- 
tur, und  wie  Psyche  steigt  die  babylonische  Göttin 
Istar,  um  den  geliebten  Tammuz  zu  erretten,  ins  Toten- 
reich nieder  und  erringt  von  dessen  Herrin  das  Wasser 
des  Lebens.  Natürlich  folgere  ich  aus  dieser  auffallenden 
Übereinstimmung  nicht,  daß  der  Psyche-Mythos  ur- 
sprünglich babylonisch  ist.  Solche  Mythenmotive  werden 
von  einer  Gottheit  auf  die  andere  übertragen,  und  an 
Göttinnen,  deren  Geliebte  sterben  oder  tödlich  ver- 
wundet werden,  fehlt  es  im  Orient  nicht.  Freilich  darf 
man  ebensowenig  aus  Einzelheiten  der  Unterwelts- 
schilderung bei  Apuleius  auf  altgriechischen  Ur- 
sprung des  M)rthos  schließen.  Ein  griechischer  Erzähler 
mußte  für  seine  Landsleute  diese  Schilderung  an  hei- 
mische Vorbilder  anlehnen,  auch  wenn  die  Göttin  Psyche 
ursprünglich  nicht  griechisch  war. 

Nur  die  Irrfahrt  imd  die  Erhöhung  der  Psyche  faßte 
der  Leipziger  Theologe ^[Heinrici  ins  Auge,  dessen 
eigene  Ausführung  eines  an  sich  beachtenswerten  Ein- 
falls wir  allerdings  besser  beiseite  lassen.  Er  fühlte 
sich  durch  diesen  Teil  der  Erzählung  an  die  gleich- 
zeitigen gnostischen  Lehren  von  Weltschöpfung  und 
Welterlösung  erinnert.  Begegnet  doch  in  den  Systemen 
jener  dem  Namen  nach  christlichen,  aber  außerhalb 
der  Kirche  stehenden  und  in  ihrem  Denken  mehr  oder 
weniger  im  orientalischen  Heidentum  wurzelnden  My- 


24 


GNOSTISCHE  GEGENBILDER 


stiker  nicht  selten  als  bei  der  Schöpfung  beteiligt  eine 
aus  der  Himmelswelt  verstoßene  Göttin,  deren  Rück- 
führung aus  dem  Reiche  der  Materie  und  Vermählung 
mit  einem  befreienden  Gott  zugleich  die  Erlösung  der 
Welt  bedeutet.  So  irrt  bei  dem  Ägypter  Valentin  die 
Göttin  Achamoth  oder  die  Weisheit,  in  die  Welt  der 
Materie  gebannt,  unter  sehnsüchtigen  Klagen  umher, 
ohne  doch  je  die  Grenze,  die  sie  jetzt  von  ihrer 
wahren  Heimat  scheidet,  überschreiten  zu  können. 
Endlich  führt  der  Erlöser  sie  und  ihre  Kinder,  all  die 
Seelen,  die  den  Gottesfunken  in  sich  bewahrt  haben 
in  die  Himmelswelt  zurück;  sie  feiern  die  Himmels- 
hochzeit. Wenn  wir  uns  entschließen,  mit  einer  immer 
wachsenden  Zahl  theologischer  und  philologischer  For- 
scher in  jenen  gnostischen  Systemen  altorientalische 
Mythen  in  spekulativ-christlicher  Umbildung  zu  sehen, 
und  wenn  wir  erwägen,  daß  eine  bei  der  Schöpfung 
beteiligte  Göttin  Psyche  uns  bezeugt  ist,  und  daß  in 
einem  heidnisch  gnostischen  System  der  Hermetischen 
Schriften  eine  göttliche  Psyche  als  Ursprung  oder 
Mutter  der  Menschenseelen  bezeichnet  wird,  wie  die 
Weisheit  bei  Valentin,  kann  dieser  Vergleich  Bedeu- 
tung gewinnen.  Zum  vollen  Beweis  genügt  er  freilich 
nicht;  einen  verlorenen  Mythos  wird  kein  Philologe 
aus  derartigen  'Motiven'  wirklich  rekonstruieren.  Nur 
daß  eine  Göttergeschichte  nicht  deswegen  reines  Mär- 
chen zu  sein  braucht,  weil  sie  Motive  bietet,  die  auch 
im  Märchen  vorkommen,  wird  er  allerdings  annehmen. 
Aber  wichtiger  als  die  Einzelzüge  ist  das  Grund- 
empfinden, das  in  dieser  Göttererzählung  waltet,  und 
ihm  können  wir  vielleicht  durch  einen  anderen  Ver- 
gleich näher  kommen.  Betrachten  wir  nicht  ein  be- 
liebig  herausgegriffenes   Motiv,    sondern   Anfang    und 


MYSTERIEN  VORSTELLUNGEN  25 

Schluß  der  eigentlichen  Erzählung  noch  einmal:  Psyche 
auf  Erden  in  den  Armen  eines  ihr  noch  völlig  un- 
bekannten Gottes  empfängt  von  ihm  den  göttlichen 
Keim,  und  Psyche,  zum  Himmel  und  zur  Unsterblich- 
keit erhoben,  wird  ihm  endlich  im  Hochzeitsfest  auf 
ewig  vereint.  In  gnostischen  Taufbräuchen  und  Er- 
zählungen —  auch  einem  sehr  eigentümlichen  Ab- 
schnitt der  früher  erwähnten  Erzählung  von  dem 
Apostel  Thomas  —  kehrt  ja  die  Vorstellung  immer 
wieder,  daß  Gott  sich  der  Seele  des  Auserwählten  un- 
sichtbar und  doch  durchaus  sinnlich  gesellt  und  sie 
von  ihm  den  Samen  der  Unsterblichkeit  empfängt. 
Diesem  unsichtbaren  Bräutigam  muß  die  Seele  in  aller 
Not  und  Versuchung  Treue  halten,  dann  darf  sie  nach 
dem  Tode  des  Leibes  Gott  wirklich  schauen  und  mit 
ihm  die  Himmelshochzeit  feiern.  Christlich  oder  jüdisch 
ist  diese  Vorstellung  nicht;  auch  im  Griechischen  be- 
gegnen nur  im  Kult  erstarrte  und  unverstandene  Reste 
der  einst  allgemein  verbreiteten  und  noch  rohen  Ur- 
vorstellung  der  Vermählung  der  Sterblichen  mit  dem 
Gott.  Ausgebildet  und  vergeistigt  erscheint  die  Vor- 
stellung erst  in  den  hellenistischen,  d.  h.  ursprünglich 
orientalischen  Mysterien.  Hier  ist  die  bräutliche  Ver- 
einigung der  Seele  mit  Gott  die  Vorbedingung  der 
Unsterblichkeit  und  Vergottung.  So  kann  es  gamicht 
zufallig  sein,  daß  die  Darstellung  des  bräutlichen  Paares 
Amor  und  Psyche  in  der  Grabkunst  so  besonders  be- 
liebt ist  und  auf  christlichen  wie  heidnischen  Sarko- 
phagen und  Grabbildern  immer  wiederkehrt. 

Beobachten  wir  ein  wenig,  wie  dieser  Glaube  sich 
im  heidnischen  Kult  darstellt.  Etwa  zwei  Jahrhunderte 
vor  Beginn  unserer  Zeitrechnung  bildete  die  Liebes- 
vereinigung mit  Gott  den  Einweihungsritus  der  helle- 


26  MODERNER  ABERGLAUBE 

nistischen,  aber  nach  Italien  übertragenen  ßakchosmy- 
sterien.  Anknüpfend  an  die  alte,  weitverbreitete  Vor* 
Stellung-,  daß  Götter  sich  sterbliche  Menschen  als  Ge- 
liebte rauben  und  entrücken,  läßt  man  den  Novizen 
durch  eine  Versenkungsmaschinerie  plötzlich  aus  den 
Augen  der  Gemeinde  entschwinden;  er  ist  von  dem 
Gott  entrückt.  Wie  bei  allen  Mysterien^  wer  nicht 
wahrhaft  geladen  und  von  Gott  erwählt  ist,  sterben 
muß,  so  entschwinden  auch  hier  viele  Opfer  für  ewig. 
Genau  so  trägt  in  der  Erzählung  des  Apuleius  zwar 
die  von  dem  Gott  geforderte  Psyche  ein  Wunder  un- 
versehrt in  den  Abgrund;  ihre  unrichtig  geladenen 
Schwestern  aber  zerschellen.  Es  ist  seltsam,  daß  zwei 
Jahrhunderte  später  nach  dem  Zeugnis  eines  alexan- 
drinisch-jüdischen  Philosophen  in  denselben  Bakchos- 
Mysterien  der  Zustand  der  Ekstase,  des  geistigen 
Entrücktseins,  als  ein  Geraubtsein  von  Eros  bezeich- 
net wird. 

Die  uralte  Anschauung  erhält  sich  zum  Zorn  guter 
Muhammedaner  noch  heute  mit  seltsamer  Festigkeit 
im  Orient.  Ein  eben  aus  Ägypten  zurückgekehrter 
Freund,  Professor  E.  Littmann,  erzählte  mir  nach  dem 
Bericht  eines  eingeborenen  Schülers,  daß  sich  vor 
wenigen  Jahren  in  einem  mittelägyptischen  Landstädt- 
chen, Minyeh,  folgender  Vorfall  ereignet  hat.  Ein  zär, 
einer  jener  Besessenheit  bringenden  Dämonen,  verkün- 
dete durch  den  Mund  einer  Zauberin,  daß  er  ein  Mäd- 
chen aus  einem  bestimmten  Hause  zu  heiraten  begehre. 
Man  rüstete  das  Hochzeitsfest,  lud  Gäste  und  führte 
endlich  die  Braut  in  die  Kammer.  Der  zär  blieb  allen 
Menschenaugen  unsichtbar,  aber  er  kam  nach  dem  all- 
gemeinen Glauben  wirklich  und  ward  des  Mädchens 
Gatte.    Kult  und  Brauch    geben,    wo    die    literarische 


GRUNDBEDEUTUNG  27 

Tradition  ihre  Bedeutung  sichert,  den  Grundgedanken 
in  der  klarsten  und  einfachsten  Form.  Ich  könnte 
Theologen  nur  raten,  jene  Erzählung  der  Thomasakten, 
in  welcher  der  verzückte  Apostel  seinen  Herrn  als 
den  wahren  Bräutigam  der  Königstochter  ankündet 
und  dieser  dann  plötzlich  im  Hochzeitsgemach  erscheint, 
mit  diesem  modernen  Bericht  zu  vergleichen.  Die 
Grundanschauung  wird  dadurch  noch  klarer  als  durch 
die  Beispiele  aus  dem  Isiskult  und  gnostischen  Bräu- 
chen, die  ich  früher  nur  anführen  konnte.  Ich  selbst 
ziehe  es  aber  vor,  Ihre  Blicke  gleich  auf  Apuleius  zu 
lenken.  Der  Befehl  des  Gottes,  der  Hochzeitszug,  die 
Vereinigung  mit  dem  unsichtbaren  Gatten,  alles  kehrt 
hier  wieder,  und  wenn  Psyche  ins  Haus  des  Amor 
entführt  wird,  so  geben  für  diese  leicht  erklärliche 
Abweichung  sogar  die  Bakchos-Mysterien  Gegenbild 
und  Erläuterung.  Nur  weil  Friedländer  die  religiöse 
Vorstellung  von  dem  unsichtbaren  Gatten  noch  nicht 
kannte,  konnte  er  in  der  Erzählung  nur  das  Märchen- 
motiv von  dem  Tiergatten  finden,  der,  solange  das 
Licht  ihn  bescheint,  Bär  oder  Löwe,  Schlange  oder 
Taube  ist,  nur  im  Dunkel  Jünglingsgestalt  annimmt 
oder  wiederannimmt  und  endlich  erlöst  wird.  Es  ist 
die  beständige  Gefahr  unserer  motivsuchenden  Mär- 
chen- und  Mythenforschung,  um  eines  beiläufigen  Zuges 
halber  ursprünglich  Ungleichartiges  miteinander  zu 
verbinden;  wohl  niemand  ist  ihr  ganz  entgangen. 

Ein  orientalischer  Göttermythos  liegt  also  tatsächlich 
zugrunde.  Er  hatte  schon  begonnen,  begriffliche  Deu- 
tung anzunehmen,  als  die  Göttin  als  Weltseele  und 
ihr  Partner  als  der  kosmische  Eros  bezeichnet  wurde, 
und  diese  Bezeichnungen  rückten  ihn  zugleich  in  den 
Bereich  griechischer  künstlerischer  Ausgestaltung.  Er 


28  MYTHOS  UND  FABULA  BEI  APULEIUS 

ward  frühzeitig  zur  Märchenerzählung;  die  rohen  Züge, 
die  er  ursprünglich  noch  trug,  fielen  fort,  die  Wande- 
rung in  die  Totenwelt  z.  B.  ward  ihrer  Bedeutung  ent- 
kleidet, zur  bloßen  Prüfung  gemacht  und  zog  weitere 
märchenhafte  Prüfungen  nach  sich.  Zu  der  märchen- 
haften Ausgestaltung  und  Häufung  der  Motive  trat 
später  —  vielleicht  gamicht  durch  die  Tätigkeit  nur 
eines  Mannes  —  die  Umgestaltung  der  Einzelheiten 
nach  den  Vorbildern  der  erotischen  Poesie.  Aber  durch 
das  bunte  Rankenwerk,  mit  dem  sich  allmählig  der 
alte  Kern  umwob,  schimmert  die  religiöse  Bedeutung 
noch  immer  durch,  imd  der  Mysterienglaube  hält  die 
Empfindung  für  sie  wach.  Weil  in  diesem  Glauben 
das  Göttererlebnis  immer  vorbildlich  ist  für  das,  was 
jeder  Gläubige  erleben  soll,  ist  die  Göttin  Psyche  zu- 
gleich Repräsentantin  der  Menschenseele,  eine  Auf- 
fassung, die  dem  Griechen,  gerade  wenn  er  nicht  phi- 
losophisch beeinflußt  war,  als  die  einzig  natürliche  und 
gegebene  erscheinen  mußte.  Mit  Recht  haben  unsere 
großen  Dichter  in  dem  Märchen  ein  Tiefstes  geahnt, 
nur  daß  nicht  der  klügelnde  Scharfsinn  eines  Einzel- 
nen, sondern  die  gewaltigste  Dichterkraft,  die  wir 
kennen,  gläubige  Sehnsucht  vieler  Geschlechter,  es  ge- 
schaffen hat. 

Aber  wie  kann  ein  immer  noch  religiös  empfundenes 
Märchen  die  eigentümliche  Form  annehmen,  die  ich 
Ihnen  früher  schilderte,  und  wie  kann  es  —  selbst  in 
dieser  Form  —  den  Mittelpunkt  eines  so  weltlichen 
Buches  bilden,  wie  die  Verwandlungsgeschichten  des 
Apuleius  es  für  uns  sind?  Mag  diese  Frage  uns  zum 
Schlüsse  auf  den  sicheren  Boden  literarhistorischer 
Betrachtung  zurückführen.  Eine  solche  kann,  wenn  sie 
eine  Entwicklung  erklären  will,  natürlich  nur  von  dem 


DER  ERZAHLERSTAND.   SEINE  STOFFE 


29 


wirklichen  Leben,  nie  aber  von  einer  BegriiFsbestim- 
mung  ausgehen  und  sich  auf  ihren  Umfang  beschrän- 
ken lassen.  Mag  das  Märchen  als  phantastische  Er- 
zählung, die  nicht  an  einem  bestimmten  Ort  oder  eine 
bestimmte  Person  geknüpft  ist,  eine  Urform  der  Unter- 
haltung sein,  nie  bleibt  es  die  einzige;  Fabel  und 
Novelle,  Schwank  und  Anekdote  gliedern  sich  früh- 
zeitig und  untrennbar  an,  und  wo  die  Unterhaltung 
zur  Kunst  geworden  ist  und  darum  von  einem  Stande 
gepflegt  wird,  da  ist  es  selbstverständlich  ein  Stand 
der  Erzähler,  nicht  der  Märchenerzähler.  Von 
dem  Geschmack  ihres  Publikums  hängt  es  ab,  welche 
Art  der  Unterhaltung  sie  bevorzugen.  Wenn  in  Athen 
schon  die  ausgehende  alte  Komödie  einen  Mann  ver- 
höhnt, der  gegen  Entgelt  phantastische  Erzählungen 
vorträgt,  so  zeigt  dieselbe  Komödie  mit  ihren  Erfin- 
dungen, wie  allgemein  hier  noch  die  Freude  am  phan- 
tastischen, traumhaften  Stoff  ist.  In  den  Hafenstädten 
loniens  scheinen  gleichzeitig  und  kurz  danach  Novelle 
und  Schwank  zu  überwiegen.  Die  Liebesgeschichten 
der  neuen  Komödie  stammen  nach  einer  alten,  jetzt 
glänzend  bestätigten  Konjektur  überwiegend  von  hier. 
Auch  die  poetische  Kleinliteratur,  besonders  das  ältere 
Epigramm,  spielt  vielfach  mit  diesen  ionischen  Geschich- 
ten, setzt  sie  als  allgemein  bekannt  voraus  oder  gießt 
sie  in  neue  Form.  Wenige  Beispiele  mögen  das  näher 
erklären.  Auf  ein  bekanntes  Geschichtchen  verweist 
uns  einer  der  ältesten  alexandrinischen  Epigramma- 
tiker: am  Strande  von  Paphos  erschaute  der  junge 
Klearch  die  Niko  in  den  blauen  Wogen  schwimmen, 
entbrannte  in  Liebe  und  flehte  zu  Aphrodite,  der  Herr- 
scherin der  Insel  —  und  nicht  umsonst:  in  immer 
neuer  Liebessehnsucht  vereinigen  sich  jetzt  beide.  Das 

Reitzenstein:  Amor  und  Psyche.  3 


30 


POETISCH  BEHANDELTE  FABULAE 


Epigramm  will  nicht  selbst  erzählen,  sondern  für  einzelne 
Züge  einer  allbekannten  Erzählung,  die  auch  in  der 
Vorfabel  einer  attischen  Komödie  benutzt  scheint,  zier- 
liche Wendungen  und  Pointen  finden.  Die  Erzählung 
selbst  taucht  uns  viele  Jahrhunderte  später  in  den 
Briefen  eines  gezierten  Rhetors  wieder  auf,  angeblich 
als  eigenes  Erlebnis.  Angelnd  steht  er  am  Ufer,  da 
kommt  eine  jugendliche  Schöne,  um  zu  baden,  bittet 
ihn,  ihre  Gewänder  zu  hüten  und  entkleidet  sich  vor 
ihm.  Wie  sie  in  den  Fluten  schwimmt,  möchte  er  ver- 
zückt glauben,  eine  Nereide  zu  schauen  —  wenn  er 
sie  nicht  schon  vorher  gesehen  hätte.  Die  dem  Meer 
entsteigende  scheint  ihm  gar  Aphrodite  selbst.  Aber 
als  er  ihre  Gunst  erringen  will,  zerbricht  die  stolze 
Schöne  ihm  sein  Fischergerät,  wirft  die  gefangenen 
Fische  ins  Meer  und  enteilt.  Der  Brief,  der,  wie  oft  in 
dieser  Zeit,  nur  eine  kurze  und  pikante  Novelle  bieten 
will,  ist  nur  in  Einleitung  und  Schluß  selbständig,  der 
Mittelteil  gehört  der  alten  Erzählung  an,  ja  gewinnt 
erst  durch  ihre  Lokalisierung  seine  volle  Bedeutung. 
Es  ist  möglich,  daß  sie  die  Sage  von  Peleus  und  The- 
tis,  wie  sie  etwa  Ovid  darstellt,  modernisierend  nach- 
bilden sollte.  Wenigstens  finden  wir  in  der  gleichen 
Literatur  eine  Sagenparodie,  eine  Modernisierung  des 
Paris-Urteils,  sogar  in  doppelter  Fassung.  Richter  in 
dem  Schönheitsstreit  sterblicher  Mädchen  ist  in  alten 
Epigrammen  Priap,  oder  vielmehr  ein  Standbild  dieses 
Gottes,  in  einer  ebenfalls  alten,  gewollt  naiven  Tempel- 
legende ein  Jüngling;  eine  Reihe  von  Epigrammdichtern 
verschiedener  Zeit  erzählen  dann  das  Geschichtchen 
als  eigenes  oder  fremdes  Erlebnis.  Wieder  ein  altes 
Epigramm  deutet  kurz  an,  wie  der  junge  Nikagoras 
die    spröde    Aglaonike    beim    Gelage    durch    Wein    in 


EINE  7^^567:^4  BEI  PROPERZ  31 

Schlummer    versenkt   und    dann    überwältigt   hat;    am 
anderen   Morgen  weiht   sie   beseligt    der  Liebesgöttin 
ihr    Gewand    als    Zeugnis    des    nächtlichen    Kampfes. 
Wieder  will  das  Epigramm  nicht  erzählen,  es  verweist 
auf  eine  bekannte  Geschichte,  wie  sie  junge  Leute  von 
einem  Genossen  berichten,  und  gibt  in  der  Pointe  eine 
überraschende  und  anmutige  Wendung.  Eine  ähnliche 
kurze  Erzählung  gibt  mit  derbkomischer  neuer  Pointe 
ein  Epigrammatiker  des  augusteischen  Zeitalters,  Mar- 
cus Argentarius,    und    mit  seinem   kurzen  Scherz  be- 
rührt sich  wieder  ein  längeres   frühbyzantinisches  Ge- 
dicht des  Agathias  darin,  daß  beide  di6  Prosaerzählung 
eines  Romanes  des  Achilles  Tatius  fast  wiederspiegeln. 
Dem  Agathias  in  der  Breite  der  Erzählung  verwandt, 
nur  inhaltlich  roher  ist  der  Bericht  eines  antiken  Don 
Juan  bei  dem  Zeitgenossen  des   Agathias,  Paulus  Si- 
lentiarius,  und  er  wieder   stimmt    derartig   mit    einem 
anmutigen  Jugendgedicht   des   Römers  Properz   über- 
ein, daß  wir  als  ihre  gemeinsame  Quelle  eine  frühale- 
xandrinische    Scherzelegie    mit    Sicherheit    rekonstru- 
ieren können,  die  der  Byzantiner  ziemlich  getreu  wieder- 
gibt, während  Properz  sie  nach  Inhalt  und  Stil  adelt 
und    in    eine    neue  Sphäre    überträgt.   Aus   dem   derb- 
frivolen Spaß  macht  er  ein  reizvolles  Bild   beglückter 
Liebe,  in  dem  sein  Mädchen,  soweit  es  der  schalkhafte 
Ton    des  Ganzen   zuläßt,   fast    wie   eine  Penelope   be- 
schrieben wird,  die  eines  offenbar  etwas  flatterhaften 
Gemahles    harrt.    Und   noch   sind    wir   nicht   zu  Ende. 
Verallgemeinern  wir  den  ursprünglichen  Typus  nur  ein 
wenig,  so  finden  wir  ihn  in  den  Erzählungen  der  neuen 
attischen  Komödie    wie   in   den  jüngeren  bukolischen 
Gedichten  wieder.   Es    ist  ein   fester  Stoff   der  Unter- 
haltung und  zugleich  der  Scherzpoesie.  Ich  will  dabei 

3* 


32 


DER  FAß  [/LA  TOR 


natürlich  nicht  für  jede  einzelne  Geschichte  direkt  io- 
nischen Ursprung  behaupten  oder  leugnen,  daß  ab  und 
an  auch  ein  wirkliches  Erlebnis  mit  eingreift.  Aber 
im  allgemeinen  spiegeln  diese  Geschichtchen  das  Ge- 
plauder übermütiger  Jünglingskreise  und  zeigen,  mit 
wie  eigenartiger  Zähigkeit  in  ihm  das  pikante  oder 
phantastische  Abenteuer  fortlebt  und  immer  wieder 
bald  als  eigenes,  bald  als  fremdes  Erlebnis  forterzählt 
wird.  Jeder  neue  Erzähler  modelt  Pointe  und  Tonart 
und  bleibt  doch  abhängig,  zunächst  freilich  wohl  we- 
niger von  einem  bestimmten  literarischen  Vorbild  als 
von  einer  mündlichen  Tradition. 

Von  einem  bestimmten  Erzähler  stände  hören  wir 
in  Rom  etwa  seit  Augustus'  Zeit.  Der  Kaiser  selbst 
ließ  sich,  wenn  er  nicht  schlafen  konnte,  einen  fabula- 
tor  kommen,  wie  das  nach  orientalischer  Sage  schon 
früher  der  große  Alexander  und  so  mancher  Herrscher 
vor  ihm  und  nach  ihm  getan  hat.  Dann  schildert  uns 
der  jüngere  Plinius  das  Treiben  dieser  römischen  fa- 
bulatores.  Dem  kleinen  Volke  preisen  sie  sich  an  und 
verheißen,  wie  noch  heutzutage  ihre  Gegenbilder  im 
Orient,  für  ein  Stück  Scheidemünze  eine  'goldige'  oder 
eine  neue  Geschichte,  eine  fabula.  Was  Plinius  selbst 
als  solche  bietet,  sind  lustige  Skandalgeschichten  von 
einem  politischen  Gegner,  der  als  Erbschleicher  ver- 
höhnt wird.  Einen  volleren  Begriff  gibt  Apuleius,  der 
ja  in  seinem  Buch  als  fabulator  erscheinen  und  nichts 
als  fabulae  bieten  will.  Dieser  Begriff  umschließt  für 
ihn  jede  anschaulich  erzählte  ergötzliche  Geschichte, 
kleine,  oft  recht  laszive  Novellen,  die  z.  T.  in  Boccac- 
cios Dekamerone  übergegangen  sind,  ebenso  gut  wie 
die  Rahmenerzählung  von  dem  zum  Esel  verwandelten 
Jüngling   oder   das  Märchen   von  Amor   und   Psyche. 


HISTORIA  UND  FABULA 


33 


Den  Gegensatz  bildet  für  ihn  die  ernste  und  patheti- 
tische  Erzählung,  die  rühren  will,  die  historia,  für 
welche  buchmäßige  Verbreitung  als  selbstverständlich 
angenommen  wird;  sie  ist  ihm  —  offenbar  mit  Recht 
—  eine  altanerkannte  Literaturgattung.  Apuleius  hat 
sich  diese  Begriffe  nicht  neu  oder  nur  aus  seiner  Zeit 
gebildet.  Beide  werden  ganz  ebenso  schon  von  den 
augusteischen  Dichtern  verwendet.  Die  Anekdoten,  die 
sich  lustige  Jünglinge  beim  Wein  von  unglücklich  lie- 
benden oder  betrogenen  Kameraden  oder  Mädchen  er- 
zählen, sm.6.  fabulae,  rührsame  Erzählungen,  z.  B.  von 
seltener  Liebestreue,  sind  historiae.  Dabei  ist  es  an  sich 
natürlich  gleichgültig,  ob  der  Stoff  der  Gegenwart  oder 
der  Vergangenheit  angehört. 

Zur  Unterhaltungskunst  gehört  also  die  fahula.  Wer 
sie  wirklich  als  Kunst  betrieb,  wird  sich  frühzeitig 
seine  Scherze  und  Erzählungen  ausgearbeitet  haben, 
wie  das  der  orientalische  fahulator  noch  jetzt  tut. 
Aber  mag  auch  schon  in  einer  mittleren  Komödie, 
die  des  Plautus  Perser  uns  spiegelt,  ein  Parasit  sich 
rühmen,  eine  ganze  Kiste  von  Büchern  attischer  Scherze 
zu  besitzen  und  mit  ihr  seiner  Tochter  die  reichste 
Aussteuer  geben  zu  können,  es  sind  zunächst  doch  nur 
Privataufzeichnungen,  die  'Literatur'  erst  werden,  wenn 
ein  Dichter  einzelne  in  Verse  umsetzt,  oder  wenn  ein 
scheinbar  gelehrtes  Interesse  die  Veröffentlichung  einer 
Sammlung  rechtfertigt.  Sonst  gehören  diese  Plaudereien 
der  mündlichen  Tradition  und  sie  zu  ihnen;  eine  Kunst 
mag  bestehen,  nur  kann  sie  nicht  als  schriftstelle- 
rische Kunst  empfunden  werden,  der  'mündliche  Stil' 
ist  wesenhaftes  Erfordernis. 

Endlich  wagte  es  ein  kecker  lonier,  Aristeides  von 
Milet,  eine  vielbändige  Sammlung  prosaischer  'Plaude- 


34 


ARISTEIDES  ALS  PLAUDERERZÄHLER 


reien'  in  Buchform  herauszugeben.  Er  wählte  die  ge- 
zierteste Kunstsprache,  behielt  aber,  wie  die  Nach- 
ahmungen zeigen,  den  mündlichen  Stil  bei:  der  Leser 
wurde  beständig  unmittelbar  angesprochen;  das  Buch 
plauderte  mit  ihm.  Bewußte  Rhetorik  hat  hier  eine 
Kunstart  geschaffen,  die  Ihnen  allen  aus  einer  ge- 
wissen Art  des  Feuilletons  bekannt  ist,  die  in  der 
Nachahmung  eleganten  und  geistreichen  Geplauders 
ihren  Reiz  sucht.  Selbst  die  Titel  'Wiener  Plaudereien' 
oder  'Briefe  aus  Paris'  werden  Ihnen  vielleicht  in  Er- 
innerung gerufen,  wenn  Sie  hören,  daß  Aristeides  den 
Titel  'Geschichten  aus  Milet',  MiXriciaKd  oder  MiXricmKOi 
XÖYOi,  wählte,  denselben  Titel,  unter  dem  einst  ionischer 
Wissensdurst  vereinigt  hatte,  was  er  an  einem  be- 
stimmten Ort  an  Merkwürdigem  und  Wissenswertem 
besonders  aus  der  Vorzeit  erfragt  und  erkundet  hatte, 
die  Geschichte  des  Orts.  Nur  sucht  unser  'Forschungs- 
reisender in  der  Heimat'  das  Merkwürdige  nur  in  einer 
bestimmten  Sphäre;  aus  der  Geschichte  Milets  werden 
i  ihm  'Geschichtchen  aus  Milet',  fabulae  Milestae,  wie 
der  Römer  Sisenna  den  Witz  verderbend  übersetzen 
mußte,  um  seinen  Landsleuten  das  Charakteristische 
dieser  für  sie  ganz  neuen  Gattung  fühlbar  zu  machen. 
Da  erzählt  ihm  ein  Bekannter  einen  ganzen  Sommer- 

\.  tag  lang,  wie  schwer  Aphrodites  Zorn  auf  ihm  laste: 
unersättlich  müsse  er  immer  neue  Mädchen  und  Knaben 
lieben,  und  immer  habe  er  Glück.  Die  erweiternde  und 
überbietende  Nachahmung  in  dem  genial  -  frechsten 
Buch  der  römischen  Literatur,  dem  sogenannten  Roman 
des  Petron,  mag  eine  Vorstellung  geben.  Natürlich 
waren  auch  bei  Aristeides  in   dem  langen   'Katalog', 

j  den  dies  Urbild  eines  Don  Juan  in  der  Weltliteratur 
gab,   die  Opfer    der  Verführung   mit   wirklichen    oder 


STOFFE  DES  ARISTEIDES 


35 


erdichteten  Namen  bezeichnet;  sein  Werk  konnte  als 
eine  'Skandalgeschichte  seiner  Heimat'  gefaßt  werden. 
Die  Kunstprosa  wetteifert  hier,  wie  damals  oft,  zugleich 
bewußt  mit  der  Poesie,  Ahnlich  hatte  der  erste  ioni- 
sche Lyriker  Archilochos  den  lauschenden  Mitbürgern 
seine  Liebesabenteuer  mit  Neobule  erzählt  und  sie  da- 
durch der  Sage  nach  in  den  Tod  getrieben;  ähnlich; 
nur  niedrigerem  Geschmack  sich  anpassend,  der  Dich- 
ter Hipponax  von  Arete  und  seinem  Gegner  Bupalos 
berichtet.  Daß  seine  iambischen  Vorträge  daneben  auch 
Fabeln  und  Erzählungen  boten,  wie  wir  sie  jetzt  aus 
den  Nachahmungen  des  Kallimachos  kennen,  legt  die 
Vermutung  nahe,  daß  schon  Hipponax  mit  volkstüm- 
lichen, vom  Orient  beeinflußten  fabulatores  wetteiferte , 
für  spätere  Dichter  scheint  es  sicher.  Auch  Aristeides 
ging,  wie  ich  zu  Anfang  schon  erwähnte,  weiter,  offen- 
bar weil  seine  Vorbilder,  die  volkstümlichen  Plauder- 
erzähler, es  auch  taten.  Die  Verwandlung  eines  Men- 
schen in  ein  Tier  ist  ein  Lieblingsmotiv  aller  Märchen- 
dichtung, und  frühzeitig  wird  diese  Verwandlung  als 
Entwürdigung  und  Strafe  gefaßt,  die  von  einem  be- 
stimmten Laster  heilen  soll.  So  mag  die  Erzählung 
von  dem  zum  Esel  verzauberten  und  später  erlösten 
liebesgierigen  Jüngling  lange  umgelaufen  sein.  Mit 
keckem  Witz  bildete  Aristeides  sie  zur  Skandalgeschichte 
um:  der  Entzauberte,  der  ihm  seine  Erlebnisse  erzählt, 
darf  sich  rühmen,  gerade  als  Esel  die  Liebe  einer 
vornehmen  Dame  gewonnen  zu  haben.  Ein  äußerer  Zu- 
sammenhang zwischen  den  beiden  langen  Erzählungen 
vom  Eselsmenschen  und  vom  Don  Juan  ist  kaum  denk- 
bar; der  feuilletonistische  Plauderer  braucht  ihn  auch 
nicht;  er  läßt  mit  einem  neuen  Tage  und  neuen  Buche 
eine   neue  Erzählung  beginnen.  Ob   auch  der  Götter- 


36  ÜBERGANG  DES  MYTHOS  IN  DIE  FABULA 

mythos  schon  bei  Aristeides  vorkam,  ist  allerdings  un- 
sicher; für  seinen  Übersetzer  Sisenna  glaubten  wir  es 
nach  einer  Andeutung  des  Apuleius  annehmen  zu  dür- 
fen.  In  kunstloser  Form  lebte   der  Mythos,  wie   man- 
cherlei   spöttische  Bezeichnungen  uns   lehren,    in    den 
Frauen-   und  Kinderstuben  fort;    auch  Apuleius  führt 
seinen  Götterm)^hos  darum  mit  Absicht  als  Plauderei 
eines  alten  Weibleins  ein.  Eine  Aufnahme  und  künst- 
lerische Umbildung  auch  dieses  Stoffes   wäre  für  Ari- 
steides durchaus  möglich,  ja  passend  gewesen.  Auch 
der  Mythos  war  ja  in  der  Dichtung   längst   zur  spie- 
lenden und  frivolen  Unterhaltung   verwendet  worden. 
Der  Sang  von  Ares  und  Aphrodite  beim  Gastmahl  der 
Phäaken  in  der  Odyssee  zeigt  in  der  anmutigen  Aus- 
gestaltung besonders  des  Schlusses  alle  Merkmale  er- 
götzlicher Kunsterzählung  und  das  Schalten  der  kecken 
Phantasie  eines  vollständig  irreligiösen  Sängers.   Dem 
römischen  Dichter  ist  er  eine  fabula.  Nicht  viel  fröm- 
mer, wohl  aber  raffinierter  war  in  hellenistischer  Zeit 
die  Kunst  geworden  und  bequemte  sich  dem  Glauben 
des  braven  Bürgers,  dem  sie  seine  Götter  in  die  eigene 
Gefühlssphäre  rückte,  gern  mit  einer  Art  treuherziger 
Schalkhaftigkeit  an.  Hohe  Kunst  schildert  uns  damals, 
wie  die  kleine  Artemis  sich  auf  die  Kniee  des  Götter- 
vaters setzt  und  dem  'Papachen'  die  Ehren,  nach  denen 
sie    trachtet,    abschmeichelt.  Hohe  Kunst  betont,    daß 
Hera  ihren  Widerstand  gegen   die  Erhebung  des  ver- 
haßten Stiefsohns  Herakles  in  den  Olymp   schließlich 
aufgibt,  weil  sich  mit  dem  Eintritt  neuer  Götter   end- 
lich eine  passende  Partie  für  ihre  Tochter  Hebe  bietet, 
oder  schildert,    wie    dieselbe   Göttin    für    ihr  Ziehkind 
Thetis,    der  Zeus    die  Ehe  mit    einem  Gott  verwehrt, 
wenigstens  den  bravsten  Sterblichen  zum  Gatten  aus- 


MYTHEN  ALS  FABULAE,   TIBULL 


37 


sucht;  es  ist  eine  Mesalliance,  aber  einen  Mann  muß 
das  Mädchen  doch  bekommen.  Wir  brauchen  die  An- 
schaulichkeit und  gesuchte  Naivetät  des  Göttermythos 
in  der  großen  Dichtung  nur  noch  ein  wenig  zu  stei- 
gern, um  den  Ton  des  Kunstmärchens  zu  erhalten. 
Denn  fast  überall,  wo  bewußte  oder  halbbewußte 
Kunst  den  seltsamen  und  phantastischen  Stoff  schlichte- 
stem Vorstellungsvermögen  anpaßt,  entsteht  jene  Freude 
an  der  Dissonanz  zwischen  Stoff  und  Darstellung,  die 
auf  den  reiferen  Hörer  humoristisch  wirken  soll.  Das 
für  Kinder,  aber  nicht  für  sie  allein,  bestimmte  Mär- 
chen oder  Lied  will  von  einem  König  anschaulich  er- 
zählen und  läßt  ihn  etwa  morgens  im  Fenster  liegen, 
natürlich  mit  der  Krone  auf  dem  Kopf.  Es  ist  im 
Grunde  die  gleiche  Kunst,  die  bei  Hans  Sachs  den 
Apostel  Petrus,  den  Heiland  oder  gar  Gott  Vater  mit 
treuherzigem  Humor  schildert  und  jetzt  noch  aus  ein- 
zelnen Nachahmungen  volkstümlicher  niederdeutscher 
Erzählungen  bei  Frenssen  oder  in  maniriert  literarischer 
Umbildung  aus  den  Legenden  Gottfried  Kellers  zu 
uns  spricht. 

Von  der  Tonart  in  der  Antike  kann  uns  vielleicht 
eine  Elegie  Tibulls  —  beiläufig  die  einzige,  für  die 
sich  ein  griechisches  Vorbild  sicher  nachweisen  läßt 
—  eine  Vorstellung  geben.  Ein  Göttermythos  soll  als 
fabula  behandelt  werden,  freilich  als  fahula  im  Sinne 
der  Spottgeschichte,  die  man  sich  über  einen  Kame- 
raden beim  Wein  erzählt.  Denn  ein  feiner  jimger  Städter, 
den  die  Liebe  aufs  Land  und  zu  bäuerlicher  Arbeit 
zwingen  will,  tröstet  sich  über  die  Sorge  vor  dem 
Spott  seiner  Genossen  mit  der  Erwägung  hinweg: 
auch  Gott  Apollo  hat  sich  nicht  gescheut,  zur  fahula 
zu  werden;  aus  Liebe  zu  Admet  ward  er  Kuhhirt  und 


38       ERZÄHLUNGEN  IN  DER  POPULÄRPHILOSOPHIE 

wohnte  in  ärmlicher  Kate;  bei  Sonnenaufgang  mußte 
er  die  Herde  austreiben;  all  sein  Denken  war  auf 
Korbflechten  und  Käsebereitung  gewendet,  und  wollte 
er  wirklich  einmal  singen,  so  brüllten  sicher  die  Rinder 
dazwischen.  Schwester  Artemis  fühlte  sich  oft  peinlich 
geniert,  wenn  sie  ihm  begegnete  und  er  gerade  ein 
Kalb  auf  der  Schulter  trug  —  der  Dichter  erinnert 
scherzend  an  das  bekannte  archaische  Kunstwerk,  den 
Kalbträger  —  und  seiner  Mutter  Latona  gab  es  jedes- 
mal einen  Stich  ins  Herz,  wenn  sie  sah,  wie  verfitzt 
und  verzottelt  die  langen  Locken  ihres  Sohnes  jetzt 
waren,  die  einst  selbst  Hera,  die  eifersüchtige  Stief- 
mutter, bewundert  hatte. 

Es  ist  nur  noch  ein  kurzer  Schritt  von  hier  bis  zu 
der  travestierenden  Mythenerzählung,  die  sich  fast 
gleichzeitig  in  der  populärphilosophischen  Literatur 
ausbildete.  Schon  früh  hatte  der  Populärphilosoph  — 
der  Prediger,  wie  wir  fast  sagen  könnten  —  Anlaß, 
mit  dem  volkstümlichen  Erzähler  zu  wetteifern.  Wir 
müssen  auch  hier  weniger  von  Begriffsbestimmungen 
als  von  den  Schilderungen  des  wirklichen  Lebens  aus- 
gehen, wie  sie  uns  in  späterer  Zeit  Horaz,  Plutarch 
und  der  jüngere  Plinius  geben.  Die  Aufgabe  des  oft 
nur  oberflächlich  Gebildeten  ist,  das  kleine  Volk  zu 
fesseln;  in  scharfer  Beobachtung  der  Mitmenschen  sam- 
melt er  sein  Material  und  legt  sich,  wie  die  Betroffenen 
klagen,  einen  Schatz  von  Bosheit  an,  von  Skandal- 
geschichten, die  sich  im  gegebenen  Moment  passend 
verwenden  lassen.  Man  fürchtet,  ihm  nahe  zu  kommen, 
und  muß  beruhigt  werden:  der  verfolgt  nur  die  Laster, 
nicht  die  Person.  Barocke  Einfälle  und  Phantasien  oder 
überraschende  Wendung  dem  Volke  bekannter  Mythen 
sicherten  den  Erfolg,  und  auch  der  Philosoph  fand  früh- 


DIE  MENIPPISCHE  SATIRE 


39 


zeitig  Behagen  daran,  den  Stil  des  mündlichen  Vor- 
trags in  der  Aufzeichnung  beizubehalten  oder  nachzu- 
ahmen. Neben  den  Vortrag  für  das  geschulte  Publi- 
kum trat  von  Anfang  an  dabei  der  Vortrag  für  die 
Menge.  So  war  es  begreiflich,  daß  schon  im  dritten 
Jahrhundert  v.  Chr.  ein  geborener  Journalist,  der  Syrer 
Menipp  von  Gadara,  das,  was  ursprünglich  Lockmittel 
und  Beiwerk  war,  zur  Hauptsache  machte.  Wieviel 
fesselnder  als  eine  bloße  Aufzählung  menschlicher  Tor- 
heiten und  Laster  war  doch  eine  Erzählung,  wie  der 
Prediger,  zum  Himmel  entrückt  und  zugleich  mit  wunder- 
barer Sehschärfe  begabt,  von  oben  das  Treiben  der 
Menschen,  der  Hohen  und  Niederen,  erschaut  oder,  zur 
Totenwelt  herabgestiegen,  sie  über  sich  reden  hört. 
Und  wieviel  wirksamer  und  dabei  leichter  war  dies 
moralisierende  Feuilleton,  wenn  es,  statt  unmittelbar 
das  Streben  nach  Bereicherung  zu  geißeln,  etwa  den  zur 
Unterwelt  herabgestiegenen  Odysseus,  der  den  Tei- 
resias  um  seine  Heimkehr  befragt,  als  er  von  dem 
Treiben  der  Freier  in  seinem  Hause  hört,  ängstlich 
sich  erkundigen  läßt,  wie  er  das  von  ihnen  verpraßte 
Vermögen  am  leichtesten  wiedererwerben  könne:  nun 
ist  es  der  untrügliche  Seher  der  Vorzeit,  der  dem  viel- 
gewandten Heros  in  Rat  und  Lehre  die  erbärmlichen 
Mittel  angibt,  durch  welche  die  Gegenwart  sich  Reich- 
tum erringt.  Wir  begreifen,  daß  die  Kontrastwirkung, 
welche  hier  vor  allem  erstrebt  wird,  zu  ungewöhnlich 
reichen  Dichterzitaten,  ja  bald  auch  zu  eigenen  poeti- 
schen Einlagen  verlockte,  und  daß,  wenn  gleich  von 
Anfang  an  das  schriftstellerische  Interesse  das  mora- 
lische überwog,  schon  der  nächste  Nachahmer,  der 
Rhetor  und  Dichter  Meleager  von  Gadara,  wieder  ein 
Syrer,  die  Anmut  in  der  Handhabung   dieses  stillosen 


40 


DIE  SATURA  BEI  SISENNA  UND  APULEIUS 


Stiles  der  Plauderei  als  Hauptsache  empfand.  Für  rö- 
mische Nachahmer  berührten  sich  beide  Arten  feuille- 
tonistischer  Literatur  zudem  durch  die  Verwendung 
der  gleichen  rhetorischen  Mittel  und  des  gleichen 
Stiles.  Es  ist  kein  Wunder,  wenn  Sisenna  der  Satire 
Varros  auf  seine  fahula  Einfluß  gestattete.  Genügte 
doch  schon  die  inhaltliche  Ähnlichkeit  beider  Gat- 
tungen, um  vier  Generationen  später  einen  Petron  so- 
gar die  äußere  Form  der  satura  auf  die  fabula  über- 
tragen zu  lassen. 

Vor  solchem  Mißgriff  hütet  sich  Apuleius,  ja  es  scheint, 
daß  die  satura  auf  ihn  überhaupt  nicht  unmittelbar 
wirkt  Wo  der  parodistische  Ton,  der  ihr  eigen  ist, 
wirklich  einsetzt,  bleibt  er  ganz  gedämpft  und  hebt 
sich  nur  wenig  von  den  stärksten  Steigerungen  des 
humoristischen  Tones  des  Kunstmärchens  —  etwa  in 
den  Scheltreden  der  Venus  —  ab,  über  den  ich  früher 
gesprochen  habe.  Hauptsächlich  dient  die  leicht  paro- 
distische Färbung  unserm  Schriftsteller  dazu,  die  letz- 
ten, im  Olymp  spielenden  Szenen  seiner  Erzählung  nicht 
allzu  erhaben  und  pathetisch  werden  zu  lassen.  So 
wird  die  Götterversammlung,  wie  ich  früher  andeutete, 
gleich  zu  Anfang  ins  Heitere  gezogen.  Ahnlich  die 
Götterhochzeit,  die  für  den  alten  Mythos  ja  den  Höhe- 
punkt, den  religiös  wichtigsten  Teil  des  Ganzen  bil- 
dete. Dieselben  alexandrinischen  Hochzeitslieder,  denen 
Apuleius  früher  die  prunkvollen  Bilder  von  der  Fahrt 
der  Venus  durch  das  Meer  und  durch  den  Äther  ent- 
nommen hat,  boten  farbenprächtige  Beschreibungen  der 
Hochzeit  des  Peleus  und  der  Thetis,  des  Kadmos  und 
der  Harmonia  oder  des  Dionysos  und  der  Ariadne: 
alle  Götter  bringen  ihre  Gaben,  Apollo  greift  in  die 
Saiten,  die  Musen  singen  und  die  Charitinnen  oder  die 


AUFFASSUNG  DER  WUNDERERZÄHLUNG 


41 


Nereiden  tanzen.  Apuleius  erwähnt  das  alles  nur  ganz 
kurz  und  trocken  und  fügt  zwei  Einzelzüge  ein.  Für 
den  Reigentanz  der  jugendlichen  Göttinnen  setzt  er 
nach  Sitte  und  Geschmack  seiner  Zeit  den  Solotanz 
einer  Künstlerin  ein  —  es  ist  Frau  Venus  selber,  die 
Mutter  des  Bräutigams  —  und  ihr  Gatte,  der  Feuer- 
gott Vulkan,  muß,  um  doch  auch  etwas  beitragen  zu 
können,  in  eigener  Person  das  Hochzeitsdiner  kochen. 
In  leichtem  Humor  soll  sein  Märchen  verklingen.  Das 
ist  offenbar  ein  Kunstgesetz  dieser  Gattung. 

Doch  nur  die  eine  Frage  haben  wir  bisher  beant- 
wortet und  nur  die  Äußerlichkeiten,  nur  den  Stil,  er- 
klärt. Noch  empfinden  wir  nicht,  wie  selbst  in  dieser 
Umgestaltung  ein  religiöses  Märchen  in  das  Ganze  der 
Verwandlungsgeschichten  passen  will.  Wir  müssen  die 
Auffassung  nicht  des  einzelnen  Heil-  oder  Offenba- 
rungswunders, durch  dessen  Bericht  Priester  oder  Pro- 
pheten die  Macht  ihres  Gottes  preisen,  sondern  der 
wunderbaren  Erzählung  überhaupt  ins  Auge  fassen, 
auch  wenn  sie  scheinbar  nur  unterhalten  will.  Diese 
Auffassung  beginnt  sich  seit  dem  ersten  Jahrhundert 
vor  Christus  auch  in  den  Kreisen  der  Gebildeten  all- 
mählig  zu  ändern.  Irre  geworden  an  der  eigenen  Kraft 
auf  moralischem  wie  intellektuellem  Gebiet  sehnt  man 
sich  nach  Beweisen  für  das  Hereinragen  einer  höheren 
Welt  in  die  sichtbare.  Spiritismus  und  Geisterzwang 
aller  Art,  Zauber  und  Sühnvorschriften  gewinnen  all- 
gemeines Interesse,  das  Unbegreifliche  an  sich  erhält 
religiösen  Wert,  und  ein  unklares  Glaubensbedürf- 
nis fragt  nicht  nach  der  Art  des  Wunders,  wenn  es 
nur  Wunder  schauen  und  von  Wundern  hören  kann. 
So  gewinnen  jene  alten  phantastischen  Erzählungen 
oder  selbst  Märchen  neue  Bedeutung;  sie  sind  ja  über- 


42 


VERWANDLUNGSGESCHICHTEN 


'  liefert,  und  keine  Schulweisheit  mag  sagen,  ob  sie  nicht 

wirklichen  Ereignissen  entsprechen.  So  will  denn  schon 

^.\  Ovid  seine  rein  dem  Ergötzen  gewidmeten,  oft  frivolen 

i  Verwandlungsgeschichten  im  Eingang  als  Beweise  für 
das  Wirken  und  Walten  der  Götter  hinstellen  und  läßt 
sie  in  eine  neupythagoreische  Predigt  ausklingen,  in 
die  Huldigung  an  eine  im  Orient  umgestaltete  religiöse 
Philosophie,  der  bald  das  Wunderbare  als  das  einzig 
Natürliche  und  die  höhere  Wahrheit  erschien.  Eine  ein- 
heitliche Entwicklungsreihe  führt  von  hier  bis  zu  jenem 
späten  Philosophen  Damascius,  der  in  einem  vierbän- 
digen Prosawerk  'Wundergeschichten'  zunächst  die  wun- 
derbaren Erzählungen  der  alten  Dichtung  zusammentrug, 
dann  neuere  seltsame  Geschichten  von  Dämonen,  weiter 
bezeugte  Erscheinungen  Verstorbener,  endlich  unerklär- 
liche Naturvorgänge.  Alle  diese  Erzählungen  sind  ihm 
gleichwertig,  weil  alle  'wunderbar'  sind;  das  Wunder 
{  ist  ihm  der  Grund  der  Religion,  und  seine  Philosophie 
ist  Religion.  Der  leidenschaftliche  Kampf  der  Ratio- 
nalisten, welche  diese  Wunder  und  zugleich  den  Mythos 

.  erklären,   ist  für  das  Empfinden   der  Zeit    ein  Kampf 

•  gegen  die  Religion. 

In  diese  Entwicklung  führt  uns  im  Anfang  des  zwei- 
ten Jahrhunderts  n.  Chr.  ein  Prosawerk  'Verwandlungs- 
geschichten', dessen  Verfasser  sich  nur  mit  seinem 
Vornamen  und  der  Heimatsangabe  Lucius  von  Patrae 
nannte.  In  den  zwei  ersten  Büchern  erzählte  er  als 
eigenes  Erlebnis  jene  Geschichte  von  dem  zum 
«    Esel  verzauberten  Jüngling,   die  Aristeides  aus  einem 

\  Märchen  zum  boshaften  und  pikanten  Feuilleton  um- 
gebildet hatte.  Ob  er  den  Aristeides  direkt  oder  durch 
Mittelquellen  benutzte,  wissen  wir  nicht,  nur  daß  die 
pikanten  Zusätze  des  Aristeides  mitübernommen  waren. 


VORGÄNGER  DES  APULEIUS 


43 


Stil  und  Empfindung  waren  freilich  anders  geworden. 
In  schlichter  Sprache,  offenbar  also  für  ein  breiteres  ^' 
Publikum  berechnet,  sollte  die  Erzählung  zwar  durch 
die  lasziven  Einzelheiten  ergötzen,  durch  den  Wunder- 
bericht aber  zugleich  religiöse  Wirkung  üben  und  den  ^ 
Glauben  an  die  Macht  der  Gottheit  stärken.  Ein  witzi- 
ger Gegner  griff  diese  beiden  ersten  Bücher,  denen 
ähnliche  andere  Erzählungen  gefolgt  sein  müssen, 
heraus,  offenbar  weil  allein  hier  sein  Widerpart  der 
Form  nach  von  eigenen  Erlebnissen  zu  berichten  schien. 
Geschickt  verkürzte  er  sie  so,  daß  das  sinnliche  Ele- 
ment stärker  hervortrat,  ohne  doch  Gang  der  Hand- 
lung oder  Sprache  namhaft  zu  verändern.  Bei  der  Ent- 
zauberung ließ  er  den  Verfasser  in  einer  für  alle  Lite- 
raturkenner deutlichen  Weise  seine  Person  näher  kenn- 
zeichnen und  fügte  zugleich  ein  letztes,  groteskestes 
Abenteuer  hinzu,  welches  handgreiflich  beweisen  sollte, 
daß  der  Erzähler  nach  der  Begnadigung  durch  Gott 
noch  genau  so  dumm  und  geil  geblieben  sei,  wie  nach  ^ 
eigenem  Geständnis  früher  in  der  Tiergestalt.  *Lukios 
oder  der  Esel',  so  mag  von  Anfang  an  der  Titel  dieses 
in  der  Tat  höchst  belustigenden  Volksbuches  gelautet  -^ 
haben.  Wie  bei  den  ionischen  Novellen  und  Schwän- 
ken, die  ich  früher  erwähnte,  geht  der  gleiche  Stoff 
von  Erzähler  zu  Erzähler;  mit  erstaunlicher  Treue  wer-  ^ 
den  die  Hauptzüge  übernommen,  mit  voller  PYeiheit 
Pointe  und  Tendenz  umgestaltet.  Nicht  ob  der  Er- 
zähler die  alte  Geschichte  wirklich  erlebt  hat,  sondern 
wie  er  sie  zu  erzählen  weiß  und  welche  Wendung  er 
ihr  gibt,  interessiert  das  Publikum. 

So  überkommt  —  nach  meiner  Ansicht  wenigstens  — 
Apuleius  den  Stoff,  stellt  sich  zunächst  selbst  als  den       '\ 
durch  jenen  Streit  berühmten  Lucius  vor  und  läßt  es, 


44 


WERK  DES  APULEIUS 


um  den  Leser  zu  spannen,  lange  Zeit  unentschieden, 
ob  er  die  Erzählung  zur  Verhöhnung  oder  zur  Be- 
'  kräftigung  des  Wunderglaubens  verwenden  will.  Erst 
allmählig  treten  in  den  Einlagen  auch  ernstere  Züge 
hervor,  ohne  doch  bis  zu  der  Geschichte  der  Entzau- 
berung wirklich  vorherrschend  zu  werden.  Erst  sie 
bringt  in  leidenschaftlichster  Betonung,  die  man  nie 
hätte  verkennen  dürfen,  die  religiöse  Wertung  der  Ge- 

\  schichte  und  zugleich  die  neue  Selbstvorstellung  des 
Autors.  Man  glaubt  zu  empfinden,  daß  eine  erste  reli- 
giöse Umbiegung  der  Erzählung  —  ich  denke  eben 
durch  Lucius  von  Patrae  —  Angriffe  erfahren  hat  und 
der  Autor  sie  daher  verstärkend  wiederholen  will  und 
zugleich  mit  seiner  Person  eintritt,  was  er  allerdings 
nur  kann,  wenn  die  Form  der  Erzählung  in  erster  Per- 
f  son  in  diesen  Stoffen  ganz  konventionell  war.  Die  stili- 
stische Nachahmung  der  ältesten  lateinischen  Fassung 
dieser  Erzählung  soll  dem  Ganzen  zugleich  den  Cha- 
rakter des  Literaturwerks  höherer  Ordnung  geben.  Ähn- 
lich die  Komposition:  Apuleius  wählt  statt  des  ein- 
fachen Nebeneinander  verschiedener  langer  und  kurzer 

I  Geschichten  die  Kunstform  der  Rahmenerzählung;  in 
die  eine  fahula  sind  die  anderen  eingelegt,  etwa  wie 
in  Gottfried  Kellers  'Sinngedicht'  die  Einzelnovellen 
in  die  Rahmenno v eile.  Von  einem  Roman  des  Apu- 
leius würde  ich  dennoch  nicht  reden;  der  antike  Ro- 

I     man  geht  von  der  historia  aus,  und  was  Apuleius  bietet, 

'  bleibt  fabula  und  kann  ein  einheitliches  Werk  gar 
nicht  werden.  Der  wunderliche  Kontrast,  in  dem  die 
meisten  Einlagen  und  selbst  der  überwiegende  Haupt- 
teil der  Eselsgeschichte  zu  dem  breit  ausgeführten 
Schlüsse  steht,  ist  nicht  nur  aus  der  schriftstellerischen 


PERSON  DES  APULEIUS 


45 


Schwäche  des  Apuleius  zu  erklären,  der  nicht  die 
Kraft  hatte,  den  überkommenen  StofiF  zu  sichten  und 
die  Haupterzählung  schon  vor  dem  Schlüsse  umzu- 
biegen, sondern  liegt  zum  Teil  in  dem  Wesen  der  fa- 
biila  selbst,  die  heiterer  Ergötzung  noch  dienen  will, 
auch  wenn  Wundererzählung  und  Mythos  in  ihr  zugleich 
religiöse  Bedeutung  gewonnen  haben.  Freilich  diese 
Zwiespältigkeit  entspricht  zugleich  dem  Wesen  unseres 
Schriftstellers.  Nicht  nur  der  frivole,  die  Sinnlichkeit 
reizende  Scherz,  auch  die  Glaubenssehnsucht  einer  fried- 
losen Zeit  soll  in  seinem  Geplauder  wiederklingen,  und 
gar  zu  gern  möchte  dieser  Virtuose  elegantester  Unter- 
haltungskunst im  Schluß  als  Prophet  verkünden,  wo  ;' 
ihr  dunkler  Drang  nach  Erlösung  Befriedigung  finden 
könnte.  Aber  er  trägt  den  Prophetenmantel  mehr  wie 
ein  Schauspieler  als  wie  der  Sendbote  eines  Gottes, 
und  sein  überbildetes  Publikum  will  wohl  einmal  neben  / 
anderen  recht  irdischen  Empfindungen  auch  das  Ge- 
fühl schwärmerischer  religiöser  Hingabe  durchkosten, 
schwerlich  aber  ernsthaft  um  die  innere  Verwand- 
lung und  Erneuerung  ringen,  die  das  letzte  Wunder  ^ 
dieser  'Metamorphosen'  ausmacht.  Für  Schreiber  und 
Leser  steht  die  Kunst  über  der  Religion.  Das  zeigt  sich  ' 
gewiß  auch  in  der  Behandlung  des  Psychemärchens,  für 
das  wir  jetzt  wohl  gern  eine  längere,  auch  literarische  - 
Entwicklungsgeschichte  annehmen  werden.  Aber  so- 
viel echt  religiöses  Empfinden  hat  selbst  diese  kraft- 
lose Zeit  und  dies  sinkende  Geschlecht  wiedergewonnen, 
daß  eine  der  tiefsten  Dichtungen  gläubiger  Sehnsucht  ^ 
durch  ihre  Künsteleien  nicht  entseelt  wird.  Wie  die 
Darstellung  des  Eros  und  der  Psyche  auf  den  Sarko- 
phagen   einst   in    dem    nachdenklichen   Beschauer    die 

Revtzenstein:  Amor  und  Psyche.  4 


46 


WERK  DES  APULEIUS 


Ahnung  eines  neuen  Lebens  weckte,  so  lenkt  dies 
letzte  literarische  Kunstwerk  des  hinsterbenden  Klas- 
sizismus die  Gedanken  des  Philologen  zum  Schluß  auf 
eine  neue  Zeit,  die  schon  im  Werden  ist  und  auch  in 
ihm  sich  ankündigt. 


AUSFÜHRUNGEN. 


4* 


Die  literarhistorische  Untersuchung,  auf  welche  der  voran- 
stehende Vortrag  sich  stützt,  ward  vor  ein  paar  Jahren  im  An- 
schluß an  Hans  Lucas'  feinsinnigen  Aufsatz  'Zu  den  Milesiaca 
des  Aristides'  (Philologus  66,  i6lf.)  entworfen.  Die  ungemeine 
Belesenheit  des  Verfassers  schien  mir  zu  verbürgen,  daß  eine 
Beobachtung  zu  einem  Fragment  des  Sisenna,  die  ich  lange 
vorher  einmal  gemacht  hatte,  literarisch  nicht  vorgebracht  sei. 
Seither  hat  O.  Weinreich  in  dem  reizvollen  Buch  'Der  Trug 
des  Nektanebos',  in  welchem  er  das  Werden  einer  hellenisti- 
schen Novelle  und  ihre  Wanderungen  bis  in  die  indische  Er- 
zählungsliteratur verfolgt,  diese  Beobachtung  zwar  kurz  vor- 
getragen (S.  37  A.  4),  ohne  jedoch  Folgerungen  aus  ihr  zu 
ziehen.  So  lasse  ich  meine  Ausführungen  im  wesentlichen  in 
ihrer  früheren  Form  und  ergänze  nur  ihren  Schluß. 


Der  rhetorische  Klassizismus  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr. 
verwendet  in  Rom  für  die  verschiedenen  Stoffe  verschiedene 
Stilarten;  besonders  für  den  lexikalischen  Teil,  der  immer  mehr 
in  den  Vordergrund  tritt,  stellt  er  ältere  Muster  jeder  Gattung 
auf.  In  ihrer  Reihe  begegnet  bei  Fronto  p.  62  N.  bekanntlich 
auch  Sisenna,  der- zu  den particulatim  elegantes  gerechnet  wird: 
Novium  et  Pompomum  et  id  genus  in  verbis  rusticanis  et  iocularibus 
ac  ridiculariis,  Attam  in  muliebribus,  Sisennavi  in  lasciviis,  Lu- 
cilium  in  cuiusque  artis  ac  negotii  propriis.  Daß  Sisennas  fabulae 
Milesiae  gemeint  sind,  ist  klar;  sie  gelten  dem  Vertreter  des 
klassizistischen  Archaismus  als  'das  Vorbild'  für  pikante  ero- 
tische Erzählungen,  wie  sie  damals  auch  in  der  griechischen 
Literatur  wieder  Mode  werden.   Die  Metamorphosen  weichen 


50 


EINLEITUNG  DES  APULEIUS 


in  der  Wortwahl  von  den  andern  Schriften  des  Apuleius  ab^), 
verraten  also  die  Einwirkung  eines  bestimmten  stilistischen  Vor- 
bildes. Wir  würden  auf  Sisenna  schließen,  selbst  wenn  er  nicht 
zweimal  klar  bezeichnet  wäre.  Ich  setze  die  beiden  viel  miß- 
handelten Stellen  hierher.  Das  Werk  beginnt:  Af  ego  tibi  ser- 
mone  isto  Milesio  varias  fdbulas  conseram  auresque  tuas  henivolas 
lepido  susurro  permulceam ;  modo  si  papirum  Aegyptiam  argutia  Ni- 
lotici  calami  inscriptam  non  spreveris  inspicere,  figuras  fortunasque 
hominum  in  alias  imagines  conversas  et  in  se  rursum  mutuo  nexu  re- 
fecias,  ut  mireris,  exordior?)  Die  beste  sachliche  Erklärung  gibt 
der  Eingang  der  "EpuüTe(g  Pseudolucians,  der  auf  den  Eingang 
der  MiXriciaKd  des  Aristeides  Bezug  nimmt:  die  Plaudererzäh- 
lung will  dem  von  ernster  Arbeit  ermüdeten  Geist  Erholung 
bieten^);  wer  von  des  Tages  Geschäften  müde  ist,  ruft  sich  ja 
auch  den  fabulator,  um  auf  andere  Gedanken  zu  kommen.*) 
Auf  die  Empfindung  des  Lesers  'ich  bin  müde,  zu  allem  Ern- 
sten zu  müde',  antwortet  das  Buch  in  den  Eingangsworten  'ich 
aber  will  dir  vorplaudern.' 

Dieser  eigentümliche  'mündliche  Stil',  den  man  bisher  wohl 
zu  wenig  hervorgehoben  hat,  geht  durch  das  ganze  Werk;  be- 
ständig spricht  der  Autor  zu  dem  Leser,  indem  er  doch  zu- 
gleich das  Medium  des  Buches  ab  und  an  stark  hervortreten 
läßt,  vgl.  z.  B.  X  7  haec  ad  istum  modum  gesta  compluribus  mutuo 
sermocinantibus  cognovi.    quibus  autem  verbis  accusator  urserit  .  .  . 


i)  Vgl.  Norden,  Kunstprosa  603,  der  den  Asianismus  richtig  erkennt 
und  einzelne  Schilderungen  aus  Varros  saturae  Menippeae  mit  Glück 
vergleicht  (so  S.  199;  vgl.  jetzt  auch  Gercke-Norden ,  Einleitung  in  die 
Altertumswissenschaft  I  520.  579).  Zu  der  Fronto-Stelle  bemerke  ich, 
daß  sie  nicht  nur  Dichter  anführen  will,  sondern  allgemein  die  Schrift- 
steller, und  daß  sie  für  jede  Art  der  Nachahmung,  Poesie  wie  Prosa, 
Geltung  haben  soll. 

2)  Die  Deutungsversuche  siehe  bei  Rohde,  Kl.  Schriften  II  28  ff. 
Lucas  Philologus  66,  16  ff.  und  vor  allem  Leo  Hermes  40,  605,  von 
dem  ich  nur  in  einer  Kleinigkeit  der  Interpunktion  abweiche. 

3)  Auch  in  cap.  4  stellt  Theomnestos  diese  seine  Traiöid  der  cuoubrj 
des  Lykinos  gegenüber. 

4)  Sueton  Aug.  78. 


MÜNDLICHER  STIL 


51 


neque  ipse  absens  apud praesepium  scire  neque  advos,  quae  ignoravi, 
possum  enunttare,  sed  quae  plane  comperi,  ad  istas  litteras  pro- 
feram.^)  —  X  i8  sed  prius  est,  ut  vobts,  quod  initio  facere 
debueram,  vel  nunc  saltem  referam,  quis  iste  vel  unde  fuerit.  — 
X  2  iam  ergo,  ledor  opiime,  scito  te  tragoediam,  non  fabulam  legere 
ei  a  socco  ad  cotumum  ascendere.  —  IX  30  sed  forsitan,  ledor 
scrupulosus,  reprehendens  narratum  meum  sie  argumentaberis :  ^unde 
autem  tu,  astutule  asine,  intra  terminos  pistrini  contentus,  quid  se- 
creto,  ut  adfirmas,  mulieres  gesserint,  scire  potuisti?^  accipe  igiiur 
quemadmodum  homo  curiosus  iwnenti  faciem  sustinens  cuncta  .  .  . 
cognovi.  Am  nächsten  kommt  den  oben  zitierten  Eingangsworten 
wohl  die  Einführung  einer  Einlage  IX  1 4  fabulam  denique  bo- 
nani  prae  ceteris,  suavein,  comptam  ad  auris  vestras  adferre  decrevi, 
et  en  occipio.  Ähnlich  führt  der  fabulator  seine  Plaudereien  ein, 
vgl.  Plinius  ep.  II  20  assem  para  et  accipe  auream  fabulavi^ 

In  den  Eingangsworten  zerlegt  Apuleius  die  übliche  Ver- 
heißung d&B  fabulator  geziert  in  zwei  Glieder:  sermone  isto  Mi- 
lesio  varias  fabulas  conseram  und  aures  lepido  susurro  permulceam. 
Den  Stoflf  bezeichnet  das  Wort  /abulae^),   also  kann  —  darin 


1)  Vgl.  X  2  post  dies  plusculos  ibidem  dissignatum  scelestum  ac  ne- 
fartutn  facinus  memini,  sed  ut  vos  etiani  legatis,  ad  librum 
profero. 

2)  Vgl.  VI  i<^  sie  .  .  .  narrabat  anicula;  sed  astans  ego  non  procul 
dolebam  mehercules,  quod  pugillares  et  stilum  non  habebam,  qui  tarn 
bellam  fabellam  praenotarem.  Die  Betonung,  welche  Freude  der  Er- 
zähler hatte,  als  er  das  Geschichtchen  zuerst  hörte,  paßt  zum  Stil  dieser 
Literaturgattung.  Sie  scheint  nach  dem  Eingang  von  Pseudolucians  "Epiu- 
Teq  schon  bei  Aristeides  auffallend  hervorgetreten  zu  sein. 

3 )  Es  sind  schlichte  öir^YillLtclTa,  vgl.  Fronto  178  N.  nunquam  ces- 
savit  in  vesperum  usque  fabulas  nectere  itinerum  tuorum  et  disci- 
plinae  ad  priscum  morem  institutae  ac  retentae.  Minucius  Felix  3,  4 
oram  curvi  niolliter  litoris  iter  fabulis  fallentibus  legebamus.  hae 
fabulae  erant  Octavi  disserentis  de  navigatione  narratio.  Apuleius 
Met.  IV,  27  (von  dem  Märchen  von  Amor  und  Psyche)  narrationibus 
lepidis  anilibusque  fabulis.  Der  Singular  ya^w/a  bezeichnet  bei  Apu- 
leius die  Einzelgeschichte;  der  Plural  Geschichten  oder  das  Gespräch; 
für  letzteres  kann  sermo  eintreten,  nicht  aber  für  ersteres.  Met.  I  2  ist 
impertite  sermonis  erklärt  durch  das  vorausgehende  dum  ausculto,  quid 


52 


SERMO  UND  FABULA 


stimme  ich  mit  Lucas  ganz  überein  —  in  den  Worten  ser- 
vione  isto  Milesio  nur  eine  Stilbezeichnung  enthalten  sein,  und 
%  sie  muß,  wie  Leo  hervorhebt,  den  Worten  lepido  susurro  ent- 
sprechen. Dabei  ist  sermo  der  leichte  Unterhaltungston,  der 
Plauderton,  im  Gegensatz  zur  contentio.  Rohde  irrt,  wenn  er 
sernione  isto  Milesio  im  Grunde  mit  varias  verbindet  und  folgert, 
der  Stil  der  Milesiae  liege  in  dem  Zusammenfügen  verschie- 
dener Geschichten,  Lucas  freilich  noch  mehr,  wenn  er  deutet: 
Geschichten  mannigfacher  Art,  die  mir  in  Gesprächen  erzählt 
sind,  wie  das  in  den  Milesiae  üblich  ist.  Mindestens  den  Plu- 
ral sermonihus  müßten  wir  dann  erwarten,  und  sermo  heißt  nie 
die  Erzählung.  Die  Worte  sermone  und  susurro  beziehen  sich 
auf  das  Verhältnis  zwischen  Autor  und  Leser,  nicht  zwischen 
Autor  und  Quelle,  und  bezeichnen  in  ihrer  Verbindung  hier 
den  mündlichen  Stil  der  Milesia,  der  bekannt  ist  und  daher 
von  dem  Leser  gleich  in  der  ersten  Anrede  wieder  erkannt 
wird  {isto).  Der  Angabe  des  Stoffes  und  der  Stilart  folgt  dann 
in  dem  zweiten  Halbsatz  der  Titel  und  die  Erregung  der  Er- 
wartung: ut  mireris.  Der  feste  Stil  der  fahula  verlangt  dann 
weiter  eine  Angabe  über  die  Person  des  Erzählers  (vgl.  1 5 
exordiar  .  .  .  sed  ut  prius  noritis,  cuiatis  sim  e.  q.  J.).  Buch  und 
Autor  bilden  dabei  eine  Person;  der  Bildungsgang  des  Autors 
ist  der  des  Buches,  die  Ahnen  des  Buches  sind  die  des  Au- 
tors. Um  die  Einzelheiten  voll  zu  würdigen,  müßten  wir  die 
Vorbilder  kennen;  eine  wirkliche  Bezeichnung  des  Schrift- 
stellers erwartete  der  antike  Leser  im  Eingang  derartiger  künst- 
licher Nachbildungen  volkstümlicher  Unterhaltung  offenbar  nicht. 


sermonis  agitarent;  es  heißt  Unterhaltung;  Met.  IX  16  wird  die  Rede 
eines  alten  Weibleins  mit  Ethopoiie  wiedergegeben:  denique  die  qua- 
dam  tinnulae  illius  aniculae  sermo  talis  meas  adfertur  auris ;  daß  sich 
in  die  Rede  eine  Erzählung  einfügt,  ist  für  den  Wortgebrauch 
gleichgültig.  Die  Stelle  ist  ähnlich  zu  beurteilen  wie  Fronto  p.  70  N. 
deinde  cum  matercula  m.ea  supra  torum  sedente  multum  garrivi; 
meus  sermo  hie  erat:  quid  existimas  meum  Frontonem.  facere  .  .  . 
dum  ea  fahulamur.  Daß  sermone  isto  Milesio  heißen  könnte  'in  der 
folgenden  milesischen  Erzählung',  würde  ich  bestreiten,  selbst  wenn  es 
nicht  durch  lepido  susurro  aufgenommen  würde. 


VERWEIS  AUF  SISENNA  53 

Ich  ziehe  den  Schluß:  Milesius  sermo  als  Stilbezeichnung  und 
Milesia  {fabuld)  als  Gattungsbezeichnung  sind  dem  Publikum 
des  Apuleius  bekannte  Begriffe;  aber  diese  Begriffe  schließen 
nur  indirekt  an  Aristeides.  Das  sagt  der  Autor  mit  dürren 
Worten  IV  32:  sed  Apollo,  quamquam  Graecus  et  lonicus  propter 
Milesiae  conditorem  sie  latina  sorte  respondit.  Da  Lucas  die 
Stelle  als  ganz  unverständlich  aus  der  Erörterung  über  die  mi- 
lesischen  Erzählungen  ausscheidet,  muß  ich  näher  auf  sie  ein- 
gehen. Was  Milesia  heißt,  dürfte  schon  nach  Stellen  wie  Capi- 
tolinus  vit.  Albini  12,12  maior  fuit  dolor,  quod  illum  pro  lii terato 
laudanduin  plerique  duxistis,  cum  ille  iiaeniis  quibusdam  anilibus  (vgl. 
Apuleius  IV  27  anilibus que  fabulis)  occupatus  inter  Milesias  Ptini- 
cas  Apulei  sui  et  ludicra  litteraria  consenesceret  und  ll,8  Milesias 
nonnulli  eiusdevi  esse  dicunt,  quarum  fama  non  ignobilis  habetur, 
quamvis  mediocriter  scriptae  sint  wirklich  nicht  mehr  in  Zweifel 
gezogen  werden.  Das  Wort  conditor  könnte  hier  ebensowohl 
einfach  den  Verfasser  einer  solchen  Erzählung  wie  den  Be- 
gründer der  ganzen  Gattung  bezeichnen,  vgl.  Thesaurus,  1.  lat. 
IV  146.  Auf  letzteres  weist  m.  E.  zwingend  der  Singular  Mi" 
lesia.  Ersteres  nimmt  freilich  Rohde  an  und  traut  dem  Apu- 
leius die  Geschmacklosigkeit  zu,  hier  zu  sagen,  nur  seinethalb, 
um  es  ihm  bequem  zu  machen,  habe  Apollo  gleich  Latein  ge- 
sprochen; die  Milesia  sei  eben  die  Erzählung  von  Amor  und 
Psyche.  Leichter,  sachlich  und  sprachlich,  scheint  mir  die 
andere  Deutung:  Milesiae  conditor  ist  für  den  Römer  Sisenna; 
seinetwegen,  um  ihn  einst  zu  inspirieren,  hat  Apollo  selbst 
Latein  gelernt  und  verwendet  es  jetzt  ihm  zu  Ehren.  Schein- 
bar soll  nur  erklärt  werden,  daß  das  Orakel  wörtlich  und  doch 
lateinisch  mitgeteilt  wird  —  ähnlich  wie  das  Orakel  in  dem 
Volksbuche  des  JuHus  Valerius.  Daß  Sisenna  in  seine  Über- 
setzung des  Aristeides  lateinische  Verse  einlegte,  vermutete 
schon  Bücheier  nach  fr.  i.  Freihch  wissen  wir  nicht  sicher,  ob 
die  wenigen  Worte  einem  Seherspruch  —  etwa  wie  der  in  Lu- 
cians  Alexandros  c.  50  erwähnte  —  entstammen.  Jedenfalls 
nahm  Apuleius  den  leichten  Fall,  daß  ein  Orakel  anzuführen 
war,  zum  Anlaß,  in  scheinbarer  Entschuldigung  auf  seine  Stil- 


54 


VERWEIS  AUF  SISENNA 


stische  Hauptquelle  zu  verweisen.  Vielleicht  darf  man  hinter 
dem  leichten  Scherz  noch  etwas  mehr  Absicht  suchen.  Apu- 
leius  hat  soeben  betont,  daß  gerade  der  Apollo  von  Milet 
das  Orakel  gibt;  dennoch  wiederholt  er  sofort  nachdrücklich 
quamquam  Graecus  et  lontcus})  Wenn  der  griechische  Dichter- 
gott nachträglich  Latein  lernt  —  übrigens  genau,  wie  Apu- 
leius  selbst  es  getan  hat  — ,  so  erkennt  er  doch  wohl  die  la- 
teinische Dichtung  als  gleichberechtigt  an,  und  wenn  der  io- 
nische Gott  Sisenna  zu  Ehren  diese  Sprache  spricht,  so  soll 
er  damit  vielleicht  ausdrücken,  daß  die  NujviKOi  XÖYOi,  wie 
sie  Aristeides  bot,  durch  Sisenna  zu  einer  besonderen  Litera- 
turgattung geworden  sind.  Denn  eine  eigene  Literaturgattung 
hat  der  Römer  in  der  Tat  für  sein  Volk  geschaffen,  nicht  ganz 
so  Aristeides  für  das  seine.  Hierauf  deuten,  wie  ich  glaube, 
auch  die  seltsamen  Worte  der  Einleitung,  in  denen  jene  fiktive 
Persönlichkeit,  die  halb  Apuleius  selbst  und  halb  das  Buch  ist, 
auseinandersetzt,  daß  Griechisch  ihre  Muttersprache  sei  und 
sie  erst  in  Rom  Latein  gelernt  habe,  um  dann  fortzufahren  iam 
haec  equidem  ipsa  vocis  immutatio  desultoriae  scientiae  stilo, 
quem  accessimus ,  respondet.  fabulam  graecanicam  incipimus.  lector, 
intende:  laetaberis.  Das  heißt  wohl  mehr  als  nur  'ich  übersetze 
eine  griechische  Erzählung  ins  Latein'  {Rohde,  Kleine  Schrif- 
ten II  59  A.  2),  und  schwerlich  will  Apuleius  sein  Wissen  als 
eine  desultoria  scientia  bezeichnen,  weil  er  von  einem  Stoff  in 
den  andern  überspringt,  wie  dies  Leo  (Hermes  40,  605), 
wenn  ich  ihn  richtig  verstehe,  anzunehmen  scheint.  Achtet 
man  auf  die  Verbindung  desultoriae  scientiae  stilo,  so  wird  man 
desultoria  scientia  von  dem  literarischen  Vorbild  verstehen,  sei 
es  nun,  daß  Sisenna  sich  einer  solchen  deshalb  gerühmt  hatte, 
weil  er  beide  Sprachen  schriftstellerisch  gleich  beherrschte  (vgl. 
Plutarch  LucuUus  c.  i ;  daß  Sisenna  und  Hortensius  mitgelost 
haben,  zeigen  ihre  Werke),  sei  es  daß  er  damit  hervorheben 


i)  Was  Lucas  gewinnen  will,  wenn  er  die  letzten  beiden  Worte  streicht, 
sehe  ich  nicht.  Die  Schwierigkeiten  bleiben  für  seine  Erklärung  genau 
so  groß. 


APULEIUS  UND  SISENNA  55 

wollte,  daß  er  von  seinen  historiae  zu  den  fabulae  und  von 
diesen  zu  jenen  überging.^)  Was  Sisenna  bot,  erschien  dem 
Apuleius  als  fabulae  graecanicae,  d.  h.  schwerlich  als  bloße  Über- 
setzung aus  dem  Griechischen,  sondern  als  eine  freiere  Misch- 
bildung; sie  stilistisch  nachzuahmen  glaubte  er  sich  durch  den 
eigenen  Entwicklungsgang  besonders  befähigt.  Mag  man  in 
der  Deutung  unsrer  Stelle  über  unsichere  Vermutungen  nicht 
herauskommen,  die  Beziehung  der  Worte  Milesiae  conditor  auf 
Sisenna  scheint  mir  notwendig. 

Lucas  freilich  wendet  ein,  daß  Apuleius  bei  dieser  Deutung 
der  Worte  quamquam  Graecus  et  lonicus  propter  Milesiae  conditorem 
sie  Latina  sorte  respondit  ja  aus  der  Rolle  fallen  und  selbst  das 
Wort  ergreifen  müsse,  während  doch  eine  thessalische  alte 
Frau  das  Märchen  von  Amor  und  Psyche  erzähle.  Das  ist 
unbestreitbar,  aber  ich  sehe  nicht,  wie  man  dieser  Annahme 
überhaupt  entgehen  kann,  mit  anderen  Worten:  ich  sehe  nichts 
in  dem  ganzen  Märchen,  was  im  Tone  jener  Alten  und  nicht 
vielmehr  im  eigenen  Ton  des  Erzählers,  oder  besser  des  Apu- 
leius gegeben  wäre.  Ich  brauche  auf  die  Latinismen'  in  dem 
Märchen  {dei  conscripti  Musarum  albo  VI  23)  oder  die  Nach- 
bildungen alexandrinischer  Poesie  nur  hinzuweisen.  Grade 
hierin  finde  ich  den  Ton  der  Milesia. 


Sollen  diese  Ausführungen  überzeugen,  so  müssen  sich  zwi- 
schen dem  Stil  des  Apuleius  und  dem  Sisennas  wenigstens  all- 
gemeine Übereinstimmungen  nachweisen  lassen.  Freilich  sind 
aus  den  Milesiae  nur  zehn  kurze  Bruchstücke  erhalten,  von 
denen  man  nicht  zuviel  Aufschluß  erwarten  darf. 

I.  node  vagatrix  (Hexameterschluß?):  vgl.  Apuleius  IV  t^o per 
alienas  domos  nocte  discurrens  (III  3  nocte);  zum  Gebrauch   des 


i)  Hat  Sisenna  den  Ausdruck  von  sich  gebraucht,  so  wird  Varro  in 
der  Satire  Desultorius  uepl  TOÖ  Yp(i9€iv  auf  ihn  Bezug  genommen  haben. 
Das  würde  zu  der  ersten  Erklärung  des  Ausdruckes  desultoria  scientia 
vielleicht  noch  besser  passen. 


56  ÜBEREINSTIMMUNGEN  MIT  DEN  MILESIAE 

Verbalsubstantivs  vgl.  z.  B.  I  1 2  consiliator,  III  1 9  spretor,  VIII  2 1 
accessitor. 

2.  te  istuc  hesterno  \  q\  hesisse  oporiuerat,  arisiae  {artstea?):  vgl. 
Ap.  II  II,  VI  31,  VII  26  crastino  und  III  3  in  hodiernum. 

3.  eamus  ad  ipsum.  atque  ipse  commode  de  parte  superiore  de- 
scendehat  (commode  begegnet  bei  Ap.  nur  einmal  in  der  Bedeu- 
tung 'bequem',  sonst  commodum). 

4.  quid  nunc  ostium  scalpis,  quid  tergiversaris  nee  hene  naviter  is 
(wohl  von  einem  Tiere  gesagt,  das,  statt  rüstig  zu  laufen,  sich 
hin  und  herdreht  und  an  der  Stalltür  scheuert).  Scahere  und 
scalpere  wechseln  in  dieser  Bedeutung,  vgl.  Ausonius  Techno- 
pägn.  4  (p.  27,4  Seh.)  mutuum  muH  scalpant  (scabant  codd.  Z,), 
Apul.  VI  2  8  scauendi  dorsi  mei  simulatione  (so  F  ^,  scalpendi  F  ^,  vgl. 
Plinius  n.  h.  IX  147,  XXVIII  57),  vgl.  X  10  capitis  partem  scal- 
pere, VI  9  ascalpens  aurem  dexteram  (VIII  2"^.  Zu  naviter  vgl. 
z.  B.  X  24,  II  6,  IV  12,  VI  I.  10.  16.  21.  27,  VII  II,  XI  21,  zu 
der  Verbindung  hene  naviter  z.  B.  I  12  hene  quietus,  zu  dem 
Gebrauch  von  ostium  (Stalltüre)  I  1 5  ianitor  pone  stahuli  ostium 
humi  cuhitans,  zu  dem  rhetorischen  Bau  Stellen  wie  IV  34  quid 
infelicem  senectam  fletu  diutino  cruciatis,  quid  spiritum  vestrum  .  .  . 
fatigatis? 

5.  ohviam  venit:  vgl.  z.  B.  Ap,  VIII  30  ohviam  procurrit. 

6.  confestim  secuta  est  {confestim  gehört  zu  den  Lieblingsworten 
des  Ap.). 

7.  nisi  comminus  excidisset  ^quxinti  dantur?^  —  ^tanti^  inquit 
Olumpias;   siviul  hoc  dicens  suavium  dedit:    vgl.  Ap.  l  24  quanti 

parasti? 

8.  proin  dato  aliquid,  quod  domi  habehis,  quod  tihi  non  magno  sta- 
hlt', vgl.  Ap.  IX  3 1  magno  comparavlt. 

9.  quae  (?)  iudicium  false  factum. 

10.  \  ut  cum  penltus  utero  suo  recepit  {penitus  gehört  zu  den 
Lieblingsworten  des  Apuleius;  über  die  Deutung  des  Frag- 
ments später). 

Die  historiae  des  Sisenna  mag  Apuleius  nicht  gelesen  haben; 
trotz  des  verschiedenen  Stoffes  werden  sie  bei  Sisenna,  der  ja 
im  Wortgebrauch  pedantisch  einer  bestimmten  Theorie  folgte, 


ÜBEREINSTIMMUNGEN  MIT  DEN  HISTORIAE         57 

mancherlei  Berührungen  mit  den  Milesiae  gehabt  haben.  Ich 
hebe  besonders  hervor,  was  einem  archaistischen  Grammatiker 
aus  der  Zeit  des  Apuleius  vor  allem  ins  Auge  fiel.  Gellius  XII  1 5 
erwähnt:  cum  lectitarevius  historiam  Sisennae  adsidue  huiuscemodi 
figurae  adverhia  in  oratione  eins  animadvertimus,  cuius  modi  sunt  haec : 
cursim,  properatim ,  celatini ,  vellicatim ,  saltuatim.  Die  Fragmente 
bestätigen  die  Beobachtung  durchaus  und  fügen  hinzu:  certü" 
Hm,  manipulatim,  praefestinatim  ,  festinatim ,  vicatim,  dubitatim ,  eni- 
xim,  endlich  präpositioneil  gebraucht  (fr.  3)  iuxtim  Numicium 
ßumen.  Bei  Apuleius  ist  die  Vorliebe  für  derartige  Formen  all- 
bekannt; ich  hebe  nur  beispielsweise  heraus:  acervatim  IV  8, 
VI  10,  aggeratim  IV  8,  agviinatim  IV  8.  20,  angulatim  III  2,  IX  41, 
bacchatim  I  13,  caesim  II  15,  Vi,  certatim  II  28,  IV  13.  2  1,  V  4, 
VI  8,  VIII  28,  XI  16,  cossim  III  l,  cuneatim  VIII  15,  discretim  VI  l, 
efflidim  I  8,  III  16,  V  6.  21  (efflide  V  2^),  fartim  II  7,  III  3,  fis- 
tulatim  IV  T„  frustatün  II  7,  IX  37.  40,  gradatim  X  18,  granatim 
VI  10,  gregatim  VII  1 1,  IX  27,  guttatim  III  3,  XI  9,  iundim  II  32, 
ladniatim  VIII  i  5,  membratim  VI  26,  VII  26,  IX  2,  minutatim  IV  2  2, 
nomtnattm  Yll  7,  VIII  21,  ostiati7nll  2,  III  3,  pressim  II  30,  pullu" 
latim  II  16,  V  20,  raptim  VIII  17,  IX  1.  20,  XI  26,  separatim 
VI  10,  sessim  II  17,  singülaiim  VII  28,  stridim  VII  28,  ubertim 
III  I,  V  5,  VIII  19. 

Es  kommt  zunächst  nicht  darauf  an,  welche  dieser  Formen 
auch  in  volkstümlichem  Gebrauch  oder  bei  archaischen  und 
archaisierenden  Autoren  vorkommen:  man  muß  Stellen  wie  II  7 
viscum  fartim  condsum  et  pulpam  frustratim  consedavi  oder  III  i 
grabaitum  cossim  insidens  ubertim  flebam  oder  IV  8  estur  ac  pota~ 
tur  incondite  pulmentis  acervatim,  panibtis  aggeratim,  poculis  agmi- 
natim  ingestis  oder  VIII  1 5  non  ladniatim  dispersa,  sed  cuneatim  sti^ 
pato  mit  einzelnen  Beispielen  Sisennas,  wie  das  von  Gellius  her- 
vorgehobene fr.  127  vellicatim  aut  saltuatim  scribendo,  vergleichen, 
um  die  Nachahmung  zu  empfinden.  Wichtig  scheint  mir  auch 
n  13  iuxtim  se  ut  adsidat  effecit  (Sis.  fr.  3  iuxtim  Numicium ßu- 
meii),  wenig  entscheidend,  daß  Sisenna  fr.  iio  enixim,  Apuleius 
116  enixe  gebraucht;  er  schwankt  ja  auch  selbst  zwischen  efflic- 
Hm  und  efflide. 


58  ÜBEREINSTIMMUNGEN  MIT  DEN  HISTORIAE 

^  Die  zweite  Bemerkung  über  Sisenna  knüpft  Gellius  (XI  15) 
an  fr.  ^^  populabundus  agros  ad  oppidum  pervenit.  Wir  ersehen  aus 
ihm,  daß  die  durchaus  nicht  seltene  Bildung  seinen  Zeitgenossen 
unverständlich  geworden  war;  der  Grammatiker  Scaurus,  der 
errabundus  töricht  qui  errantem  agit  erklärte,  hätte  nicht  popula- 
bundus  agros,  sondern  umt  populabundus  (adjektivisch)  als  richtig 
gelten  lassen.  Apuleius  gebraucht  es  als  Partizip  wie  Sisenna 
II  5  haec  identidem  rifnabundus  eximie  delector,  III  I  carnificem  ima- 
ginabundus,  XI  6  manu7n  osculabundus ,  III  21  sui  periclitabunda, 
N  2}^  actem periclitabunda  (daneben  natürlich  auch  ohne  Objekt). 
Die  Verbindung  geziertester  Rhetorik  und  archaistisch-volks- 
tümlicher Wörter  ließe  sich  bei  der  Benutzung  dieses  Vorbildes 
vorzüglich  erklären;  doch  führt  die  Einzeluntersuchung  not- 
wendig über  den  Rahmen  dieses  Büchleins  hinaus.  Einzelne 
Übereinstimmungen,  wie  callere  mit  dem  Akkusativ  c.  Inf.  (Si- 
senna 44  quem  Marci  Livi  consiliarium  fuisse  callebant  —  Apul.  I  3 
minus  .  .  calles  .  .  ea  putari  mendacid)  oder  der  Gebrauch  von 
continari  (Sis.  125;  Apul.  I  24,  V  31.  VI  18,  VII  25,  XI  6.  22) 
überzeugen  ohne  weiteres.  Auch  Wendungen  wie  Sis.  60  lauro 
et  arbuto  ac  multa  pinu  abundant  —  Apul.  VII  15  furfures 
.  .  incretos  ac  sordidos  multoque  lapide  salebrosos  sind  an  sich 
beweiskräftig.  Anderes,  wie  der  Gebrauch  von  protelare,  prae- 
stolari,  adesus  für  consu77iptus  (Sis.  1 6  frumento  adeso  —  Apul. 
VIII  22  carnibus  atque  ipsis  visceribus  adesis,  homine  consumptv), 
finis  als  Femininum,  integrare,  kann  nur  in  voller  Zusammen- 
stellung wirken.  Aber  selbst  bei  Wendungen,  die  auch  in  klas- 
sischer Prosa  möglich  sind,  müßte  man  beobachten,  ob  sie  auch 
bei  Sisenna  wiederkehren,  vgl.  z.  B.  Sis.  124  his  tum  iniecius 
.  .  .  scrupulus  et  quaedam  dubitatio  —  Apul.  In  iniecto  non  scru- 
pulo,  sed  lancea.  Es  handelt  sich  ja  nicht  darum,  aus  derartigen 
Stellen  ein  sonst  unbezeugtes  Verhältis  des  Apuleius  zu  einem 
zwei  Jahrhunderte  älteren  Schriftsteller  zu  erschließen,  sondern 
eine  von  ihm  selbst  bezeugte  Abhängigkeit  an  einzelnen  Bei- 
spielen zu  erläutern  und  die  Einheitlichkeit  des  Stiles  der 
Metamorphosen  ins  Licht  zu  stellen. 


DIE  ESELSGESCHICHTE  BEI  SISENNA 


59 


3- 

Haben  sonach  Sisenna  und  Apuleius  ähnliche  Stoffe  und 
einen  ähnlichen  Stil,  so  gewinnt  eine  Übereinstimmung,  die 
mir  vor  langen  Jahren  auffiel,  vielleicht  Bedeutung.  Charisius 
zitiert  aus  dem  XIII.  Buch  des  Sisenna  p.  22^,  14  u/ero  pro  in 
uterum:  Sisenna  Milesiarum  XIII:  -J-  ut  cum  penitus  utero  suo 
recepit.  Man  vergleiche  hiermit  den  Bericht  des  letzten  Aben- 
teuers des  zum  Esel  verwandelten  Lucius  bei  Pseudolucian  5 1 
TTepißdXXcTai  )Lie  xai  dpaca  eicuü  öXov  TrapeöeEaTO  und  Apu- 
leius ^22  artissime  namque  complexa  ioium  me,  sed  prorsus  (pror- 
sus  sed  FJ  totum.  recepit.  Leider  sind  die  ersten  Buchstaben  des 
Fragments  verdorben;  statt  ut  eum,  was  man  gewöhnlich  her- 
stellt, dürfte  man  vielleicht  totum  schreiben;  aber  auch  ohne 
diese  Änderung  ist  die  Übereinstimmung  frappant. 

Daß  noch  ein  zweites  Fragment  des  Sisenna  (oben  fr.  4)  zwar 
nicht  bestimmten  Worten  des  Apuleius  entspricht,  aber  in  die 
Erzählung  von  dem  Esel,  der  oft  genug  nicht  vorwärts  will, 
trefflich  passen  würde,  habe  ich  oben  gezeigt.  Das  Bild  des 
Esels,  der  aus  dem  Stalle  gezogen  sich  dreht  und  wendet  und, 
um  den  Reiter  nicht  aufsitzen  zu  lassen,  mit  dem  Rücken  sich 
an  die  Türe  drängt,  ist  wenigstens  mir  auf  früheren  Reisen 
ähnlich  entgegengetreten.  Charisius  (207,  3)  entnahm  das  Frag- 
ment demselben  dreizehnten  Buch,  also  wahrscheinlich  der- 
selben Erzählung. 

Sisenna  übersetzt  nur  den  Aristeides.  Wenn  ein  Fragment 
aus  letzterem  sich  ungezwungen  in  der  Eselsgeschichte  unter- 
bringen läßt,  wird  dies  als  Bestätigung  der  Vermutung  gelten 
dürfen.  Das  einzige  Aristeides-Fragment  findet  sich  bekannt- 
lich bei  Harpokration  p.  54,  25  B.;  es  entstammt  dem  sechsten 
Buch:  AepfiricTri?'  Aucia?  ev  Ttu  rrpö^  EuTrei8r|V.  Aibujaoq  |aev 
dTTobibuuci  TÖv  CKuiXriKa  outuu  XeTecöai  tuj  CocpoKXeT  ev  Ni- 
ößr),  ev  t'  TTic  diTopouiLievTi?  XeHeiu«;,  'Apiciapxoc  be  tö  Zo- 
cpÖKXeiGV  eHr|YoO)aevo?  töv  oqpiv  dTTebuuKe.  —  |Lir|TTOT€  be  \id.\- 
Xov  av  eiri  öctk;  id  bepiuaia  ecGiei  b€p|Lir|CTr|<;,  ibquTTOCTmai- 
V€Tai  Ktti  dv  »'  MiXricmKUJv  'Apicieibou.  Wir  müssen,  ehe  wir 
das  interpretieren,  zunächst   eine  Hesychglosse  erklären,  die 


6o  DIE  ESELSGESCHICHTE  BEI  ARISTEIDES 

Schmidt  richtig  hiermit  verbindet,  aber  falsch  behandelt:  Aep- 
)nicTr|?.  6  CKuuXriH  r\  ockuc  (so  cod.)  ö  rd  bepinaTa  ecGioüv.  'Api- 
ciapxo«;  öqpiv.^)  Für  ri  6cku(;  vermutete  Palmer  entweder  f\  6 
cr|C  oder  f|  6  Ki^,  und  ersteres  nimmt  Schmidt  ohne  weiteres  in 
den  Text,  ohne  den  zweiten  Vorschlag  auch  nur  zu  erwähnen. 
Aber  die  Motte  gehört  hier  nicht  her,  weil  sie  nur  die  Pelzhaare, 
nicht  die  Häute  frißt;  die  zweite  Konjektur  Palmers  könnte 
richtig  sein,  aber  auch  sie  stellt  nur  die  Hand  des  Interpola- 
tors  her,  der,  vielleicht  aus  einem  Cyrillglossar,  r|  ö  Ki<;  ein- 
fügte. Zu  verbinden  ist,  wie  die  Parallelstellen  zeigen,  6  ckoü- 
Xr|H  6  TCt  bepiLiaia  ec9iuuv.  Gehen  wir  zu  Harpokration  zurück, 
so  ist  zu  einer  älteren  Deutung,  es  sei  eine  Wurmart  (Made) 
und  der  Aristarchs,  es  sei  die  Schlange,  von  Didymos  (oder 
von  Harpokration?)  die  neue  Behauptung  zugefügt,  es  sei  über- 
haupt nur  die  Bezeichnung  irgendeines  die  Haut  durchfres- 
senden Tieres,  wie  dies  auch  Aristeides  andeute. 

Sehen  wir  jetzt  auf  die  Erzählung  von  dem  zum  Esel  ver- 
zauberten Jüngling  zurück.  Bei  Apuleius  VI  31  schlägt  ein 
Räuber  vor,  den  Esel  zu  töten,  die  gefangene  Jungfrau  nackt 
in  seinen  Leib  einzunähen  und  beide  so  dem  Sonnenbrand 
auszusetzen;  sie  enivi  cuncia,  quae  rede  statuistis,  amho  sustinebuni, 
et  mortem  asinus,  quam  pridem  vieruit,  et  illa  morsus  ferarum. 


i)  Die  weitere  glossographische  Überlieferung  ist  leicht  zu  über- 
schauen. Den  Wortlaut  der  Epitome  des  Harpokration  bietet  Etymol. 
gen.  Aep|LiTiCTri<;"  Auciaq  \i.b)  töv  ckuiXtikcx  {priciv  oötujc;  XeYccöai,  'Api- 
CTopxoq  ht  TÖV  öqpiv.  eiri  6'  äv  juöWov  ö  ra  öepiuara  fec0iu)v  ^tu)liiü- 
Tepov  oÖTUU  Ka\oü)LievoQ.  Der  "Verfasser  fügt  hinzu:  ouTiuc;  eupov  ei^ 
TÖ  ^riTopiKÖv  XeEiKÖv  koI  ^v  äWoic;  xi^v  ^TUjuoXoYiav  irapA  tö  4'6uu 
kt\.  Exzerpte  hieraus  bieten  Etymol.  magn.  und  Zonaras,  die  Fassung 
der  Epitome  allein  Suidas.  Einer  zweiten  Stelle  des  Sophokles  ist  eine 
Parallelglosse  entnommen,  die  Photios  und  das  Seguerianum  bei  Bach- 
mann Anekd.  I  361,9  (abgekürzt  auch  Hesych)  erhalten  haben:  CoKO- 
bepiLiiCTriq'  CoqpoKXfit;  TpiuiXuj*  oi  \i.hi  röv  öqpiv,  oi  bä  töv  ckiüXtiko  töv 
Td  b^piuoTa  &iec9(ovTa  (Aristarch  dachte  an  die  auf  den  Schild  an- 
gebrachten Schlangen).  Durch  eine  Kontamination  erklärt  sich  die  bei 
Bekker  An.  gr.  240,  14  erhaltene  Fassung  der  ersten  Glosse:  Aep^T]- 
CTri«;'  ol  \iiv  (paciv  elboc,  ckiüXtikoc;,  8  Kaxecöiei  Tct  blpfxara,  'ApiCTop- 
Xo(;  bi  öqpeujq  elboc;. 


DIE  ESELSGESCHICHTE  BEI  ARISTEIDES  6l 

cum  vermes  menibra  laniahunt,  et  ignis  flagrantiam ,  cum  sol 
nimiis  caloribus  inflammarit  uteruvi,  et  patibuli  cruciatum,  cum  canes 
et  vultures  intima  protrahent  viscera.  sed  et  ceteras  eius  aerumnas 
et  tormenta  numerate:  mortuae  hestiae  ipsa  vivens  ventrem  habitahit, 
tum  faetore  nimio  nares  ^cruciante^  aestu  et  inediae  diutinae  letali 
fame  tabescet  nee  suis  saltem  liberis  manibus  mortem  sibi  fabricare 
potent.  Anders  ordnet  der  Verfasser  des  AouKio^  x\  övo(;  2  5  die 
Gedankenfolge:  cKOTreiTe  be,  iJu  cpiXci,  xfi^  ßacdvou  tö  beivöv, 
TTpOüTOv  juev  TÖ  veKpuj  öviv  cuvoiKeTv,  eiia  tö  Gepou^  ujpct  9ep- 
luoTdTUj  fiXiuj  ev  KTrivei  Ka9eij;eTc0ai  Kai  \i|uuj  dei  ktcivovti 
dTToGvricKeiv  Kai  i^rib'  eauTr^v  dTroTivTHai  e'xeiv.  Td  |uev  ydp  dXX' 
öca  TreiceTai  cr|TTO|uievou  toö  övou  Trj  Te  öb|ufii  Kai  ToTq  ckUü- 
\x\i\  TTeq)up|aevTi  eo)  XeYeiv.  TeXoig  be  01  Y^^e?  öid  toO  övou 
TTapeiciövTe(;  eicuj  Kai  TauTriv  ib?  eKeivov  icoiq  Kai  JÜujcav  eTi 
biacTrdcovTai.  Dem  Gesamtstil  des  Schriftchens  entspricht  der 
schlichte  Ausdruck  Tfj  hh\3iX\  Kai  ToTq  CKiüXriHi.  Apuleius  muß 
einen  gezierteren  direkt  oder  indirekt  vor  sich  gehabt  haben, 
den  er  seltsam  genug  durch  morsus  ferarum,  cum  vermes  membra 
laniabunt  wiedergibt.  Die  'wilden  Tiere',  Geier  und  Hunde,  sind 
erst  später  erwähnt;  hier  soll  zunächst  dem  einfachen  Tode  des 
Esels  offenbar  der  0Tipößopoc  Gdvaxoc^  des  Mädchens  (vgl. 
Manetho  IV  614)  entgegengestellt  werden;  seine  Vollstrecker 
sind  die  Würmer,  welche  die  Haut  durchnagen;  man  möchte 
für  das  Original  eine  Fassung  wie  9r|pößopov  GdvaTOV  iittö 
bep|Lir|CTUJV  KaxecGioiLievri  ireiceTai  vermuten.  Zu  einer  solchen 
Fassung  würde  gut  passen,  daß  bei  Aristeides  nach  Harpo- 
kration  nur  ganz  allgemein  auf  Tiere,  welche  die  Haut  durch- 
fressen, hingewiesen  war. 

Ich  kann  die  seltsame  Tatsache,  daß  sich  von  elf  kurzen 
Fragmenten  des  Sisenna  und  Aristeides  drei  so  wunderbar  gut 
in  die  Erzählung  des  Esels  einfügen,  nicht  dem  Zufall  zu- 
schreiben, wohl  aber  der  früheren  Vermutung  vielleicht  auf 
Grund  fremder  Beobachtung  eine  neue  Stütze  geben.  Wend- 
land hat  soeben  in  dem  Göttinger  Programm  De  fabellis  anti- 
quis  earumque  ad  Christianos  propagatione  (191 1)  auf  eine  Er- 
zählung über  den  Tod  des  Komikers  Philemon  hingewiesen, 

Reitzenstein:  Amor  und  Psyche.  C 


62        DIE  ESELSGESGHICHTE  ALLGEMEIN  BEKANNT 

die  sich  bis  in  vorchristliche  Zeit  verfolgen  läßt,  wenn  sie  auch 
rein  literarische  Erfindung  ist.  Die  für  den  greisen  Komiker 
zum  Mahl  hingestellten  Feigen  frißt  ein  Esel;  Philemon  be- 
fiehlt, dem  Tier  nun  auch  noch  einen  Becher  Wein  zu  bringen, 
und  muß  über  den  eigenen  'Witz'  so  lachen,  daß  er  sich  'zu 
Tode  lacht'.  Wendland  vergleicht  das  Geschichtchen  bei  Apu- 
leius  X  13 — 16  und  Pseudolucian  46.  47:  der  Esel  vertilgt  eine 
volle  Mahlzeit,  Fleisch  und  Fisch,  Brot  und  Feingebäck,  und 
schlürft  schUeßlich  eine  vorgesetzte  Schale  Wein,  worüber  sein 
Herr  unbändig  lachen  muß.  Eine  Ähnlichkeit  ist  wohl  vor- 
handen, nur  weiß  ich  nicht,  ob  sie  an  sich  schon  zwingt,  lite- 
rarische Abhängigkeit  anzunehmen.  Denn  daß  ein  Esel  sich 
im  Hunger  einmal  an  einen  Teller  frischer  Feigen  macht  oder 
sie  wenigstens  beschnobert,  ist  kaum  derartig  wunderbar,  daß 
der  Erfinder  das  Märchen  zum  Vorbild  genommen  haben 
muß.  Erst  wenn  eine  literarische  Behandlung  des  Eselsmärchens 
sich  aus  anderen  Gründen  schon  in  frühhellenistischer  Zeit 
wahrscheinlich  machen  läßt,  darf  man  die  Anekdote  vielleicht 
zum  Beweis  mit  heranziehen  und  sagen:  die  Erzählung  von 
Philemon  erhält  überhaupt  erst  eine  gewisse  Pointe,  wenn  der 
Anblick  des  Feigen  schmausenden  Esels  ihn  an  jene  drollige 
Geschichte  erinnert  und  diese  Erinnerung  den  Befehl,  nun 
auch  Wein  zu  holen,  veranlaßt  haben  soll.  Das  Komische  liegt 
in  dem  Vergleich  des  alten  Märchens  mit  dem  an  sich  harm- 
losen Vorfall. 

4- 

Das  Werk  des  Aristeides,  das  damit  für  uns  greifbarere  Ge- 
stalt gewonnen  hat  oder  doch  gewinnen  kann,  verlangt  selbst 
noch  ein  Wort.  Lucas  sucht  zu  erweisen,  daß  eine  Rahmen- 
erzählung die  einzelnen  Geschichten  zusammenhielt,  und  läßt 
uns  die  Wahl,  an  ein  Gelage  zu  denken,  bei  dem  der  Sym- 
posiarch  den  Teilnehmern  aufgab,  nach  der  Reihe  Geschichten 
zu  erzählen,  oder  sie  uns  als  Aufzeichnungen  einer  fortlaufenden 
Unterhaltung  im  Gymnasium  (oder  ähnlich)  zu  denken.  Meines 
Erachtens  beruht  diese  ganze  Annahme  auf  einer  falschen  Inter- 


OVID  ÜBER  ARISTEIDES  63 

pretation  der  wenigen  Angaben  über  die  MiXiiCiaKOt.  Die  be- 
rühmte Ovidstelle  Trist.  11 4 1 3  lunxit  Aristides  Milesia  crimina 
secum,  Pulsus  Aristides  nee  tarnen  urbe  sua  est  möchte  Lucas  über- 
setzen: Aristeides  verband  schlüpfrige  milesische  Novellen  zu 
einer  künstlerischen  Einheit  (durch  die  Rahmenerzählung). 
Aber  indem  so  die  künstlerische  Anordnung  des  Stoffes  zum 
Hauptinhalt  des  Hexameters  gemacht  vf'ixd,  verliert  der  Penta- 
meter jeden  Anschluß;  der  Ton  wird  von  den  Worten  Milesia 
crimina,  auf  die  es  allein  ankommen  darf,  abgeleitet  und  die 
Rhetorik,  auf  die  bei  der  Erklärung  Ovids  alles  ankommt, 
verdorben.  Unendlich  besser  ist  die  alte  Deutung:  die  crimina, 
d.  h.  in  dieser  Verbindung:  nicht  eines,  sondern  viele,  oder 
vielmehr  alle  crimina  seiner  Heimat  Milet  stellte  Aristeides  zu- 
sammen, und  doch  haben  die  Milesier  ihn  nicht  verbannt. 
Wem  sie  aus  einem  mir  unerfindbaren  Grunde  nicht  genügt, 
könnte  eher  an  Statins  Silv.  I  5,  10  iunge,  puer,  cyathos  und  die 
von  Vollmer  hierzu  angeführten  Stellen  denken;  gewiß  wäre 
secum  dabei  nicht  nötig,  aber  doch  auch  nicht  störend;  als 
Sinn  ergäbe  sich:  unermüdlich  ließ  A.  in  seinen  Schriften  ein 
crimen  Mileti  auf  das  andere  folgen.  Nicht  mehr  als  multa  cri' 
mina  retulit  oder  assidue  crimina  retulit  dürfen  wir  in  dem  Satze 
suchen.  Jede  Bemerkung  über  die  Kompositionsart  verdirbt 
das  Ganze.  Wie  wir  uns  diese  Milesia  crimina  denken  sollen, 
zeigt  am  niedlichsten  eine  Stelle  Ovids,  die  zugleich  den  rö- 
mischen 'Y\\.€i.  fahulae  erklärt  (Ars  II  627  ff.):  Scilicet  excuties  opi- 
nis ubiquaque  puellas,  Cuilibet  ut  dicas  ^haec  quoque  nostra  fuit^ ? 
Ne  desint,  quas  tu  digitis  ostendere  possis,  Ut  quamque  adtigeris,  fa- 
bula  turpis  erit?  Parva  queror:  fingunt  quidam,  quae  vera  negarent. 
Et  nulli  non  se  concubuisse  ferunt,  Corpora  si  nequeunt,  quae  possunt, 
nomina  tangunt,  Famaque  non  tacto  corpore  crimen  habet.  Daß  eine 
entsprechende  Erzählung  bei  Aristeides  wirklich  vorkam,  ist 
bekannt. 

Es  steht  ähnlich  mit  der  zweiten  Angabe  über  Sisenna  und 
Aristeides  in  den  Tristia  II  443 :  Vertit  Aristidem  Sisenna  nee  ob- 
fuit  Uli  Historiae  turpis  inseruisse  ioeos.  Hier  soll  historia  die 
Rahmenerzählung,  turpes  loci  (vgl.  Ars  11 6 ^o /abula  turpis)   die 

5* 


64 


OVID  UND  PSEUDOLUCIAN  ÜBER  ARISTEIDES 


Einzelnovellen  bedeuten.  Wieder  wird  dadurch  eine  Angabc 
über  die  Komposition  hereingeklügelt,  die  für  Ovid  nicht  nur 
gleichgültig,  sondern  sogar  schädlich  ist.  Durch  nichts  femer 
ist  irgendwie  bewiesen  oder  beweisbar,  daß  Ovid  mit  historia 
jenes  bescheidene  Gefüge  der  Rahmenerzählung  meinen  konnte, 
zumal  wenn  er  dies  Wort  durch  den  Gegensatz  zu  turpes  ioci 
hebt.  Völlig  vernachlässigt  ist  endlich  der  Zusammenhang. 
Ovid  will  beweisen,  daß  auch  die  Römer  neben  ernsten  Schöp- 
fungen wie  der  des  Ennius  und  Lukrez  leichte,  ja  frivole  Dich- 
tung kennen.  Er  nennt  eine  Reihe  erotischer  Dichter,  um  dann 
zuzufügen:  Is  quoque  Phasiacas  Argo  qui  duxit  in  undas,  Non  po- 
tuit  Veneris  furta  tacere  suae  (vgl.  Properz  II  34,  85  haec  quoque 
perfecto  ludebat  las otie  Varro,  Varro  Leucadiae  viaxima  flamma  suae). 
Bei  Varro  stehen  neben  dem  Epos  die  lasziven  Gedichte,  Hor- 
tensius  und  Servius  dichten  zwischen  ihrem  ernsten  Schaffen 
Ähnliches.  Es  folgt  die  Angabe  über  Sisenna,  dann  spielt  sich 
Ovid  durch  die  Erwähnung  des  Gallus,  der  ja  neben  dem  sub- 
jektiven LiebesHed  auch  Epyllien  dichtete,  auf  Tibull  über, 
der  zur  Verteidigung  der  Ars  am  geeignetsten  schien.  Die  Verse 
439 — 44  bilden  eine  kleine  Einheit  für  sich,  innerhalb  deren 
die  Angabe  über  Sisenna  nur  verstanden  werden  kann,  wie 
Rohde  sie  versteht  und  wie  sie  zu  allen  Zeiten  verstanden 
scheint:  zwischen  das  langsam  erscheinende  Riesenwerk  der 
historiae  oder  historia  schoben  sich  bei  Sisenna  die  leichtfertigen 
Übersetzungen  aus  Aristeides,  die  turpes  ioci.  Nur  letzterer  Aus- 
druck entspricht  dem  schwer  betonten  Namen  vertit  Aristidem; 
die  historia  steht  auf  einer  Stufe  mit  Varros  Argonautika. 

Den  positiven  Beweis  gegen  Lucas  bietet  der  berühmte  Ein- 
gang der  "Epu)Te(;  Pseudolucians,  der  mir  überhaupt  bisher 
nicht  genug  ausgebeutet  scheint:  epujTiKfiq  iraibiä?,  eiaipe 
jioi  0eöiavricTe,  eE  ^weivoO  ireTrXripiJUKa«;  fnuiuv  xctKeKiLiTiKÖTa 
irpöq  xd^  cuvexei?  CTtoubd?  luia,  Kai  |lioi  ccpöbpa  biipuivti 
ToiauTri<;  dveceuj?  euKaipo(;  n  tüjv  iXapujv  cou  Xöt^jv  dp- 
puri  x^Pi?-  acOevrii;  y«P  n  M^uxn  bir|veKOug  CTTOubfic  dvexecOai, 
TToeoöci  5'  Ol  q)iXÖTi|Lioi  TTÖvoi  |LiiKpd  TÜJV  eTTaxöuJV  qppovTibujv 
XaXac9evTe(g  ic,  fibovd(;  dviecBai,   irdvu  hx\  )Lie  uirö  töv  öpGpov 


PSEUDOLUCIAN  ÜBER  ARISTEIDES  65 

f]  TÜiJv  otKoXdcTuuv  cou  biTiYTliLiaTUJV  ai)LAuXr|  Kttl  T^UKeia 
7Tei6ib  KQTeijqppaTKev^),  ujct'  oXiyou  öeTv  'Apicreibricg  evö- 
}i\low  eivai  ToTi;  Mi\riciaKoT<;  Xötoi«;  iiTrepKr|\ou|uevo(;. 
Die  ersten  zwei  Sätze  geben,  wie  schon  angedeutet,  die  beste 
Erklärung  zu  der  Einleitung  des  Apuleius,  die  einen  solchen 
müden  Leser  voraussetzt  und  anspricht.  Der  Schluß  zeigt  uns, 
daß  schon  Aristeides  seine  Freude  beim  Hören  ähnlich  her- 
vorhebt, wie  dies  der  verwandelte  Jüngling  bei  Apuleius  oft 
tut.  Der  Erzähler  hat  sich  bei  Pseudolucian  als  Opfer  eines 
ihm  unbegreiflichen  Zorns  der  Aphrodite  hingestellt  und  der 
Reihe  nach  alle  seine  Liebesabenteuer  berichtet  (vgl.  cap.  3  bvi]- 
TOU|uevou  cou  töv  ttgXuv,  wq  Kai  irap'  'Hciööuj,  KaiaXoTov 
u)V  dpxfiöev  iipdcGriq);  sein  Hörer  möchte  noch  die  rrapaXei- 
7rö|Lieva  erfahren  (cap.  i),  er  aber  fürchtet  durch  die  Länge  des 
ganzen  Berichtes  schon  Überdruß  erweckt  zu  haben  (cap.  4  ai 
|uev  e|Liai  bir|Tr|cei(;  eH  duuGivoO  irapaTaGeTcai  KÖpov  e'xouciv). 
Das  führt  an  sich  sicher  nicht  zu  der  Vorstellung  eines  Sym- 
posions, bei  dem  jeder  Gast  eine  Geschichte  vorträgt  und  die 
Rahmenerzählung  selbst  sich  zur  Geschichte  erweitert.  Dagegen 
sehe  ich  nicht,  was  uns  abraten  könnte,  die  ganze  Situation, 
die  hier  angedeutet  wird,  auf  Aristeides  zu  übertragen  (vgl. 
oben  Ovid  Ars  II  627).  Die  Geschichte  von  dem  zum  Esel  ver- 
wandelten Jüngling  bietet  ja  ähnlich  die  lange  Erzählung  eines 
einzigen  Berichterstatters,  die  schon  bei  Lucius  von  Patrae 
zwei  Bücher  einnimmt.  Etwas  weiter  führt  vielleicht  die  Erwä- 
gung, daß  bei  Pseudolucian  der  Zorn  der  Aphrodite  ganz  un- 
motiviert hereingezogen  ist  (vgl.  den  Spott  des  Hörers  dXXd  coi 
Ktti  KaOapciujv  xdxa  berjcei  7Tpö(g  tö  bucx€pe(;  oütuj  vöcr||ua). 
War  er  vielleicht  durch  das  Vorbild  selbst  gegeben  und  daher 
dem  Leser  ohne  weiteres  verständlich?  Dann  erklärte  sich, 
wie  ich  schon  andeutete,  die  äußere  Form  des  wunderlichsten 
Werkes  der  römischen  Literatur,  der  Erzählung  Petrons.  Ge- 
wiß erkennt  Heinze  (Hermes  34,  494)  in  ihm  mit  Recht   auch 


l)  Vgl.  bei  Apuleius  auresque  tuas  lepido  susurro  permulceam   und 
lector,  intende:  laetaberis. 


66  PETRON  UND  ARISTEIDES 

Einwirkungen  des  Romans:  das  Liebespaar  Enkolpios  und 
Giton  stammen  daher. ^)  Gewiß  wirkt  femer  die  Satura  Menip- 
pea  mit  ein  und  zwar  nicht  nur  auf  die  äußere  Form:  Erfin- 
dungen wie  die  Stadt  der  Erbschleicher  bezeugen  es.  Jene 
eigenen  Liebesabenteuer  des  Enkolpios  aber,  die  ihn  zunächst 
immer  siegreich  zeigen,  bis  ihn  im  entscheidenden  Augenblick 
der  Zorn  des  Priap  trifft,  weisen  mich  auf  ein  drittes  Element, 
die  belustigende,  stark  obszöne  Erzählung,  die,  mit  den  beiden 
anderen  in  gewisser  Weise  verwandt,  ihre  Verschmelzung  er- 
leichterte. Habe  ich  früher  richtig  aus  Apuleius  erschlossen, 
daß  Sisenna  in  seine  dem  griechischen  Leben  entnommenen 
Erzählungen  sogar  lateinische  Gedichte  einlegte  —  und  wären 
es  auch  nur  Sehersprüche  in  Versen  gewesen  — ,  so  gilt  das 
selbst  für  die  Form. 

5. 
Ich  kehre  noch  einmal  zu  dem  Vorwort  des  Apuleius  zurück. 
Er  verheißt  in  ihm  varias  fabulas  conseram.  Da  an  dem  Aus- 
druck nicht  zu  deuteln  ist,  sucht  Lucas  ihn  wenigstens  als  Irr- 
tum hinzustellen.  Das  Werk  ist  ja  ein  Roman;  hierauf  wird 
alles  Gewicht  gelegt.  Nun  gestehe  ich  gern,  daß  ich  auf  das 
im  Grunde  leere  Wort  genau  so  wenig  Wert  lege,  wie  einst  auf 
das  Wort  Aretalogie,  das  Kritikern  so  viel  Ärgernis  bereitet 
hat.^)  Wichtig  ist  immer  nur,  was  der  Autor  erreichen  will  und 


i)  Anders  M.  Rosenblüth,  Beiträge  zur  Quellenkunde  von  Petrons 
Satiren.  Kiel  1909  und  Geffcken,  Neue  Jahrbücher  f.  d.  Klass.  Alter- 
tum XXVII  485  fF.  Für  mich  hat  Apuleius  selbst  mit  der  Satire  so 
wenig  zu  tun,  wie  Petron  mit  dem  Mimus. 

2)  Wenigstens  an  dem  Mißverständnis,  daß  alle  dort  besprochenen 
Erzählungen  Aretalogien  sein  sollen,  fühle  ich  mich  unschuldig.  Noch 
•weniger  möchte  ich  jetzt  den  Anschein  erwecken,  als  ob  ich  mit  dem 
schon  an  und  für  sich  vieldeutigen  Wort  fabula,  das  noch  dazu  für 
lauöoq  und  \ÖTO(;  in  den  verschiedensten  Bedeutungen  eintritt,  ein  zu 
allen  Zeiten  gleichartiges  und  einheitliches  literarisches  genus  bezeichnen 
wollte.  Können  wir  bestimmen,  warum  Sisenna  den  Titel  wählte  und 
was  er  darunter  verstand,  so  werden  wir  danach  beurteilen  körmen,  was 
sein   Nachahmer   erreichen  will;    wir  werden  auch   aus    der   Beliebtheit 


ROMAN  UND  FABULAE  67 

welche  Technik  er  verwendet.  Wenn  ich  lese  'es  ist  zuzugeben, 
Apuleius  selbst  bezeichnet  sein  Werk  als  erwachsen  durch  das 
Zusammenfügen  von  Einzelgeschichten,  doch  belehrt  ein  Blick 
auf  die  Metamorphosen,  daß  der  Verfasser  einen  falschen  Be- 
griflf  von  seinem  Werke  erweckt',  so  werde  ich  besorgt,  ob  der 
Kritiker  nicht  einen  falschen,  d.  h.  lediglich  modernen  Begriff 
an  es  herangetragen  hat. 

In  Wahrheit  entspricht  das  Werk  doch  der  Verheißung.  Un- 
gefähr die  Hälfte  des  Raumes  nehmen  die  Einlagen  ein.  Ein 
Versuch,  sie  wirklich  in  die  Haupterzählung  zu  verweben,  ist 
ab  und  an  gemacht;  doch  legt  der  Schriftsteller  offenbar  keinen 
Wert  darauf.  Es  wäre  leicht  gewesen,  das  Märchen  von  Amor 
und  Psyche  natürlich  zu  motivieren;  die  Alte,  die  es  erzählt, 
brauchte  nur  etwas  sympathischer  geschildert  zu  werden,  die 
Vergleichspunkte  im  Lose  Psyches  und  des  gefangenen  Mäd- 
chens ein  wenig  hervorgehoben  zu  werden,  dann  fügte  sich  das 
Märchen  ungezwungen  als  Trostrede  der  Alten  ein.  Freilich 
hätte  sein  Stil  dann,  wie  oben  bemerkt,  anders  werden  müssen. 
Statt  dessen  lesen  wir  zu  Anfang  eine  ganz  unvermittelte  An- 
kündigung, die  wieder  nur  den  Leser  reizen  soll,  IV  27  sed 
ego  te  narrationibus  lepidis  anilibtisque  fabulis  protinus  avocabo  und 
zum  Schluß  VI  25  sie  captivae  puellae  delira  et  temulenta  illa  nar- 
rabat  anicula.  sed  astans  ego  non  procul  dolebam  mehercules  quod 
pugillares  et  stilum  non  habebam,  qui  tarn  bellam  fabellam  praeno- 
iarem.  Wir  empfinden,  daß  hierdurch  das  Märchen  gewisser- 
maßen isoliert  wird.  Ich  habe  eine  Anzahl  ähnlicher  Beispiele 
früher  bei  der  Besprechung  des  mündlichen  Stiles  hervorgehoben, 
so  IX  13.  14  und  15.  16,  vgl.  IX  30,  oder  die  Einlagen  VIII  22; 
X  2 ;  IX  4.  5.  Selbst  wo  die  Fabel  unbedingt  nötig  für  die  Haupt- 
erzählung ist,  wird  sie  durch  eine  derartige  Ankündigung  von 
ihr  losgerissen,  wie  etwa  'S.  2^  eitcs  poenae  talem  cognoveram  /a- 
bulam,  oder  noch  deutlicher  VIII  i  noctis  gallicinio  venu  quidam 


seines  Werkes  erklären,  daß  das  Wort  bei  den  meisten  Dichtem  der 
augusteischen  Zeit  so  oft  und  fast  technisch  gebraucht  wird,  aber  wir 
werden  theoretische  Scheidungen,  etwa  zwischen  Novelle  oder  Wunder- 
erzählung und  fabula  garnicht  versuchen. 


68  HISTORIAE 

iuvenis  e  proxwia  civiiate,  ut  quidem  mihi  videhatur,  unus  ex  famu- 
lis  Charites,  puellae  illius,  quae  mecum  aput  latrones  pures  aerum- 
nas  exanclaverat.    is  de  eins  exitio  ....  mira  ac  nefanda  ignetn 
Propter  adsidens  inter  conservorum  frequentiam  sie  annuntiabat.    ^equi- 
sones  opilionesque,  etiam  busequae,  fuit  Charite  nobis,  quae  misella 
et  quidem  casu  gravissimo  nee  vero  incomitata  Manis  adivit.    sed  ut 
cuncta  noritis,  referam  vobis  a  capite,  quae  gesta  sunt  quaeque  pos- 
sent  merito  doctiores,  quibus  stilos  fortuna    subministrat, 
in  historiae  specimen  chartis  involvere.    erat  in  proxima 
civitate  e.  q.  s.    Diese  ganze  Art,  beständig  den  Erzähler  und 
Schriftsteller  hervortreten  zu  lassen,  der  die  einzelnen  Geschich- 
ten möglichst  voneinander  abhebt  und  immer  wieder  versichert, 
aus  dem  Schatz  seiner  Erinnerungen  noch  eine  neue  Geschichte 
vorholen  zu  können  (vgl.  VIII  22),  widerspricht  vollkommen  der 
Technik  des  Romans.  Eine  bunte  Reihe  von  fabulae,  und  zwar 
längere  und  kürzere,  will  Apuleius  in  der  Tat  geben.  Daß  sie 
sich  dabei  in  eine  fabula  graecanica  zusammenschließen   (vgl. 
I  I  Schluß)  ändert  nichts  an  der  Technik  und  dem  Gattungs- 
begriff.  Ihn  gilt  es  noch  einmal  etwas  klarer  herauszuarbeiten. 
Jene  Geschichte  vom  Ende  der  Charite  könnte,  von  einem 
Schriftsteller  in  den  höheren  Stil  übertragen,  zur  historia  werden; 
sie  ist  durchaus  tragisch  empfunden  (vgl.  den  Schluß  VIII  15 
haec  nie  longos  trahens  suspiritus  et  nonttunquam  inlacrimans  gra- 
viter  adfectis  rusticis  adnuntiabat).    Den  Begriff  historia  erläutert 
dabei  am  besten  Properz  I  15,  19  ff.    Hypsipyle  nullos  post  illos 
sensit  amores,   Ut  semel  Haemonio  tabuit  hospitio,  Alphesiboea  suos 
ulta  est  pro  coniuge  fratres,  Sanguinis  et  cari  vincula   rupit  amor, 
Coniugis  JSuadne  miseros  elata  per  ignes  Occidit,  Argivae  fama  pudi- 
citiae.  Quarum  nulla  tuos  potuit  convertere  mores.  Tu  quoque  uti  fieres 
nobilis  historia.   Eine  zweite  ähnliche  Erzählung  X  2 — 12,  die 
mit  den  Deklamationen  und  Gerichtsschilderungen  der  Romane 
verglichen  werden  und  als  stilistisches  Kunstwerk  genossen  wer- 
den will,  leitet  Apuleius  (X  2)  ein:  iam  ergo,  lector  optime,  scito  te 
tragoediam,  non  fabulam  legere  et  a  socco  ad  coturnum  ascendere^) 


l)  Der  Vergleich  der  historia  mit  der  Tragödie   und   der  fabula  mit 


AESCHINES  BRIEF  X  69 

Freilich  weicht  er  dem  höchsten  Pathos,  das  sich  notwendig 
in  den  Gerichtsreden  entfalten  müßte,  mit  der  burlesken  Ent- 
schuldigung aus,   er  habe  sie  an   seiner  Krippe  nicht   hören 


der  Komödie  liegt  immer  nahe.    In   der   lustigen  Ilischen  Novelle,  die 
der  Verfasser  des  zehnten  Aeschines-Briefes  erzählt,  um  Lachen  zu  er- 
wecken (vgl.  den  Schluß  cu  bk  Qv  iKavuj<;,   oT)Liai,  feXdceiaq) ,  sagt  Ki- 
mon  zu  seiner  Rechtfertigung  koI  äWuue;  ö'  ^ÖÖKei   |aoi,  uüc;  pii]  iravTci- 
iraci  Tct  ^v  'IXiu)  xpoTiKd  re  koI  qpoßepd  fj  iraGeiv,  beiv  xi  koI  i^|aö(; 
Kai  oiov  ^v  KU)|aiubiai(;  irepi  xöv  CKd|Liav6pov  Ip^dcacGai.    Die  "Worte, 
die    O.  Weinreich  a.  a.  O.  38   durch   ein   vi'underliches   Versehen   sogar 
als  Zeugnis  für  Komödien  faßt,  in  denen  Skamander  eine  Rolle  spielte, 
werden   gewöhnlich   falsch   interpungiert   und   geändert.    Die   Taten   der 
alten  Heroen  'am  Skamander'  sind  xpayind  xe    Kai  qpoßepA   itaGeiv  — 
der  zu  beiden  Adjektiven  gehörige  Infinitiv    ist  nur  des  Gegensatzes  zu 
^pydcacGai   halber    zugefügt   — ;    Kümon    will    an    diesem  Strom  auch 
etwas  tun,   und  zwar  etwas    oTov   iv  xai<;  KUJ|mu6(ai(;.    Vergewaltigung 
beim  Fest  ist  ja  dort  häufig  vorausgesetzt  und    über   die  'Götterkinder' 
spottet  Menander  (Samia  v.  244  ff.)  genau   wie   der  Kimon   des  Briefes. 
Nicht  nur  tragische  Ereignisse,  die  beim  Hören  Furcht  und  Mitleid  er- 
wecken,   sondern  auch  ein  Schwank  soll  in  Zukunft  zu   der   örtlichen 
Tradition  gehören.    Von  einer  Komödie  kann  nicht  die  Rede  sein,  wohl 
aber  hat  an  den  alten  Brauch,  den  der  Brief  beschreibt,  später  eine  volks- 
tümliche Erzählung  geschlossen.  Das  alte  Volksbuch  vom  Heiligen  Georg 
(Krumbacher-Ehrhard,  Der  heilige  Georg  in  der  griechischen  Überliefe- 
rung S.  4,  21)  erwähnt  CKä|Liav6pov  xöv  YÖr|xa,  xöv  yoTixeOovxa  xö  iröp, 
xöv  luoixöv  xfi<;  Aiac,  (|uuxöv  xfie;  Mi)bia(;  Ven.  vgl.  S.  127),  t^xk;  tf^vvr]ce 
xöv  'Apde  Kai  xöv  Zap^6  xoO(;  TTovxikouc;  iroXeiLii'ixopac;,  oixivet;  hxä  rä 
IpYCi  aöxOuv  Kaxeuovxk0r|cav  ^v  xiu  ireXdTei  xfi^  0aXdccri(;.    Die  ältere 
koptische  Fassung  (Budge,  The  Martyrdom   and  Miracles   of  S,  George 
S.  5)  lautet  in  Professor   Spiegelbergs   Übersetzung:    'Skamandros,  der 
Zauberer,  welcher  das  Feuer  bezaubert  hat,    der   vielen  durch  die  Zau- 
bereien wahrsagte,  der  Ehebrecher  der  MHTIA,  welche  (codd.    welcher) 
CA  AP  und  CAP0AT   geboren  hat,   die   kriegerischen  OOANI    der  Stadt 
TTONTOC,  deren  Werke  schlecht  sind,  und  sie  wurden  in  die  Tiefe  des 
Meeres  versenkt.'     Skamander,  der  auch  sonst  in  dem  Buch  als  großer 
Gott    der    Heiden    erscheint,    hat    eine    Orakelstätte;    Wunderberichte 
schließen   an    ihn.    Aus    seinem    illegitimen   Bunde    mit  Medea  —   der 
Name  scheint  mit  Sicherheit  erkannt  —  sind  zwei  Helden   entsprossen 
deren  Taten  und  Untergang  in  den  Gegenden  am  Pontos  erzählt  wurden. 
Von   Byzanz,    wohin  Dionysios  Skytobrachion   die  Hochzeit   des  Jason 
und    der   Medea   verlegt,   hat   eine  Lokaltradition   sie   an   den   nächsten 
Landepunkt  der   heimkehrenden  Argonauten  (Diodor  IV  49),   also  nach 


yo  HISTORIA  UND  FABULA  BEI  APULEIUS 

können  ^) ;  in  der  Detailschilderung  verwendet  er  die  Kunst  der 
rhetorisch  ausgebildeten  Novelle  (vgl.  X  lo  mit  Aristainetos 
I  1 5) ;  der  glückliche  Ausgang  des  wunderbaren  Geschehnisses 
(X  1 2  famosa  atque  fahulosa  fortund)  zeigt  das  Walten  der  Vor- 
sehung und  erklärt  die  Aufnahme  in  das  Buch. 

Die  beiden  Begriffe  historia  nnd/abu/a  verbindet  und  stellt  zu- 
gleich in  einen  gewissen  Gegensatz  zueinander  VI  2g:  die  Jung- 
frau, die  sich  durch  den  Esel  gerettet  glaubt,  verheißt  ihm  reiche 
Belohnung;  ein  Kunstwerk  soll  seine  Tat  verherrlichen;  visetur 
et  infahulis  audietur  doctorumque  stilis  rudis  perpetiiahitur  hisio- 
ria  ^asino  vectore  virgo  regia  fugiens  capHvitatem.^  accedes  anttquis 
et  ipse  miraculis  et  iam  credemus  exemplo  tuae  veritatis  et  Frixum 
arieti  supematasse  et  Arionem  delphinuin  gubemasse  et  Europam  tauro 
supercuhasse.  Wieder  tritt  hervor,  daß  die  historia  das  literarisch 
ausgebildete  Werk  ist,  di&fabula  zunächst  der  mündlichen  Mit-  . 
teilung  angehört  oder  sie  nachahmt.^ 

Zur  Einleitung  zurück  führt  uns  endlich  II  12.  Lucius  hat 
den  Chaldäer  über  den  Ausgang  seiner  Reise  befragt:  mihi 
denique  proventutn  huius  peregrinationis  inquirenti  multa  respondit  et 
oppido  mira  et  satis  varia;  nujic  enim  gloriam  satis  ßoridam,  nunc 
historiam  magnani  et  incredundam  fabulam  et  libros  me  futurwn.   Die 


Troja,  verlegt.  Hier  unterwirft  sich  Medea  dem  in  dem  Briefe  geschil- 
derten Brauche;  die  Kinder,  die  sie  in  Wahrheit  nicht  dem  Jason,  son- 
dern dem  Skamander  gebiert,  kehren  dann  später  in  die  mütterliche 
Heimat  zurück. 

i)  Auch  diese  Versicherungen  der  Zuverlässigkeit  und  Genauigkeit 
gehören  offenbar  damals  wie  in  den  modernen  volkstümlichen  fabulae 
zum  Stil. 

2)  Frontos  Arion  oder  einzelne  Abschnitte  der  TToikiXti  icTOpia  Aeli- 
ans  brauche  ich  kaum  zu  bezeichnen,  um  das  Bild  dieser  Art  historia 
zu  beleben.  Auch  Properz,  wenn  er  HI  20,  27  in  dem  foedus  mit  iro- 
nischem Pathos  die  Strafe  des  Treulosen  festsetzt:  Uli  sint  quicumque 
solent  in  amore  dolores  Et  caput  argutae  praebeat  historiae,  Nee  flenti 
dominae  patefiant  nocte  fenestrae,  Semper  avtet,  fructu  semper  amoris 
egens  scheint  mir  ein  Kapitel  {caput)  einer  solchen  Sammlung  zu  be- 
zeichnen, das  man  nach  seinem  letzten  Verse  überschreiben  könnte,  wie 
asino  vectore  virgo  regia  fugiens  captivitatem.  Als  belustigende  Skan- 
dalgeschichte erzählt  könnte  es  freilich  auch  eine  fabula  sein. 


APULEIUS  UND  SEINE  VORGÄNGER  7 1 

Ankündigung  kann  sich  gewiß  auf  das  Buch  des  Apuleius 
allein  beziehen.  Es  ist  eine  magna  historia  etwa  in  dem 
Sinne,  wie  Properz  II  i,  14  die  Worte  tum  vero  longas  condimus 
Iliadas  aufnimmt  maxima  de  nihilo  nascilur  historia,  eine  kunst- 
volle Erzählung  in  vielen  Bänden  (libros)  und  zugleich  ein 
aTriCTO<;  fiöGo^  oder  Xöyo?  (incredunda  fabula),  eine  Wunder- 
geschichte. Aber  ich  halte  es  für  durchaus  möglich,  daß  Apu- 
leius noch  mehr  ausdrücken  will;  auch  seine  Leser  kennen 
ja  jetzt  schon  die  literarische  Vorgeschichte  des  Stoffes.  Es 
gibt  schon  eine  Reihe  von  Werken  (libri).  Jener  Lucius  von 
Patrae,  der  in  der  Parodie  als  iCTopiujv  Kai  aWuJV  cuttP«- 
(peuq  eingeführt  wird,  hatte  die  Eselsgeschichte  in  der  Tat  als 
iCTOpia  erzählt  (vgl.  den  ironisch  gewählten  Titel  Lucians  o!Kx\- 
^x\c,  iCTOpia),  Aristeides  und  Sisenna,  ja  wahrscheinlich  auch 
schon  der  anonyme  Verfasser  des  AouKiO(;  f|  ovo«;  sie  als  er- 
götzliche yä(5«/a  geboten.  Denn,  wie  ich  schon  andeutete,  kann 
ich  trotz  V.  Arnim  (Wiener  Studien  XXII  153 ff.)  in  der  Auf- 
nahme dieses  Schriftchens  in  eine  Luciansammlung  kein  voll- 
gültiges Zeugnis  für  seinen  Ursprung  sehen,  das  uns  zwänge, 
nach  künstlichen  Erklärungen  zu  suchen,  warum  Lucian  hier 
von  seinem  sonstigen  Stil  völlig  abgewichen  sei.  Es  ist  für  uns 
herrenlos  und  so  gut  wie  zeitlos.  Apuleius  aber  scheint  mir 
begreiflicher,  wenn  er  den  Stoff  schon  als  Gegenstand  eines 
literarischen  Streites  vorfand,  und  scheint  mir  dies  sogar  an 
unserer  Stelle  selbst  anzudeuten.  Er  hat  zunächst  seinem  Leser 
nur  Belustigung  verheißen  und  hütet  sich  lange,  Partei  zu 
nehmen.  Wohl  lesen  wir  vor  der  ersten  Wundererzählung  und 
bald  nach  der  Ankündignng  ßguras  J'ortunasg'ue  hominuin  in  alias 
imagines  conversas  et  in  se  rursum  mutuo  nexu  refectas,  ut  mireris, 
exordior  die  gewichtigen  und  für  das  Ganze  bedeutsamen 
Worte  (I  3)  tu  vero  crassis  auribus  et  obstinato  corde  respuis  quae 
forsitan  Vera  perhibeantur.  minus  hercule  calles  pravissimis  opi- 
nionibus  ea  putari  mendacia,  quae  vel  audiiu  nova  vel  visu  rudia 
vel  certe  supra  captum  cogitationis  ardua  videantur;  quae  si  paulo 
accuratius  exploraris,  non  viodo  compertu  evidentia,  verum  etiamfadu 
Jacilia  senties.    Es  ist  die  gleiche  Empfindungsart,  wie  sie  etwa 


72  APULEIUS  UND  DIE  WUNDERERZÄHLUNG 

in  den  Berichten  über  ApoUonios  von  Tyana  herrscht^  der 
hinter  dem  äußeren  Schein  überall  das  Wunderbare  schaut  oder 
ahnt.  Aber  eben  diese  Worte  leiten  zunächst  groteske  Erzäh- 
lungen echtesten  Volksaberglaubens  ein,  wie  sie  Petron  im 
Gastmahl  des  Trimalchio  zur  reinen  Belustigung  seiner  fein- 
gebildeten Leser  bietet,  und  können  durchaus  als  Charakte- 
ristik des  Jünglings  betrachtet  werden.  Die  Prophezeiung  des 
Diophanes  (II  12)  ahmt  in  dem  unmittelbar  folgenden  eiKOVi- 
CjJiöq  (II  13,  vgl.  Lukians  Philopseudes  ii:^.  34)  die  populäre 
Wundererzählung  nach,  aber  an  sie  schließt  das  Spottgeschicht- 
chen  über  den  Seher.  Wenn  das  fliehende  Mädchen  (VI  29) 
sagt:  quodsi  vere  Jupiter  mugivii  in  hove,  potest  in  asino  meo  latere 
aliqui  vel  vultus  hominis  vel  facies  deorum,  so  soll  der  Leser 
weniger  daran  erinnert  werden,  daß  der  Mythos  von  Europa 
wirklich  möglich  ist  (vgl.  oben),  als  durch  die  groteske  Über- 
treibung zum  Lachen  gereizt  werden  und  soll  das  folgende 
Verhalten  des  menschlichen  Esels,  der  sich  an  dem  Kreuzweg 
nur  solange  zu  sträuben  und  zu  drehen  weiß,  bis  die  Räuber 
ihn  mühelos  erhaschen,  doppelt  drollig  empfinden.  Es  ist  in 
der  Tat  ein  gewisser  Reiz  der  Erzählung,  daß  der  Leser,  welcher 
weiß,  daß  ein  doppelter  Ausgang  möglich  ist,  bis  gegen  Ende 
zweifeln  kann,  welchen  der  Autor  wählen  wird.  Daß  er  den 
von  ihm  gewählten  dann  steigernd  umgestaltet  und  den  Ent- 
zauberten sogar  die  strengen  Weihen  der  ägyptischen  Gott- 
heiten auf  sich  nehmen  läßt,  wird  doppelt  begreiflich,  wenn 
die  höhnende  Schrift  des  Unbekannten  vorausliegt,  der  gerade 
zuletzt  die  Geilheit  und  Torheit  des  Entzauberten  hervorhebt. 
Was  dabei  für  uns  widerspruchsvoll  bleibt,  ist  es  für  das  Emp- 
finden des  Apuleius  nicht:  es  ist  durch  und  durch  der  Autor 
der  Apologie,  der  uns  schon  in  diesem  Werke  entgegentritt; 
aus  jener  will  es  psychologisch  erklärt  werden.  — 

Seinen  Begriflf  der  fabula  entnahm  Apuleius  dem  Begründer 
der  Gattung  Sisenna;  die  fabula  umschloß  für  diesen  Anekdote 
und  Novelle,  Mythos  und  Wundererzählung,  alles,  was  heitrer 
Unterhaltung  dienen  konnte.  Daß  die  Wundererzählung  diesen 
Charakter  noch  nicht  verloren  hatte,   als   sich   mit  ihr  schon 


DAS  WERK  DES  APULEIUS  73 

wieder  ein  gewisses  religiöses  Interesse  verband,  ermöglichte 
es  dem  Apuleius,  gerade  sie  zum  Rahmen  für  eine  Sammlung 
yonfabulae  zu  wählen,  die  ihn  als  Virtuosen  und  Meister  in 
allen  Tonarten  zeigen  sollte,  deren  d\&  fabula  fähig  ist.  Sein 
Versprechen,  den  Leser  zu  ergötzen  und  beständig  in  Staunen 
zu  versetzen,  hat  er  dabei  redlich  erfüllt  und  zugleich  die  alte 
fabula  dem  Empfinden  seiner  Zeit  angepaßt.  Wer  mürrisch 
bemerkt:  'er  wollte  einen  Roman  schreiben,  aber  alle  seine 
eigenen  Zutaten  verderben  nur  den  Bericht  von  den  Schick- 
salen des  Esels  und  entstellen  den  Charakter  des  Romans' 
(Lucas  S.  27)  —  der  zeigt  m.  E.  auch  damit  nur,  daß  er  das 
Werk  unter  einen  ihm  fremden  Gesichtspunkt  gerückt  hat  und 
von  der  Vorstellung  des  modernen  Romans  nicht  loskommen 
kann.  Ähnlich  geht  ja  auch  die  ästhetische  Würdigung,  die 
das  Märchen  von  Amor  und  Psyche  in  neuester  Zeit  findet, 
ganz  von  dem  modernen  Begriff  des  Volksmärchens  aus,  findet 
den  Stil  nicht  entsprechend  und  schilt  darum,  statt  verstehen 
zu  wollen. 


Das  älteste  Zeugnis  für  die  fabula  von  Eros  und  Psyche  will 
Paul  Schott  {Posidippi  epigrammata  collecta  et  ültistrata  Berlin  1905 
p.  61)  in  Posidipps  Epigramm  XII  q 8  sehen: 

Töv  MoucAv  TexTiTö  TTö9o<;  h\\(iü.c,  e-rr*  dKdv9ai? 

KOiiaiZieiv  e6e\€i  irOp  uttö  irXeupd  ßaXuuv. 
fl  be  irpiv  ev  ßuß\oiq  Tre7T0VTi,uevr|  dGXm  rpiZiei^) 
ipuxri,  dvirjpuj  baijuovi  |LiejLiq)0|uevr| . 
Er  schreibt  demzufolge  H^uxil  a-ls  Eigenname.  Allein  Posi- 
dipp  redet  nur  von  einer  bestimmten  Person,  sei   es  von  sich 
selbst,  sei  es  von  einem  anderen  Dichter  (Moucdiv  TeiTiH),  und 
ijJUXil  ist,  wie  der  Zusatz  ev  ßüßXoK;  ireTTOvriiLievri  zeigt,  nur  die 
Umschreibung  für  diese  Person.  Schon  der  Gedanke,  daß  Hiuxn 
auch  Schmetterling  bedeuten  kann,  bringt  etwas  Fremdes  und 
Störendes  herein.  Posidipp  will  einfach  sagen  6   be  Trpiv   ev 


I)  äXXa  BepiJIei  cod.,  verb.  v.  Wilamowitz  (xpiZei  hatte  ich  hergestellt, 


74       PSYCHE  ALS  UMSCHREIBUNG  FÜR  DIE  PERSON 

ßußXoi?  7re7TOVTi)Lievo<;,  und  wählt  nur  deshalb  die  Umschreibung, 
weil  man  ö  leTTiH  6  ev  ßußXo«;  TreTTOvrmevo^  verstehen  könnte, 
und  dies  ein  ebenso  groteskes  und  unpassendes  Bild  ergäbe, 
wie  es  allerdings  m.  E.  auch  der  Schmetterling  als  Bücherwurm 
wäre.  Die  Bezeichnung  Moucuiv  xdiTiH  hat  er  dabei  für  den 
Dichter  gewählt,  um  anzudeuten,  daß  er  eigentlich  einer  an- 
deren Gottheit  angehört,  in  deren  Rechte  Eros  oder  Pothos 
eingreift,  wie  etwa  XII  loo,  4  Aphrodite  sich  rühmt:  xov  C0(pöv 
ev  Moucai<;  Kunpi?  Ixpiuce  \x6vr].  Noch  näher  dem  Gedanken 
kommt  Ovid  Amor.  I  1 5 :  gm's  tibi,  saeve  puer,  dedit  hoc  in  car-' 
mina  iuris?  Pieridum  vates,  non  tua  turba  summ.  Ich  fasse,  ent- 
sprechend der  Elegie  Ovids,  unser  Gedichtchen  jetzt  als  Ein-« 
leitung  einer  Reihe  erotischer  Epigramme  ;  Posidipp  dichtete 
ja,  sowohl  für  sich  allein  wie  im  Verein  mit  Asklepiades  und 
Hedylos,  derartige  zusammenhängende  Epigrammreihen  und 
konnte  sehr  wohl  einen  neuen  Stoif  durch  dies  Gedichtchen, 
welches  ein  Bild  in  der  Phantasie  des  Lesers  wachrufen  oder 
zeichnen  will,  einführen.  Wie  dem  sei,  über  den  Grund- 
gedanken urteilte  Jahn  (Berichte  über  die  Verhandlungen  der 
Kgl.  sächsischen  Gesellschaft  d.  Wiss.  III  1851,  S.  156)  vor- 
sichtiger und  richtiger  als  der  neue  Bearbeiter:  von  einer  Per- 
sonifizierung der  'Seele',  wie  sie  der  Mythos  oder  das  Märchen 
von  Eros  und  Psyche  voraussetzt,  kann  bei  Posidipp  gar  nicht 
die  Rede  sein,  nur  von  einer  zu  allen  Zeiten  verständlichen 
und  unanstößigen  Verwendung  des  Wortes  ijiuxil  für  die  Person. 
Genau  derselbe  Fehler  wird  immer  wieder  in  der  Ausdeu- 
tung des  Phaidros  begangen,  und  wieder  zeigt  sich  Jahn  un- 
endlich viel  vorsichtiger  und  zurückhaltender  als  die,  welche 
jetzt  seine  Ansichten  zu  vertreten  und  auszubauen  vermeinen. 
Die  Vorstellung  von  dem  Verhältnis  des  Eros  und  der  Psyche, 
wie  sie  uns  in  Dichtung  und  bildender  Kunst  entgegentrete, 
setzt  nach  ihm  eine  allgemein  gültige  Auffassung  des  Wesens 


freilich  ohne  dabei  an  die  \puxcxl  xexpiYuiai  Homers  oder  das  TpiZeiv 
des  Schmetterlings  zu  denken;  beides  möchte  ich  auch  jetzt  durch- 
aus fernhalten.) 


PSYCHE  BEI  PLATO.    FÖRSTER  75 

der  Seele  voraus,  wie  sie  im  wesentlichen  wohl  erst  durch  Plato 
begründet  sein  soll.    Er  betont,  daß  die  jüngeren  Platoniker 
von  dieser  zu  ihrer  Zeit  doch  bestimmt  ausgebildeten  Vorstel- 
lung gar  keinen  Gebrauch  machen^),  daß  Plato  auf  sie  nicht 
hindeute,  ja  daß  sie  keineswegs  'spezifisch  platonisch'  sei.  Plato, 
dessen  Mythen  er  dennoch  vergleicht,   dient  ihm  im  Grunde 
nur,  einen  'tiefernsten  Sinn  dieses  Mythos'  trotz  seiner  teils 
sinnlichen,  teils  spielenden  Ausgestaltung  durch  die  Künstler 
zu  erklären.  Wie  er  sich  die  Einwirkung  des  Philosophen  auf 
die  dichterische  Reflexion  denkt,  der  nach  ihm  der  'Mythos' 
entsprungen  ist,  hat  Jahn  nicht  angedeutet.  Umso  leichter  findet 
das  R.  Förster  in  seinen  beiden  Festvorträgen  über  Eros  (1893) 
und  Psyche  (1905).^   Er  liest  aus  dem  Phaidros  heraus,  daß 
die  Seele    'von  Eros  getrieben  sich   nach  der  Befreiung  aus 
dem  Leibe  sehnt;  sie  möchte  wieder  auffliegen,  und  da  wachsen 
ihr  die  Flügel,  und  es  treibt  sie  dahin,  wo  sie  den  Träger  der 
Schönheit  zu  schauen  hofft.  Wenn  sie  ihn  geschaut  hat,  ist  sie 
befreit  von  Schmerzen.  Ihn  zu  schauen  ist  ihr  süßester  Genuß. 
Nichts  stellt  sie   über   den  Schönen,   sie   vergißt  Mutter   und 
Schwestern  und  alle  Freundinnen,  achtet  nichts   den  Verlust 
aller  Habe,  ja  verachtet  Herkommen  und  Sitte,  ist  bereit,  ihm 
zu  dienen  und,  wenn  nur  ihm  nahe,  am  Boden  zu  liegen.^)  Sie 
verehrt  ihn  nicht  nur,  sie  hat  ihn  als  einzigen  Arzt  der  größten 
Leiden  gefunden.  Obwohl  in  dieser  Schilderung  des  Phaidros 
Psyche  nicht  eine  mythische  Person,  sondern  die  menschliche 
Seele  ist,  war  es  doch  leicht,  auf  ihrem  Grunde  ein  Verhältnis 
gegenseitiger  Liebe  zwischen  Eros  und  Psyche  aufzubauen  .  .  . 
Die  platonische  Stelle  selbst  bot  die  Handhabe,  Psyche  als  ge- 
flügeltes Mädchen  darzustellen.'^)    Das  mag  für  Försters  Über- 

1)  Man  vergl.  dagegen,  wie  Heinrici  (in  dem  früher  erwähnten  Auf- 
satz Preuß.  Jahrbücher  XC  1897,  S.  390  ff.)  alles  Gewicht  darauf  legt, 
daß  Apuleius  Platoniker  ist. 

2)  Vgl.  R.  Förster,  Das  Erbe  der  Antike,  Breslau  191 1,  S.  15  und 
mit  fast  wörtlicher  Selbstwiederholung  S.  83. 

3)  Vgl.  S.  96  'Wenn  bei  Piaton  Psyche,  Eltern,  Geschwister  und 
Gefährtinnen  verlassend,  zu  den  Füßen  des  Eros  liegt.' 

4)  In  der  späteren  Wiederholung  (S.  83)  heißt  es:    'diese  Stelle  des 


76  PSYCHE  BEI  PLATO 

Setzung  gelten,  schwerlich  aber  für  den  Urtext  (251  d):  ck  be 
djucpoiepiuv  |Lie|iieiT|LieviJuv  dbriMOvei  xe  Tri  «TOTria  xoö  irdGou^ 
Kai  dTTOpoOca  XuttoI,  Kai  ejLijuavnq  ouca  ouxe  vukt6<;  buvaxai 
Kaöeubeiv  oöxe  |Lie9'  fiiiiepav  oij  otv  ^  )ueveiv,  GeT  be  iroOoOca 
OTTOu  av  oi'r|xai  öipecGai  xöv  exovxa  x6  KdXXo?"  iboOca  be  Kai 
etroxexeucaiLievri  ijuepov  ^Xuce  |Liev  xd  xöxe  cujUTrecppaTMeva, 
dvaiTvoriv  be  XaßoOca  Kevxpuüv  xe  Kai  ibbivuuv  eXriHev,  fibovrjv 
b'  au  xauxriv  Y^uKuxdxriv  ev  xuj  irapövxi  Kap-rroOxai.  ööev  br) 
€KoOca  eivai  ouk  dTToXeiirexai,  oube  xiva  xoO  KaXoO  nepi 
irXeiovo^  TroieTxai,  dXXd  jLir|xepu)v  xe  Kai  dbeXqpuJv  Kai  dxaipuuv 
TTdvxuiv  XeXricxai,  Kai  oiicia(;  bi'  djueXeiav  dTToXXu|Lievri(5  Ttap' 
oubev  xiöexai,  vo)ai|uuuv  be  Kai  eucximövuuv,  01^  Tipö  xoö  eKaX- 
XiJUTriJlexo,  Trdvxuuv  Kaxacppovricaca  bouXeueiv  exoi|Liri  Kai  koi- 
|Lidc0ai  OTTOU  dv  ed  xk;  eTTuxdxiu  xoO  ttööou*  ixpöq  ydp  xuj 
ceßecGai  xöv  xö  KdXXo(;  exovxa  laxpöv  rjüpriKe  |liövov  xujv  )Lie- 
ficxujv  7TÖVUUV.  xoOxo  be  xö  TrdGoc,  uj  TraT  KaXe,  ixpöc,  öv  hr\ 
|ixoi  6  Xöfoq,  dvGpuüTTOi  )Liev  ^puuxa  övoindlouciv  ....  xüjv  fiev 
ouv  Axöq  ÖTtabojv  6  XtiqpGei^  ejiißpiGecxepov  buvaxai  q)epeiv  xö 
xou  TrxepUJVU|UOu  dxGog.  Ich  bezweifle,  daß  irgendein  Grieche 
übersehen  konnte,  daß  6  xö  KdXXo<;  e'xuuv  der  schöne  Knabe 
(xd  TraibiKd)  ist,  und  ^'piu^  überhaupt  nicht  personifiziert,  sondern 
als  irdGo?  bezeichnet  wird.-^)  Wollte  ein  Grieche  sich  wirklich 


Phaidros  ist  auch  die  Geburtsstätte  der  Psyche  als  Person.  Piaton 
redet  zwar  von  der  menschlichen  Seele,  aber  als  der  theologische  Dichter, 
der  er  ist,  personifiziert  er  sie,  gibt  ihr  Eltern  und  Geschwister,  Haus 
und  Tätigkeit  (!).  Er  nennt  sie  geradezu  'die  Genossin  des  Gottes',  d.  i. 
des  Eros.  Daß  dieser  nun  die  Liebe  erwidert,  folgt  aus  seinem  "Wesen. 
So  kommt  Psyche  zur  Vereinigung  mit  ihm.  Hier  empfing  seine  Inspi- 
ration der  Künstler,  der  jene  Gruppe  schuf,  Eros  Psychen  an  sich  ziehend, 
Psychen  sich  an  Eros  schmiegend,  jenes  Idyll  der  Antike,  das,  wir  be- 
greifen es  leicht,  den  größten  Eindruck  machte  und  in  zahlreichen  Mar- 
morwerken, aber  auch  in  Erzeugnissen  der  Kleinkunst  in  Ton  und 
Bronze  Nach-  und  Umbildung  erfuhr.  Daß  Psyche  im  gleichen  Alter 
wie  er  (!),  also  als  Mädchen  gebildet  wurde,  verstand  sich  von  selbst; 
desgleichen,  daß  sie  Flügel  wie  er  erhielt'  (vgl.  über  die  Kindergruppe 

s.  15-17)- 

l)  Er  konnte  ja  auch  gar  nicht  der  ^pu))Lievo(;   sein,    sondern  seinem 
Wesen  nach  nur  der  IpuJv. 


FÖRSTERS  MISZDEUTUNGEN  7^ 

dabei  die  Psyche  persönlich  denken,  so  hätte  er  sie  sicher  als 
Jüngling  und  nicht  als  Mädchen  gedacht,   oder  gar  als   die 
Haustochter,  die  den  Hausstand  verkommen  läßt,  sich  herum- 
treibt und  alle  Freundinnen   (eiaipuuv  TrdvTUJv)  vergißt!   Aber 
ich  bestreite,  daß  er  überhaupt  an   die  Seele  und  nicht  ohne 
weiteres  an  den  epacTr|(;  gedacht  hätte,  vt-enn  er  las:  ouxe  Vuk- 
TÖq  övivarai  Kaöeubeiv  .  .  0eT  öe  TroecOca,  öttou  otv  oirixai  dij^e- 
cGai  TÖv  exovTtt  tö  kcxWc?  oder  K0i|uäc9ai  ETTwidTU)  loö  ttö- 
60U,  Worte,  die  er  jedenfalls  weniger  zart  aufgefaßt  hätte.   Er 
konnte  das  gamicht  mißverstehen,  wenn  er  eben  (251a)  von 
dem  Menschen  gelesen  hatte:  6  be  dpTiTe\r|^  ....  örav  0eo- 
eibec,  TrpöcuuTTOV  ibr)  KdXXoc  eu  )ue)Lii|Lir||Lievov  r\  Tiva  cuüinaTO^ 
ibeav  .  .  .  Trpocopujv   dx;  öeöv  ceßerai,  Kai  ei  |Liri  ebebiei  xfiv 
Tf]^  ccpobpa  lüiaviac;  boEav,  9uoi  dv  uj(;  dTdXjuaTi  Kai  0euj  toi? 
TraibiKoT?    ....   beHd|uevoq  ^dp  toO  KdXXouq  rriv   diroppOTiv 
bid  TUJV  6|ii)ndTUJV  eöepjudvöri,  ^  f)  toO  irrepoO  cpOcK;  dpbeTai. 
Das  völlige  Ineinanderfließen  der  Begriffe  Person  und  Seele, 
das  wir  hier  wie  an  manchen  anderen  Stellen  sehen,  ist  einer 
bildUchen  und  rein  menschlichen  Darstellung  und  Personifi- 
zierung der  Psyche  an  sich  nicht  günstiger  als  ein  ähnlicher 
Sprachgebrauch  bei  Q\j}x6<;  oder  Kapöia,  und  sie  wird  fast  un- 
möglich, wenn  der  antike  Künstler  die  Seele  selbst  als  die  Be- 
gehrende, nicht  die  Begehrte,  die  Liebende,  nicht  die  Geliebte 
darstellen  müßte.   Von  einer  wechselseitigen  Liebe  fand  er 
bei  Plato  überhaupt  nichts,  sie  war   bei  ihm  ausgeschlossen. 
Wollte  der  Künstler  sie  darstellen,  und  zwar  durch  Eros  und 
Psyche  darstellen,  so  konnte  ersterer  nur  der  Begehrende,  der 
Liebende  sein,  und  ich  kann  mir  denken,  daß  Darstellungen, 
welche  den  begehrenden  Heros  von  Eros  begleitet  und  geführt 
sein  lassen,  in  der  weiteren  Entwicklung  dazu  führten,   Eros 
selbst  als  den  Begehrenden  und  statt  des  sterblichen  Weibes 
dann  als  ähnlich  allegorisches  Wesen  Psyche  einzuführen.    Es 
scheint   das   nach   der  von   Wolters   (Archäol.  Zeitung   1894, 
Taf.  I,  S.  II,   vgl.  Petersen,  Rom.  Mitteilungen   igoi,  S.  71) 
veröffentlichten  Bronze  ja  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  vier- 
ten Jahrhunderts  geschehen  zu  sein.  Aber  aus  Plato  kann  nie- 

Reitzenstein:  Amor  und  Psyche.  6 


78  PLATO  UND  DIE  KUNST 

mand  den  Gedanken  herleiten.  Ich  könnte  mir  femer  denken, 
daß  das  Empfinden,  daß  Eros  die  Seele  beschwingt  und  zum 
Himmel  erhebt  —  freilich  nicht  zum  Himmel  des  Philosophen 
— ,  schon  frühzeitig  von  einem  Dichter  ausgesprochen  ist,  und 
daß  Plato  mit  solchen  Bildern  von  Künstlern  oder  Dichtern 
spielt  und  durch  die  volkstümliche  Ausdrucksweise  (vpuxr)  = 
ö  dpujv)  ihren  Widerspruch  zu  dem  wirklich  von  ihm  geschaf- 
fenen allegorischen  Bilde  der  dreiteiligen  Seele  verschleiert 
Nicht  aber  kann  ich  mir  vorstellen,  daß  aus  seiner  wunder- 
baren Schilderung  des  vierten  Wahnsinns  und  gottgewollten 
TiaQoc,  Mie  Idylle  der  antiken  Plastik',  jene  Kindergruppe  her- 
vorwuchs, bei  deren  Betrachtung  über  zartes  Empfinden  in  die 
Dichterworte  ausbricht:  ^Die  Engel  im  Himmel  sich's  zeigen 
Frohlockend  von  Herzensgrund,  Wenn  Bruder  und  Schwester 
sich  neigen  Und  küssen  sich  auf  den  Mund'.  Dieser  Künstler 
sollte  Piatos  Empfinden  wirklich  wiedergeben,  so,  wie  hier  das 
Mädchen,  sollte  'die  platonische  Psyche'  sich  gebärden  (För- 
ster, S.  i6)!  Bei  dieser  Ableitung  wirkt  eine  ganz  moderne 
Auffassung  der  sogenannten  platonischen  Liebe,  nicht  Plato 
selbst  ein.  Ein  antiker  Künstler,  der  sich  von  der  Phaidrosstelle 
zum  Schaffen  begeistern  ließ  und  sie  zugleich  so  kläglich  ver- 
darb und  mißdeutete,  wäre  mir  unfaßbar. 

Gewiß  ist  es  ohne  alle  Einwirkung  Piatos  durchaus  denkbar, 
daß  Künstler  relativ  früh  Eros  die  Psyche  quälend^)  und  bald 
auch  Eros  die  Psyche  begehrend  darstellten,  und  daß  sich 
hieraus  noch  weitere  Gegenüberstellungen  des  jugendlichen 
Paares  entwickelten.  Aber  mit  alledem  kommen  wir  immer  nur 
zu  Einzelbildern,  Bildern,  die  noch  dazu  von  der  Erzählung 
des  Apuleius  in  dem  entscheidenden  Punkte  abweichen,  daß 
in  ihnen  erst  die  Beflügelung  die  Seele  zur  Partnerin  des 
Gottes  gemacht  hat,  und  gerade  die  Beflügelung  der  Psyche 
des  Apuleius  fehlt  und  fehlen  muß.  Eine  Vereinigung  der  ver- 
schiedenen Bilder  von  Eros  und  Psyche  zur  geschlossenen  Er- 


l)  Nach  Förster,  S.  i8,  stammt  freilich  auch  dieser  Gedanke  aus 
Plato.  Es  fehlt  nur  noch  die  Behauptung,  daß  Plato  die  v|juxn  er- 
funden hat. 


PERSONIFIZIERUNG  DER  PSYCHE 


79 


Zählung  ist  nur  möglich  entweder  durch  eine  Allegorie  —  und 
sie  kann  hier  nicht  vorliegen  —  oder  durch  einen  alten  Mythos 
—  und  er  ist  für  Griechenland  unerweisbar.  Es  ist  ein  un- 
klares Spiel  mit  dem  Worte  Personifizierung,  wenn  man  ohne 
weiteres  annimmt,  daß  die  persönliche  Darstellung  der  Einzel- 
seele sie  sofort  zur  wirklichen  Göttin  macht,  der  nun  durch 
einen  frei  erfundenen  'Mythos',  oder  ein  Märchen  oder  einen 
Roman ^)  ein  ganz  individuelles,  nicht  von  der  Allegorie  be- 
stimmtes Erleben  zugeschrieben  werden  kann.^)  Wohl  aber 
können  diese  Bilder  und  Einzel  Vorstellungen  die  Übernahme 
eines  fremden  Mythos  erleichtem  und  seine  künstlerische  Aus- 
gestaltung entscheidend  beeinflussen.  Nicht  einen  griechischen, 
wohl  aber  einen  hellenistischen  Mythos  von  einer  Göttin  Psyche 
müssen  wir  voraussetzen.   Sie  steht  im  Mittelpunkt. 

Ich  stelle,  um  dem  Leser  die  Nachprüfung  zu  erleichtem, 
die  schwachen  Spuren  eines  solchen  noch  einmal  zusammen. 
Die  zuerst  angeführten  Zaubertexte  belegen  freilich  scheinbar 
nur,  daß  die  Erzählung  von  Eros  und  Psyche  viel  tiefer  in  das 
Volk  eingedrungen  ist,  als  dies  Jahn  irgend  annehmen  konnte. 
Im  Sinne  ihrer  Verfasser  ist  Psyche  zunächst  nur  Vertreterin 
der  Einzelseele;  die  mythologischen  Züge  knüpfen  an  Eros;  er 
ist  wirklich  noch   immer  Gott    Den  Wortlaut  gebe  ich  nach 


i)  Letzteres  bei  W.  Schaller  De  Apulei  fdbula  etc.  Leipzig  1901. 
Ich  kann  in  der  Arbeit,  die  Norden  in  der  Einleitung  zur  Altertums- 
wissenschaft I  572  rühmend  hervorhebt,  neben  vereinzelten  glücklichen 
Bemerkungen  nur  den  ganz  unbeabsichtigten  Nachweis  der  Unmöglich- 
keit der  bisherigen  Erklärungen  finden.  —  Für  die  Mehrzahl  der  in  dem 
Vortrage  angeführten  alten  fabulae  und  für  TibuU  II  3  verweise  ich  auf 
die  Dissertation  meines  Schülers  M.  Heinemann  Epistulae  amatoriae 
quomodo  cohaereant  cum  elegiis  Alexandrinis ,  Dissert,  philol.  Argento- 
rat.  XIV  3,  für  Properz  1 3  auf  meine  Ausführungen  im  Hermes  47 
S.  81  A.,  endlich  für  die  aus  alexandrinischen  Hochzeitsliedem  entnom- 
menen Bilder  auf  meinen  Aufsatz  'Die  Hochzeit  des  Peleus  und  der 
Thetis'  ebenda  35  S.  73  ff. 

2)  Ein  Empfinden  dafür  zeigt  Gruppe  (Griech.  Mythologie  S.  871  ff.), 
doch  genügt  sein  Versuch,  dem  früher  oft  geäußerten  und  schon  von 
Jahn  abgewiesenen  Gedanken  an  altgriechische  Mysterien  eine  Art 
von  Rechtfertigung  zu  geben,  mir  in  keiner  Weise. 

6» 


8o  ZAUBERPAPYRI.    DARDANOS-SCHWERT 

den  wiederholten  Nachprüfungen  von  Dr.  K.  Preisendanz,  der 
mir  in  hochherziger  Güte  das  Manuskript  zu  dem  neuen  Cor- 
pus der  Zauberpapyri  nach  Freiburg  zur  Benutzung  übersendet 
hat  Die  erste  Zaubervorschrift  findet  sich  in  dem  großen  Pa- 
riser Zauberpapyrus  v.  I7i7ff.  (Wessely,  Denkschr.  d.  K.  K. 
Ak.  1888,  S.  87):  ZiqF>0(S  Aapbdvou*  7TpäHi(;  f]  KaXoujaevTi  Hi- 
<poq,  f]q  oubev  eciiv  icov  öict  xfiv  evepTemv.  KXivei  ycip  Kai 
OLfei  y\)vxr[\  avTiKpu(;,  ou  av  öeXr]^,  XeTiwv  töv  Xötov  Kai  ötr 
kXivu)  Triv  v|Jux^v  toO  beiva.  —  Xaßuuv  XiGov  iiidTvriTa  töv 
TTveovia  yXuh^ov  'Acppobiiriv  itttticti  Ka9rmevr|v  em  Yuxti<;, 
TV)  dpicrepa  xeipi  KpaTOÖcav  toix;  ßocxpuxouq  dvabec|Lieuoiue- 
VTiv  Ktti  eirdviu  Tfic,  KecpaXriq  avTf]q  axinaTcpapTreipei.  iiTTOKdTUü 
be  xfjq  'A(ppobiTri(;  Kai  Tf\c,  Wvxr\(;  "EpuuTa  em  ttöXgu  iciuj- 
xa,  Xajairdba  KpaxoOvxa  Kao|aevr|v,  q)XeTovxa  xrivH'uxnv.  utto- 
Kdxuu  be  xoö  ''Epijuxo<;  xd  övöjuaxa  xaOxa'  axaira  'Abuuvaie 
ßac)iia  xopoKuu  'laKiJüß  'Idiu  f\  cpapcpapvii.  eic,  be  x6  exepov  |Lie- 
poc,  xoO  XiGou  yuxnv  Kai  "Epuuxa  TrepiTreTrXeTlLievGu^  eauxoi(; 
Kai  iJTTÖ  xoOq  TTÖbac;  ToO  ''Epijux0(;  xaOxa'  cccccccc,  utto- 
Kdxiu  be  xfiq  Yuxn<;  r|r|r|ririTiriTi.  Beide  umarmen  sich^ 
also  stehend.  —  Das  stark  von  griechischen  Vorstellungen  be- 
einflußte Gebet  beginnt:  erriKaXüOiLiai  ce  xöv  dpxriTeTTiv  Trdcriq 
fevecewc,,  xöv  biaxeivavxa  laq  ^auxoO  TrxepuYa<;  ei^  xöv  cu|li- 
Ttavxa  KÖC)HOV  (vgl.  Apuleius:  quod  pinnis  volitans  super  aethera 
cunda  fatigat),  ce  XÖV  aTrXaxov  Kai  djuexprixGV,  ei^  xd<;  vjjuxd? 
7Tdca(;  Ziuiotövov  ejUTTveovxa  Xoyic|liöv,  xöv  cuvapiuocdjuevov  xd 
Tidvxa  xrj  lauxoO  buvdjuei,  TtpujxÖTOve,  Travxö<;  Kxicxa,  XP^co- 
TTxepuTe,  lueXaiiiqpafi  .  .  1775  veuuxaxe,  dvojue,  dviXacxe,  dXixd- 
veuxe,  dibfi,  dcu)|Liaxe,  oicxpoYevexu)p ,  xoHöxa,  XajUTraboöxe, 
nbx.ryz,  Trveu|uaxiKfi(;  aic0r|ceuj^,  Kpucpiuuv  Trdvxujv  dvaS,  xa)uia 
^^01?.  Tcvdpxa  ciTfjc;,  bi'  öv  xö  q)U)?  Kai  icov  xi  q)ujc  x^wpeT, 
vriTTie  öxav  tewriGricj  ev  Kapbiaic;,  irpecßuxaxe  öxav  e'n:ixeuxörj(; 
..  1794  Trpujxocpavfi,  vuKxtqpavfj,  vuKXixapfj,  vuKxixeve'xujp. 

Der  zweite  Zauber,  der  TTdpebpoq  "Epuj^  (Pap.  Lugd.  V 
bol.  1,14,  Dieterich  Jahrb.  Suppl.  XVI  p.  794),  lautet:  Xaßuuv 
[Kripöv  TJuppTiviK[ö]v  jueiSov  auxuj  7T[dv]  tevo?  dpuj)Lidxa)v 
Kai  7To[i]ricov  "Epujxa  bcKxuXuuv  <(6kx>uj  )LifiKO(;  XajUTrabriqpö- 


PARHEDROS  EROS.    KOSMOGONIE  gl 

pov,  e'xovxa  ßdc[i]v  laaKpdv,  eKbeH[i]v  [loijvbe  [cJiriXriv *) ,  ti^ 
[b'  dpicxejpa  xexpX  KpareiTcu  TÖHofv]  Kai  ßeXo[(;,  lü]  ß[a]XeT 
Yuxnv.  Das  Gebet  beginnt  (col.  II  i):  eTriKaXoOinai  C€  [t]öv 
ev  xfi  KaXr)  koiti;],  t[öv]  ev  tuj  TroGeivuj  oktu,  biaKÖvricöv  )lioi 
.  .  .  f\Ki  }JLO\  ö  becTTÖTri[q]  ToO  oupavoO  eTriXd|Li7TUüv  rrj  oikou- 
ILievTi,  bittKÖvricöv  |uoi  .  .  .  nKe  |uoi  6  becTTÖiriq  tujv  jiiopqpujv  .  .  . 
cu  el  [6  dcjTpdiTTUJV,  cü  ei  6  ßpov[T]a»v,  c[u]  ei  ö  ceiujv,  c[u] 
ei  ö  irdvia  CTpe\\)aq  Kai  eTTavopeuuca(;  [rrJdXiv  ....  cu  d  b 
TrepiexuJV  jäc,  xdpixa^  ev  irj  Kopucpfj  XainTrpri,  cu  ei  6  e'xiwv  iv 

Tf]  [bJeHia  xfiv  dvdYKiqv cu  ei  ö  vrimoq,  6  Ziujv  0eö<;  .  . 

.  .  .  <(6  eK>  triq  epu0pd[<;]  9aXdccTi(;,  6  ck  tujv  b'  juepOüV  tou? 
dve|uou(;  cuvceiuuv,  6  im  tou  Xuutou  KaGriiuevo?  (das  Horos- 
kind)  Kai  Xa|Li7Tupibu)V  [ijriv  öXr|V  oiKOU|uevriv '  KaöeJÜr]  fäp  *  * 
KopKobeiXoeibr|(;,  ev  be  ToTq  TTpö(;  vötov  )Liepec[i]v  bpdKuuv  ei 
TrTepoeibri(;'  ojg  ydp  eq)u<;  xfi  dXri9eia. 

Die  Stelle  der  Kosmogonie  lautet  in  Dieterichs  Wiederher- 
stellung (Abraxas  184  Z.  80):  eKdKxace  tö  ^ßbojLiov  dc9|iiricd- 
ILievo?  Kai  KaKxdZioüv  ebdKpuce,  Kai  dfeveTO  Yuxri.  6  be  Qeöc, 
eqpri"  irdvia  Kivricei?,.  Kai  irdvxa  iXapuv0r|cexai  'Ep|uou  ce  öbr|- 
YOuvxo(;.  tout'  emövxo?  xou  9eou  irdvxa  eKivri9Ti  Kai  ettveu- 
luaxiuGri  dKaxacxexuj(;.  An  die  philosophische  Annahme  einer 
Weltseele  als  Bewegungsprinzip  kann  nicht  denken,  wer  die 
die  Eigenart  der  Kosmogonie  irgend  kennt.  Nur  bei  der  Be- 
nennung der  Gottheit,  welche  der  Materie  zunächst  Bewegung 
und  Beseelung  bringt  (TTVeu)Lia  ist  im  Sinne  von  \\f\)xA  gebraucht), 
kann  ursprünglich  die  Philosophie  mitgewirkt  haben.  Daß  die- 
selbe Göttin  später  von  Hermes  geleitet  dem  All  die  Freude 
bringt,  wird  in  der  Fortsetzung  nicht  mehr  erzählt;  es  bleibt 
Verheißung.  Die  Kosmogonie  fährt  zunächst  fort:  ibiJbv  xriv 
M^uxrjv,  veuca?  eiq  ff\v  ecupice  luexa  Kai  r\  ff[  r|VoiTTi  Xaßouca 
xöv  fjxov.  Kai  djewricev  ibiov  cujov,  bpdKOVxa  TTu9iov^,  bc, 


1)  Die  Lesung  und  Ergänzung  scheint  unsicher;  man  erwartet  ent- 
weder ^K  6e2iu)v  h^  ^vxr\v  oder  vielleicht  ^K6eEö|nevov  (?)  6^  ttiv 
Vuxiiv.    Jedenfalls  fehlt  eine  Erwähnung  der  Psyche. 

2)  Die  pythische  Schlange  gehört  natürlich  nicht  in  die  orienta- 
lische Kosmogonie;   alles   was   Dieterich  Abraxas   S.  illfF.   vorbringt, 


82  DER  KOSMISCHE  GOTT  EROS 

TCi  Tidvia  irpo^ibei  bia  töv  (pGoTTOv  toö  0eoO.^)  toö  bi  qpa- 
vevTO?  dKupiavev  r\  yx]  Kai  im;iu9ri  ttoXu,  ö  be  iröXoq  tiucid- 
Oricev  KOI  ineWujv  cuvepYecöai.  6  be  Geöc  ibüuv  töv  bpcxKOVia 
d9a)aßr|9r]  (vgl.  später  ö  be  8eöq  TrdXiv  eirioriGri).  Freilich  läßt 
sich  nicht  sicher  beweisen,  daß  dieser  bpotKUJV  (TTuGiOi;)  der 
Kosmogonie  mit  dem  bpdKOUV  TTiepoeibriq  identisch  ist,  der  nach 
dem  ''Epuü(;  TTdpebpo(;  die  Urform  dieses  Gottes  ist  Man  kann 
allerdings  darauf  hinweisen,  daß  in  dem  Dardanos-Schwert, 
das  auf  denselben  Mythos  Bezug  nimmt,  unter  dem  Erosbilde 
das  achtmalige  Zeichen  des  cupiT^ö«;  steht  und  der  Urgott 
der  Kosmogonie  als  achte  Gottheit  durch  den  cupiT)Liö<;  die 
Schlange  schafft,  oder  darf  hervorheben,  daß  Amor  bei  Apu- 
leius  alles  vorherweiß  wie  die  Schlange  der  Kosmogonie  und  wie 
der  Eros  des  Dardanos-Schwertes,  der  alle  Geheimnisse  kennt 
und  alles  pneumatische  Gewahren,  d.  h.  alle  ekstatische  Schau, 
verleiht.  Wichtiger,  doch  in  der  Erklärung  nicht  sicher,  wäre 
vielleicht,  daß  auch  der  Eros  in  den  alexandrinischen  (?) 
Mysterienvorstellungen  bei  Philo  de  vit.  cont.  473  M.  (litt'  epiuTog 
dpTTacGevTe?  oupaviou   KaGdirep  01  ßaKxeuö|Lievoi  Kai   Kopu- 


beweist  nur,  daß  ein  alter  Schlangengott  später  mit  der  pythischen 
Schlange  identifiziert  werden  konnte.  Der  Anlaß  ist  diesmal  rein 
äußerlich  und  besonders  klar:  zweimal  hat  soeben  der  Schreiber  aus 
einem  andern  Text  ein  Amulett  beschrieben:  in  eine  Lorbeerwurzel 
sollen  eingeritzt  werden  Apollo  und  neben  ihm  der  Dreifuß  und  der 
TTüeioc  bpdKUUV  (nur  die  zweite  Rezension  hat  an  einer  Stelle,  es  ist 
180,2,  TTuBivov,  aber  zu  iruGiov  korrigiert)  und  um  die  Bilder  magische 
Buchstaben  wie  in  dem  Erosamulett.  So  setzt  er  in  der  Kosmogonie, 
wo  dieselben  magischen  Buchstaben  als  Namen,  die  der  Urgott  gibt, 
wiederkehren,  ohne  weiteres  irOBiov  ein  (nur  die  zweite  Rezension  hat, 
hier  unverbessert,  truBivov).  Eine  Änderung  zu  irupivöv  wäre  danach 
unwahrscheinlieh ;  das  ganze  Epitheton  ist  hellenisierender  Zusatz, 

i)  Es  folgen  die  Worte  fireKdXece  hk.  auxöv  ö  öeö^"  iXiWou  lX\i\ou 
IXiXXou  (nach  gütiger  Mitteilung  Prof.  Spiegelbergs  heißt  lilu  koptisch 
der  Knabe,  von  dem  öpdiKUiv  UTepoeiöric;  ist  in  dem  Parhedros  Eros 
gesagt  cu  el  6  vritrioc;,  möglich  also,  daß  eine  Entstellung  dieses  Wortes 
vorliegt)  i9uup  |aa|japavJT>l  <piwX^<Poß^X'  Genau  dieselben  Worte  stehen 
in  dem  oben  erwähnten  Amulett  180,  i — 3  auf  dem  Leib  der  Schlange 
und  um  Schlange  und  Dreifuß. 


DIE  KOSMISCHE  GÖTTIN  PSYCHE  83 

ßavTiaJVTe<;  evGoucidZiouciv)  Ekstase  und  Prophetie  gibt  — 
genau  wie  der  zär  in  der  Erzählung  von  Minyeh.  Auch  der 
Schlangengott  und  die  pythische  Schlange  ist  fast  überall  das 
TTveOi^a  iLiavTiKÖv  (vgl.  Dieterich  Abraxas  1 1 4).  Wir  würden  das 
seltsame  Apollo-Orakel  bei  Apuleius  besser  verstehen,  wenn  wir 
annehmen  dürften,  daß  ursprünglich  Eros  selbst  den  Propheten 
oder  die  Prophetin  inspiriert,  wie  der  zär  die  Zauberin  oder  Be- 
sessene nach  heutigem  orientalischem  Volksglauben'^)  oder  wie 
in  den  Akten  des  Thomas  Christus  den  Apostel.  Der  Gott  ver- 
langt selbst  für  sich  die  Braut;  das  ist  notwendig  überall  die  kult- 
liche Urform.  Allein  diese  naheliegenden  Kombinationen  er- 
setzen nicht  den  vollen  Beweis.  Bewiesen  ist  durch  die  Kos- 
mogonienur  die  Existenz  einer  orientalischen  Gottheit  Psyche. 
Auf  sie  kann  daher  auch  eine  Stelle  der  TeviKOi  XÖYOi  Bezug 
nehmen,  welche  in  unserm  Corpus  Hermeticum  X  7  (p.  71,7 
Parthey)  angeführt  wird:  ouk  fiK0uca(;  ev  toT(;  reviKoT^  öxi  dTTÖ 
|Liiä^  M^uxn«;  rfiq  tou  iravTÖi;  Tiäcai  ai  njuxai  eiciv  ai  xe  <Trepi 
TÖv  9eöv  cuvTiYepiLievai  ai  xe)  ev  xuj  iravxi  köc|uuj  Ku\ivbou|Lievai, 
Üj^TTcp  dTroveve|iiri|uevai;  Die  Handschriften  des  Corpus  geben 
ai  xe  (einmal),  die  des  Stobaios  (Ekl.  I,  p.  4 1 6,  2 1  Wachsm.) 
durch  Schlimmbesserung  auxai,  wonach  dann  der  Artikel  fehlt; 
die  Ergänzung  habe  ich  der  Hermetischen  Köpi]  köc|liou  ent- 
nommen (Stobaios  Ekl.  I  p.  389,  5fF.  Wachsm.),  in  welcher  der 
Urgott  eine  Urseele  (ipüxuuCK;)  schafft  und  aus  ihr  die  Teil- 
seelen erzeugt,  die  teils  im  Himmel  bleiben,  teils  zur  Erde 
sinken.  Der  Timaios  Piatos  wirkt  stark  ein,  doch  braucht  er 
weder  für  die  Köpri  köcjlidu  noch  für  jene  verlorene  Abhand- 
lung der  reviKOi  XÖYOi  den  eigentlichen  Ausgangspunkt  ge- 
geben zu  haben;  Mythos  und  spekulative  Deutung  und  Aus- 
gestaltung durchdringen  sich,  wie  sie  es  ja  auch  in  der  Gnosis 
tun.  Feste  Anhaltspunkte  für  den  Eros-Mythos  geben  nur  die 
Zaubertexte  und  —  Apuleius. 


l)  Daß  Mie  vom  zdr  Besessene'  noch  heutzutage  ganz  offiziell  'die 
Braut  des  zär^  heißt,  ohne  daß  man  sich  freilich  in  der  Regel  bei  dieser 
Bezeichnung  viel  denkt,  teilt  mir  Prof.  E.  Littmann  mit. 


84  DIE  MODERNE  MÄRCHENFORSCHUNG 

Ich  füge  zum  Schluß  noch  die  jüngste  Erklärung  unseres 
Märchens  bei,  die  mir  erst  nach  Abschluß  der  eigenen  Unter- 
suchungen bekannt  wurde.  F.  von  der  Leyen,  Das  Märchen, 
Leipzig  191 1,  S.  98 fF.  erklärt  es  als  griechisches  Volksmärchen, 
das  freilich  von  künstlicher  und  steifer  Allegorie  fast  zugedeckt 
sei.  Denn  Apuleius,  dem  die  Märchen  ähnlich  wie  unserem 
achtzehnten  Jahrhundert  erschienen  seien,  habe  sich  bemüht, 
die  alte  Fabel  durch  Allegorie  und  Philosophie  zu  vertiefen; 
doch  sei  es  nicht  schwer,  das  Ursprüngliche  und  Echte  zu- 
rückzugewinnen. Er  gibt  nun  zuerst  offenbar  die  Form,  die 
dem  Apuleius  vorgelegen  haben  soll. 

'Ein  König  hat  drei  Töchter,  die  jüngste  soll  in  die  Gewalt 
eines  Ungeheuers  kommen.  'Unter  Trauern  begleitet  man  sie 
zu  dem  Felsen,  unter  dem  das  Ungeheuer  haust,  und  sie  stürzt 
sich  hinab,  aber  ein  sanfter  Windhauch  trägt  sie  in  ein  blühendes 
Tal,  sie  sieht  einen  Hain  und  eine  Quelle,  und  das  Ungeheuer, 
bei  Tage  eine  Schlange  mit  ungeheurem  Rachen,  gifttropfend, 
ist  bei  Nacht  ein  schöner  Jüngling.  Psyche,  die  Jungfrau,  lebt 
in  einem  märchenhaften  Palast,  die  Gemächer  glänzen  so  von 
Gold,  daß  es  auch  bei  Nacht  hell  bleibt,  eine  unsichtbare 
Dienerschaft  erfüllt  alle  ihre  Wünsche.  Ihr  Gemahl  warnt  sie, 
sie  solle  sich  von  den  Schwestern  nicht  ausfragen  lassen  und 
nie  nach  seiner  Gestalt  forschen,  sie  widersteht  auch  eine  Zeit 
dem  neugierigen  Drängen  dieser  Neidischen,  schließlich 
fragt  sie  den  Gemahl  doch,  und  da  entschwindet  er  ihr, 
und  sie  wandert  ihm  nach.  Die  neidischen  Schwestern  stürzen 
sich  auch  vom  Fels,  aber  zerschellen  dabei.  Psyche  wandert 
weiter;  sie  wird  von  Venus  (!)  gepeinigt,  von  Traurigkeit  und 
Sorge,  ihren  Dienerinnen,  gegeißelt,  sie  muß  durcheinander 
geworfene  Garben,  Kränze  und  Sicheln  wieder  in  Ordnung 
bringen,  sie  muß  Gerste,  Weizen,  Hirse,  Mohn,  Erbsen,  Linsen, 
Bohnen  auseinanderlesen:  dabei  helfen  ihr  die  Ameisen;  sie 
muß  Wolle  von  bösen,  wilden  Schafen  mit  goldenen  Vließen 
bringen,  das  Schilf  flüstert  ihr  zu,  sie  solle  warten,  bis  die 
Tiere  es  (?)  selbst  abstreiften;  sie  muß  Wasser  aus  einer  Quelle 
holen,  die  von  Drachen  bewacht  wird,  ein  Adler  füllt  das  Ge- 


DIE  ANALYSE  VON  DER  LEYENS  85 

faß  für  sie.  Zum  Schluß  soll  sie  in  die  Unterwelt  steigen  und 
Schönheitssalbe  von  der  Totengöttin  holen,  dabei  trägt  sie  in 
einer  Hand  Kuchen  und  Mehlbrei,  in  der  anderen  Honig  und 
Wein,  im  Mund  eine  Kupfermünze.  Dreimal  wird  sie  versucht, 
es  (?)  fallen  zu  lassen ;  zuerst  begegnet  ihr  ein  lahmer,  mit  Holz  be- 
ladener  Esel;  der  lahme  Treiber  bittet  sie,  die  Holzscheite  auf- 
zunehmen, dann  schwimmt  ein  alter  Mann  ihrem  Kahne  nach, 
man  möge  ihn  auch  hineinziehen,  und  alte  Weiber  am  Web- 
stuhl bitten  sie,  auch  Hand  anzulegen.  Sie  widersteht  den 
Versuchungen  allen,  sie  nimmt  dann  vom  Mahl  nur  ein  Stück 
Brot,  das  sie  auf  der  Erde  sitzend  zu  verzehren  hat,  erhält  die 
Büchse  und  öflfnet  sie  schon  unterwegs,  ein  betäubender  Dampf 
steigt  hervor,  aber  sie  ist  erlöst  und  mit  dem  Geliebten  wieder 
vereint.'  — 

Die  Erzählung  ist  in  der  Tat  unverständlich  und  traumhaft 
geworden,  was  ja  nach  dieser  Betrachtung  das  entscheidende 
Kennzeichen  des  Märchens  sein  soll.  Die  Götter  sind  beseitigt, 
bis  auf  Frau  Venus,  die  sogar  ihre  allegorischen  Dienerinnen 
behalten  hat;  beseitigt  ist  der  Anschlag  Psyches  und  die  Ver- 
letzung Amors;  dafür  ist  das  Motiv  des  'Nicht-Fragens'  frei 
eingesetzt.  Die  Analyse  kann  beginnen: 

'Die  Einleitung  ist  sonst  ein  Märchen  für  sich,  eine  Königs- 
tochter wird  einem  Ungeheuer,  meist  einem  in  eine  Schlange 
verwandelten  Menschen,  vermählt  und  erlöst  das  Unge- 
heuer, das  vor  ihr  alle  Bräute  in  der  Brautnacht  zerriß. 
Dann  erscheinen  Teile  des  Märchens  von  den  neidischen 
Schwestern,  die  der  glücklicheren  Schwester  ihr  Glück  stehlen 
möchten.  Ihr(?)  schließt  sich  das  alte,  früher  auch  einmal  selb- 
ständige Traummärchen  vom  verschwundenen  Geliebten  an. 
Darauf  geht  die  Erzählung  in  das  Märchen  von  den  unlös- 
baren Aufgaben  über,  die  so  gern  —  man  denke  an  unser 
Aschenbrödel  —  dem  braven  Mädchen  zugemutet  werden, 
das  die  bösen  Schwestern  mißhandeln,  und  das  Ende  ist  eine 
Höllenfahrtsgeschichte,  die  unverkennbar  an  unser 
Deutsches  Märchen  von  der  Frau  Holle  erinnert  und 
damit    zum    dritten   Mal   auf   die   neidischen  Schwestern    im 


86  DIE  ANGEBLICHE  URFORM 

Märchen  deutet.  Also  das  erlöste  Ungeheuer,  die  unlös- 
baren Aufgaben,  die  Unterweltsfahrt  und  die  ^neidischen  Schwe- 
stern, das  sind  die  Märchen,  die  sich  in-  und  durcheinander 
schoben  in  einer  Wirrnis,  die  es  wieder  sehr  wahrscheinlich 
macht,  daß  Apuleius  an  ein  im  Volk  erzähltes  Märchen  sich 
hielt.  Da  das  Märchen  vom  erlösten  Unhold  und  das  von  dem 
entschwundenen  Geliebten  vielleicht  indisch  sind,  darf  man  die 
Möglichkeit,  daß  hier  indischer  Einfluß  spürbar  ist,  aus  dem  Kreis 
der  Erwägungen  nicht  ganz  ausschließen.  Die  meisten  europä- 
ischen Volksmärchen,  die  dem  Märchen  des  Apuleius  ähnlich 
sind,  nehmen,  nachdem  der  Geliebte  entschwunden,  eine  andere 
Wendung.  Die  Braut  wandert  durch  die  Welt  dem  Entschwun- 
denen nach,  sie  findet  mitleidige  Helfer,  die  ihr  Geschenke 
geben.  Als  sie  den  Gfliebten  endlich  wiederentdeckt,  will  er 
sich  gerade  mit  einer  anderen  Braut  vermählen.  Sie  erwirkt 
sich  von  dieser  mit  Hilfe  ihrer  Geschenke  die  Erlaubnis,  in 
drei  Nächten  bei  dem  Geliebten  zu  schlafen,  und  weiß  end- 
lich seine  Erinnerung  zu  wecken.  Diese  Wendung  ist  die  na- 
türliche und  organische^)  und  kann  daher  die  alte  sein,   die 


l)  Selbst  wenn  diese  Behauptung  richtig  wäre,  dürfte  man  freilich 
fragen,  ob  das  für  planmäßig  entworfene  Erzählungen  geeignete  Argu- 
ment bei  der  Märchenforschung  gleiche  Beweiskraft  hat  —  wenigstens 
wenn  man  das  Märchen  ähnlich  wie  von  der  Leyen  faßt.  Wie  im  Fol- 
genden das  falsch  gewählte  Stichwort  'Scheinhochzeit'  und  der  un- 
passende Vergleich  der  niederbrennenden  Kerze  der  Syritha  mit  dem 
Lämpchen  der  Psyche  —  beiläufig,  ein  Zug,  der  eben  aus  der  märchen- 
haften Vorlage  des  Apuleius  beseitigt  war  —  mißbraucht  werden,  um 
die  Ähnlichkeit  zweier  Erzählungen  zu  erweisen,  die  sich  im  Gesamt- 
inhalt diametral  entgegengesetzt  sind,  brauche  ich  für  Philologen  nicht 
hervorzuheben.  Ebensowenig  brauche  ich  für  sie  auszuführen,  daß  es  nicht 
gleichgültig  ist,  ob  der  Held  der  Erzählung,  die  von  der  Leyen  als  be- 
sonders aufschlußreiche  Probe  ägyptischer  Märchenkunst  bietet  (S.  87), 
ein  Mensch  ist  oder,  wie  längst  erwiesen,  ein  Gott.  Ein  Teil  der  Er- 
zählung kann  dann  natürlich  durch  einen  echten  Mythos  bestimmt  und 
gegeben  sein,  während  in  dem  anderen  die  Phantasie  frei  schaltet.  Erst 
dadurch  wird  jene  Geschichte  wichtig  und  'aufschlußreich'. 


MÄRCHENFORSCHUNG  UND  PHILOLOGIE  87 

in  der  Vorlage  des  Apuleius  durch  eine  weniger  gute  er- 
setzt wurde.' 

So  ist  die  Bahn  für  weitere  Vergleichungen  frei  geworden, 
und  wir  können  die  späte  "Erzählung  des  Saxo  Grammaticus 
von  Otherus  und  Syritha  als  Nachhall  des  'echten'  Psyche- 
märchens erweisen.  'Syritha,  eine  Königstochter,  will  nur  dem 
als  Frau  folgen,  der  es  über  sie  vermag,  daß  sie  seinen  Blick 
erwidert.  Keinem  Freier  gelingt  das,  sie  hält  immer  ihre  Augen 
gesenkt,  auch  Otherus  versucht  es  vergebUch.  Ein  Riese  raubt 
die  Syritha;  Otherus  befreit  sie  aus  seiner  Gewalt.  Dann  muß 
sie  einer  häßlichen  Waldfrau  dienen,  und  Otherus  befreit  sie 
noch  einmal.  Doch  sie  sieht  ihn  nicht  an,  trotz  seiner  Bitten 
und  Beschwörungen.  Nun  gerät  sie  in  Not  und  kommt  auf 
ihrer  Wanderung  in  das  Land  des  Otherus.  Seine  Mutter  be- 
hält sie  trotz  ihrer  Dürftigkeit  bei  sich,  und  er  gibt  vor,  er 
werde  mit  einer  anderen  sich  vermählen.  Sie  muß  bei  dem 
Brautlager  die  Kerze  halten,  die  ganz  herunterbrennt.  Otherus 
gebietet  ihr,  auf  ihre  Hand  zu  achten,  da  schlägt  sie  endlich 
die  Augen  auf  und  ihn  trifft  ein  Blick  namenloser  Liebe.  Da 
hat  die  Scheinhochzeit  sofort  ein  Ende,  der  Liebende  hat 
sich  die  Geliebte  endlich  erobert.' 

Es  ist  nach  von  der  Leyen  ein  Triumph  für  den  Märchen- 
forscher,  daß  die  alte  entstellte  Form,  die  uns  in  den  Überlie- 
ferungen der  Griechen  und  Römer  begegnet,  sich  durch  neue, 
besser  erhaltene,  reinigen  läßt,  so  daß  die  ursprüngliche  Ge- 
stalt dieser  'von  der  Literatur  ins  Volk  und  vom  Volk  wieder 
in  die  Literatur'  geratenen  Märchen  wieder  sichtbar  wird.  Ich 
fürchte,  soweit  dieser  Triumph  dem  Psyche-Märchen  gilt,  ist 
er  verfrüht.  Wohl  ist  der  durch  die  Papyri  bezeugte  Mythos 
in  der  Tat  zum  Kunstmärchen  geworden,  und  zu  aller  Zeit 
benutzt  das  Kunstmärchen  Züge  und  Motive  des  Volksmär- 
chens; sie  soll  der  'Märchenforscher'  aufsuchen.  Aber  die  Ge- 
samterzählung bleibt  für  seine  Rekonstruktionen  unbenutzbar, 
mag  sie  nun  der  Schriftsteller  frei  erfunden  haben,  wie  etwa 
Andersen  den  Hauptteil  seiner  Märchen,  oder  mag  ein  fester 
Mythos  und  ein  bestimmtes  religiöses  Empfinden  ihm  die  un- 


88  DIE  ANGEBLICHE  URFORSCHUNG 

abänderlichen  Grundlinien  gegeben  haben.  In  beiden  Fällen 
verlangt  die  Analyse  eine  andere  Methode  und  tritt  die  Einzel- 
philologie in  ihr  unveräußerliches  Recht.  Sollte  sich  das  an 
der  Erzählung  von  Amor  und  Psyche  gezeigt  haben,  so  bietet 
vielleicht  auch  sie  einen  Beitrag  zur  Kenntnis  des  Werdens 
und  Wesens  der  Märchen  und  der  Behandlung,  die  sie  ver- 
langen. 


NACHTRÄGE. 

Unmittelbar  vor  Abschluß  des  Druckes  kommt  mir 
Rud.  Pagenstechers  Abhandlung  'Eros  und  Psyche', 
Sitzungsber.  d.  Heidelberger  Akademie,  philos.-histor. 
Klasse  igi  i,  Abh.  9,  in  die  Hände.  Sie  gibt  auf  Tafel  Illb 
die  Abbildung  einer  ägyptischen  Lampe  aus  der  Samm- 
lung E.  V.  Sieglins :  über  den  schlummernden  Eros,  neben 
welchem  ein  Latemchen  steht,  erhebt  sich  die  beflügelte 
Psyche.  Pagenstecher  (S.  38)  will  hierin  eine  Illustration 
zu  dem  Märchen  des  Apuleius  sehen,  so  unwahrschein- 
lich das  von  vornherein  ist.  Aber,  von  der  Beflügelung 
der  Psyche  ganz  abgesehen:  ihre  Haltung  paßt  zu  der 
von  Apuleius  geschilderten  Szene  in  keiner  Weise.  Diese 
Psyche,  deren  Darstellung  an  die  des  Stiertöters  in  der 
Mithras-Kunst  erinnert,  will  den  Eros  töten,  indem  sie 
ihm  zwischen  Schulter  und  Hals  die  gefahrliche  Wunde 
beibringt,  welche  nach  meiner  Vermutung  in  dem  ur- 
sprünglichen Mythos  ihre  Wanderung  ins  Totenreich 
begründet.  So  bestätigt  dies  Werk  ägyptischer  Klein- 
kunst aufs  beste  die  Andeutungen  der  Zauberpapyri: 
nicht  des  Apuleius  Erzählung,  sondern  ein  im  ägypti- 
schen Hellenismus  bekannter  Mythos  wird  illustriert.  — 

Die  Wiederbelebung  der  ohnmächtigen  Psyche  durch 
die  Berührung  mit  dem  Pfeil  (Apuleius  VI  21)  scheint 
ein  der  alexandrinischen  Dichtung  entnommenes  Motiv, 
vgl.  die  reizende  Nachahmung  einer  solchen  Dichtung 
bei  Statius  Silv.  II  3,  2  7  ff.  (Statius  zeigt  hier  bewußte 
Anlehnung  an  Ovid). 


SACHREGISTER. 


Achamoth  24. 

Aeschines  ep.   10:  69  A. 

Agathias  A.  P.  V  294 : 3 1 . 

Allegorie  9.   10.   12.   17.  84. 

Anthologia  Pakt.  V  127  (Marcus 
Argentarius)  31 ;  V  199  (Hedylos) 
30;  V  209  (Posidipp)  29;  V  275 
(Paulus  Silentiarius)  31;  V  294 
(Agathias)  31;  VI  292  (Hedylos) 
31;  XII  98  (Posidipp)  73. 

Apollonios  V.  Rhodos  IV  795  ff-  36. 

Apuleius  I  l:  I.  50—52;  rV32: 
8.  53;  VI  31:  60.  61;  X  2ff.: 
68—70. 

Archilochos  35. 

Aretalogie  66  A.  2. 

Argentarius,  siehe  Marcus. 

Aristainetos  I  7:  30;  I  15 :  70. 

Aristeides   v.  Milet   2.  33 — 35.  42. 

59  ff. 
— ,  Fragment  59 — 61. 
Aristophanes  Plutus  177,  vgl.  Schol. 

29. 
Arnim,  v.  71. 

Bacchanalien  26.  27. 

Bethe     (Mythus,     Sage,     Märchen 

S.  41  ff.    aus  Hessische  Blätter  f. 

Volkskunde  IV)  22. 

Catull  68,  115:  36. 

Charisius  223,   14:  59. 

Corpus   Henneticum  X  7:   24.    83. 

Damascius  42. 
Dardanos-Schwert   19.  80. 


bepiiTicxfii;  59.  60. 
Diatribe  39. 

eiKOviciuöc;  72. 

Epigramm  (vgl.  Anthol.  Palat.)    29 

bis  31. 
Eros,  kosmische  Gottheit  21.81.  82. 
Erzählerstand  16.  29.  32.  33.  35.  50. 
Eselsgeschichte  35.  42 ff.  61.  62. 

fabula  51,  3  u.  öfter. 
Feuilleton  34. 
Förster,  Rieh.  75—78. 
Friedländer,  L.  12.   14.   15.  22.  27. 
Fronto  p.  62  Na.:  49.  50,  i. 

Geffcken  66,  i. 

Georg,  Heiliger,  sithe  Volksbuch. 

Gnostizismus  23 — 25. 

Goethe  3,  vgl.  91. 

Gottesbrautschaft  25 — 27.  83,  i. 

Gruppe,  O.  79.2. 

Harpokrates  22. 

Harpokration  54,  25 B:   59. 

Hedylos  A.  P.  V  199:  30. 

— ,  VI  292:  31. 

Heinemann  79,  t. 

Heinrici  23.  75,  l. 

Heinze,  R.  65. 

Herder  (Briefe  über  Humanität  VI  64, 
Bd.  XVn  346  Suphan)  3. 

Hermetische  Schriften,  siehe  Cor- 
pus u.  Köpi] 

Hesych,  Glosse  bepfiTlcxrjq  60. 

Himmelshochzeit  25 — 27. 


SACHREGISTER 


91 


Hipponax  35. 

historia  33.  44.  68.  70.  71. 
Hochzeitslieder  6.  40. 
Höllenfahrt  23.  85. 

Istar  2j. 

Jahn,  O.  10.   II.  74.  75. 

Kallimachos,  Hymn.  3,  4ff. :  36. 
Jamben  (vgl.  Diels  Internationale 
Wochenschr.  6.  Aug.  19 10)  35, 

Kerkidas  Jamben  fr.  i :  30. 

Köpn  Köc^ou  83. 

Kunstmärchen  8.  37.  87. 

Leo,  Fr.  50,  2.  54. 

Leyen,  von  der  13.  84  ff. 

Lucas,   H.    49.    50,  2.    52.    54.   62. 

66.  67.  73. 
Lucilius  8, 

Lucian,  siehe  Pseudolucian. 
AoÜKiO(;  f^  övo(;  siehe  Pseudolucian. 
Lucius  von  Patrae  42.  44.  71. 

Märchenforschung  13.  27.  84 — 87. 
Marcus  Argentarius  A.  P.  V  127 :  31. 
Medea  (Hochzeit  der  M.)  69  A. 
Melagers    Satiren    (vgl.  A.  P.  VII 

417,4  u.  419,4)  39- 
Menippische  Satire  8.  39. 
Mündlicher  Stil  33.  50. 
Mythos  und   Märchen    15.    17.    18. 

22.  23.  27.  86,  I. 

Nikostratos  TTapaKoXu|nßu>ca  (vgl. 
Anfang  d.  Lexikons  d.  Photios 
91,26)  30. 

Ovids  Metamorphosen  42;    Metam. 

XI  221  ff.:  30;  Trist.  II  413:  63; 

Trist.  II  443 :  63.  64. 
Otherus  und  Syritha  86. 


Pagenstecher,  R.  88. 

Papyrus,  Paris.  Bibl.  Nat.  v.  17 17 ff.: 

19.  79-  80;   Lugd.  V  I,  14:    20. 

80.     81;     Lugd.     W.     Dieterich 

Abraxas   184,80:  21.  81. 
Parhedros  Eros  20.  80.  81. 
Paulus  Silentiarius  A.  P.  V  275:  31. 
Personifizierung  79. 
Petron  34.  40.  65. 
Philemons  Tod  6f. 
Philepsios   29. 

Philo  de  vita  cont.  473  M.:  26.  82. 
Plato   10.   II.  76—78. 
Plautus  Persa  392:  33. 
Plinius  ep.  II  20:  32.  51. 
Plutarch  Tiepl  7ro\u'rrpaY|uoc0vTi<;38. 
Popularphilosophie  38. 
Posidipp  74 ;  A.  P.  V  209 :  29 ;  A.  P. 

Xn98:  73. 
Preisendanz,  K.  80. 
Properz  13:31;    III  20,  28 :    70,  2. 
Pseudolucian  ''EpuJT€(;  34.  50.  51,2. 

64-  65;  AoOkioc;  f^  övoq  43.  71. 
Psyche,  kosmische  Gottheit  21.  81. 
TTüeio^  bpdKWV  81,  2. 

Raffaels  Galathea  6. 
Rohde,  E.  50,  2.  53.  54. 
Roman   13.   14.  44.  66.  73. 
Rosenblüth,  M.  66,  i. 

Saxo  Grammaticus  86. 

Schaller,  W.   13.  79,  l. 

Seelenhymnus  17. 

sermo  51.  52. 

Sisenna  8.  34.  36.  40.  49  ff.  53  bis 
55.  64;  historiae  56—58;  Mile- 
siae  55;  Einzelfragmente  53.  59. 

Skamander,  siehe  Volksbuch. 

Statius  Silv.  II  3 :  88. 

Thomas-Akten    17.   18.  25.  27.  83. 
TibuU  II  3 :  37. 


92 


SACHREGISTER 


Valentin,  Gnostiker  24. 
Varro  8.  40.   50,  i.  55,  i. 
Volksbuch  vom  Heil.  Georg  69  A.; 
von  Skamander   u.    Medea  69  A. 
Volksmärchen   13 — 15.  85 — 87. 


Weinreich,  O. 
"Weisheit  24. 


49.  69  A. 


"Wendland,  P.,  Hellenistisch-römi- 
sche Kultur  174,2:  18;  De  fa- 
bellis  antiquis  61.   62. 

Wundererzählung  41.  66,  2.  72. 

zär  26.   83. 

Zauberpapyri  19.  20.  79 — 82. 


Berichtigung. 

Durch  Versehen  sind  oben  S.  3  die  "Worte  Meyers  in  dem  von  Goethe 
durchkorrigierten  Aufsatz  Über  die  Gegenstände  der  bildenden  Kunst 
Propyläen  I  i  S.  42  (vgl.  über  Goethes  Mitarbeit  Bd.  47  der  Weimarer 
Ausgabe,  S.  332  A.)  als  Äußerung  Goethes  gefaßt  und  auf  die  Dich- 
tung des  Apuleius  bezogen ;  sie  sind  zwar  stark  von  ihr  beeinflußt, 
gelten  aber  zunächst  der  bildlichen  Darstellung,  welche  die  Vignette  zeigt. 


Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin 

RICHARD  REITZENSTEIN 

Poimandres 

Studien  zur  griech.-ägyptischen  u.  frühchristlichen  Literatur 
Geheftet  JC  12,—,  gebunden  J{  15. — 

Das  Buch  ist  bestimmt,  die  religiösen  Neubildungen,  welche  das  Eindringen  des 
Griechentums  im  Orient  hervorrief,  auf  einem  engen  Gebiet  zu  verfolgen.  Es  nimmt  zur 
Grundlage  die  von  der  Theologie  wie  Philologie  gleichmäßig  vernachlässigten  Hermetischen 
Schriften  und  sucht  zunächst  deren  Grundcharakter,  Zusammenhänge  mit  den  Zauber- 
papyri und  Verhältnis  zur  altägyptischen  Religion  zu  bestimmen.  Die  Wirkung  dieser 
weit  über  Ägypten  hinaus  verbreiteten  hellenistischen  Literatur  von  Visionserzählungen, 
Predigten  und  Lehrschriften  zeigt  sich  einerseits  in  dem  Judentum,  und  zwar  hier  etwa 
von  neutestamentlicherZeit  bis  ins  Mittelalter  hinein,  andererseits  in  der  frühchristlichen 
Literatur.  Aber  zahlreich  scheinen  die  Entlehnungen  einzelner  literarischer  Typen,  Bilder, 
Begriffe  und  Formeln,  z.  B.  in  dem  Hirten  des  Hermas,  dem  Martyrium  Petri,  den  Logia 
Jesu,  aber  schwächer  auch  schon  in  einzelnen  Teilen  der  Apokalypse,  des  vierten  Evan- 
geliums und  der  paulinischen  Briefe.  Die  Kenntnis  dieser  hellenistischen  Propheten  läßt 
uns  ferner  Persönlichkeiten  wie  Philo  in  schärferem  Lichte  erscheinen  und  verhilft  viel- 
leicht zu  einer  genaueren  Kenntnis  der  Geschichte  des  Piatonismus  im  Orient. 

Hellenistische  Wundererzählungen 

Geheftet  JC  5.—,  gebunden  J6  7.— 

Das  Buch  soll  nicht  eine  erschöpfende  Aufzählung  der  hellenistischen  Wunder- 
erzählungen bieten,  sondern  zunächst  ihren  literarischen  Charakter,  ihre  Technik  und  die 
zugrunde  liegenden  ästhetischen  Theorien  an  ausgewählten  Beispielen  erläutern  und  die 
phantastische  Erzählung  durch  die  verschiedenen  Literaturzweige  (Satire,  philosophische 
Memorabilien  usw.)  verfolgen.  Das  Ziel  war  dabei  eine  möglichst  scharfe  Scheidung  der 
verschiedenen  Arten  hellenistischer  Erzählung  und  besonders  die  Sonderung  der  Wunder- 
erzählung von  dem  Roman.  Doch  mußte  schon  dabei  die  frühchristliche  Literatur  (bes. 
Apostelakten  und  Mönchserzählungen)  in  breiterem  Umfang  herangezogen  werden,  da 
sie  für  die  volkstümlichen  Urtypen  fast  einzig  die  Belege  bietet.  Ihr  Charakter  als  im 
wesentlichen  freie  Dichtung,  nicht  als  ,, Legende",  soll  durch  diese  Zusammenstellung 
näher  erläutert  werden.  Der  kürzere,  zweite  Teil  ist  dieser  Literatur  allein  gewidmet 
und  sucht  an  zwei  den  Thomas-Akten  entlehnten  Beispielen  die  Stärke  der  literarischen 
Abhängigkeit  der  frühchristlichen  von  den  gleichzeitigen  heidnischen  Erzählungen  zu 
erweisen  und  zugleich  aus  dieser  volkstümlichen  Literatur  Schlüsse  auf  die  Anschauungen 
breiter  heidenchristlicher  Kreise  zu  ziehen. 

Die  hellenistischen  Mysterienreligionen 

ihre  Grundgedanken  und  Wirkungen 
Geheftet  JC  4.—,  gebunden  JC  4.80 

Das  Buch  möchte  eine  Ergänzung  zu  A.  Dieterichs  ,,Mithrasliturgie"  bieten.  Aus- 
gehend von  der  Tatsache,  daß  Paulus  die  Scheidung  der  Menschen  in  Pneumatiker  und 
Psychiker  den  hellenistischen  Mysterienreligionen  entnommen  hat,  andrerseits  der  Beob- 
achtung, daß  wir  die  theologischen  Abschnitte  des  XL  Buches  der  Metamorphosen 
des  Apuleius  nur  ins  Griechische  zurück  zu  übertragen  brauchen,  um  die  Grund- 
begriffe und  technischen  Worte  auch  zahlreicher  anderer  Mysterien  in  ihrem  ursprüng- 
lichen Zusammenhang  wiederzufinden,  hebt  es  einerseits  die  Grundvorstellung  schärfer 
hervor,  aus  der  die  dort  erklärten  Kulturgebräuche  und  Bilder  hervorwachsen,  anderer- 
seits schildert  es  die  Verinnerlichung  der  Mysterien  von  der  rohen  Zauberhandlung 
zur  schriftlichen  Darstellung  rein  seelischer  Eriebnisse.  Sodann  weist  der  Verfasser 
die  Bedeutung  des  hellenistischen,  der  Mysterienfrömmigkeit  entlehnten  Elementes 
neben  dem  jüdischen  in  der  Theologie  des  Apostels  Paulus  nach  und  zeigt  an  ein- 
zelnen Beispielen,  was  die  Wortgeschichte  zum  Verständnis  des  Werdeganges  des 
Apostels  beitragen  kann.  Endlich  bietet  er  noch  philologische  Beiträge  zur  Beant- 
woriung  der  Frage  nach  dem  Wesen  des  christlichen  Gnostizismus. 

R  ei  tzen  st  ein,  Amor  U.Psyche.  1 


Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin 

Die  Mysterien  des  Mithra.  Ein  Beitrag^  zur  Religionsgeschichte  der 
römischen  Kaiserzeit.  Von  Franz  Cumont.  Autorisierte  deutsche 
Obersetzung  von  Georg  Gehrich.  Mit  9  Abb.  im  Text  u.  auf  2  Tafeln, 
sowie  1  Karte.    2.  Aufl.    Geh.  M  5. — ,  in  Leinwand  geb.  Jt  5.60. 

„Das  Buch  ist  gerade  für  einen  deutschen  Leserkreis  geeignet,  da  es  auf  die 
religionsgeschichtlichen  Fragen,  die  neuerdings  nicht  nur  Fachkreise,  sondern  jeder- 
mann interessieren,  ein  besonderes  Licht  wirft.  Es  schildert  die  Wanderung  eines 
indoiranischen  Gedankens  durch  die  ganze  antike  Well  und  zeigt  an  einem  Beispiel, 
in  welchem  Umfang  die  Übertragung  religiöser  Ideen  in  historischer  Zeit  nachweislich 
stattgefunden  hat."  (Neue  Jahrbücher  für  das  klassische  Altertum  usw.) 

Die  orientalischen  Religionen  im  römischen  Heidentum.  Von  Franz  Cumont 

Autor,  deutsche  Ausg.  von  Georg  Gehrich.  Geh.  Mb. — ,  geb.  Md. — 

,,Das  Werk  eines  Meisters  über  eine  Reihe  brennender  Fragen  zu  lesen,  ist 
immer  eine  Freude.  Die  Freude  wird  dem  zuteil,  der  sich  in  die  vorliegende  Schrift 
Cumonts  vertieft — Bei  Cumonts  religionsgeschichtlicher  Darstellung  hat  man  das 
angenehme  Bewußtsein,  eine  Stoffauswahl  zu  erhalten,  die  nicht  im  Dienste  einer  be- 
slimrr.ten  religionsgeschichtlichen  Gesamtanschauung  steht.  Gerade  darum  ist  Cumont 
ein  guter  Wegweiser  für  den,  der  das  Verhältnis  des  Urchristentums  zu  seiner  religiösen 
Umwelt  verstehen  will...."  (Theologisches  Literaturblatt.) 

Eine  Mlthrasliturgie.  Erläutert  von  Albrecht  Dieterich.  2.  Aufl.,  besorgt 
von  Richard  Wünsch.    Geh.  Md.—,  geb.  M  7.— 

,,Der  größte  und  unmittelbarste  Gewinn,  den  auch  der  außerhalb  der  geheiligten 
Schranken  der  Mysterienkunde  Stehende  von  dem  Buche  haben  wird,  ist  die  aus  demselben 
gewonnene  Möglichkeit,  einen  verständnisvollen  Blick  in  diese  ihm  sonst  verschlossene 
Welt  hinein  zu  werfen Wir  scheiden  von  dem  hochinteressanten  Buch  mit  dem  auf- 
richtigsten Dank  für  die  reiche  Belehrung  und  vielfache  Anregung,  die  es  uns  geboten 
hat,  und  empfehlen  seine  Lektüre  allen,  die  sich  mit  religionsgeschichtlichen  Studien 
befassen,  aufs  angelegentlichste."  (Wochenschrift  für  klassische  Philologie.) 

Vorträge  und  Aufsätze.  Von  Hermann  Usener.  Mit  einem  Bilde 
Useners.    Geh.  M  5. — ,  in  Leinwand  geb.  M  6. — 

Aus  den  noch  nicht  veröffentlichten  kleineren  Schriften  Useners  ist  hier  eine 
Auswahl  von  Vorträgen  und  Aufsätzen  zusammengesetzt,  die  für  einen  weilen  Leserkreis 
bestimmt  sind.  Sie  sollen  ,, denen,  die  für  geschichtliche  Wissenschaft  Verständnis 
und  Teilnahme  haben,  insbesondere  aber  jungen  Philologen  Anregung  und  Erhebung 
bringen  und  ihnen  em  Bild  geben  von  der  Höhe  und  Weite  der  wissenschaftlichen 
Ziele  dieses  großen  dahingegangenen  Meisters  und  dieser  Philologie".  Den  Inhalt 
bilden  die  Abhandlungen:  Philologie  und  Geschichtswissenschaft,  Mythologie,  Organi- 
sation der  wissenschaftlichen  Arbeil,  über  vergleichende  Sitten-  und  Rechtsgeschichte, 
Geburt  und  Kindheit  Christi;  Pelagia,  die  Perle  (aus  der  Geschichte  eines  Bildes). 
Als  Anhang  beigefügt  ist  die  Novelle  ,,Die  Flucht  vor  dem  Weibe",  die  als  Bearbeitung 
einer  altchristlichen  Legende  sich  ungezwungen  anschließt. 

Kleine  Schriften.  Von  Albrecht  Dieterich.  Herausgeg.  von  Rieh.  Wünsch. 

Mit  einem  Bildnis  und  zwei  Tafeln.    Geh.  M  12.—,  geb.  M  14. — 

Entsprechend  einem  bald  nach  Dieterichs  Tode  vielfach  geäußerten  Wunsche, 
es  möchten  die  nicht  immer  bequem  zugänglichen  ,, Kleinen  Schriften"  Dieterichs  in 
einer  Sammelausgabe  vereinigt  werden,  bietet  dfer  vorliegende  Band  sämtliche  Auf- 
sätze, soweit  sie  nicht  selbständig  in  Buchform  erschienen  sind.  Neu  ist  darin  vor 
allem  ,,Der  Untergang  der  antiken  Religion",  den  der  Herausgeber  aus  Dieterichs 
Notizen  zu  seinen  Vorträgen  und  aus  Nachschriften  zusammengestellt  hat.  Obwohl 
diese  Zusammenstellung  naturgemäß  unvollkommen  sein  muß,  soll  sie  doch  veröffent- 
licht werden,  da  Dieterich  lebhaft  gewünscht  hatte,  die  hier  ausgesprochenen  Gedanken 
möchten  nicht  verloren  gehen.  Aus  dem  Nachlaß  wird  ferner  zum  erstenmal  ein 
Aufsatz  über  ,, Verhüllte  Hände"  gedruckt.  Erst  diese  Sammlung  vermag  ein  abgerun- 
detes Bild  von  der  wissenschaftlichen  Bedeutung  Dieterichs  und  von  der  Förderung, 
die  die  rcligionsgeschichtliche  Erforschung  des  Altertums  ihm  verdankt,  zu  geben. 


Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin 

Die  Anschauungen  vom  Wesen  des  Griechentums.     Von  G.  Bllleter. 

Geh.  JC  12.—,  geb.  Ji  13.— 

„Der  glückliche  Finder  des  sog.  .Urmeister'  legt  hier  das  Ergebnis  jahrelangen 
unermüdlichen  Suchens  vor:  ein  unschätzbares  Dokumentenbuch  für  die  Auffassungen 
des  Hellenentums.  Das  Namenregister  allein  schon  beweist,  mit  welchem  Spüreifer 
der  Verfasser  den  wechselnden  und  doch  im  Kern  selten  veränderten  Eindrücken  nach- 
gegangen ist,  die  die  genialste  der  Nationen  bei  ihren  fleißigsten  Kindern  hinterließ; 
denn  die  Deutschen  stehen  naturgemäß  voran.  Eine  klare  Disposition  und  ein  aus- 
gezeichnetes Schlagwortregister  erhöhen  die  Brauchbarkeit  dieser  Geschichte  vom 
Mantel  Helenas.  Da  schließlich  doch  die  Anschauungen  am  Wesen  des  Griechentums 
noch  stärker  auf  die  Entwicklung  der  Kultur  eingewirkt  haben  als  die  Taten  und  Werke 
der  Hellenen,  so  ist  damit  für  eines  der  wichtigsten  Kapitel  der  Weltgeschichte  die 
feste  Grundlage  gegeben."  (Deutsche  Rundschau.\ 

Die  griechische  und  lateinische  Literatur  und  Sprache.  3.  Auflage! 
(Die  Kultur  der  Gegenwart.  Ihre  Entwicklung  und  ihre  Ziele. 
Herausgegeben  von  Professor  Paul  Hinneberg.  Teil  I,  Abt.  8.) 
Geh.  Jl  12.—,  geb.  jK  14.— 

Inhalt:  I.  Die  griechische  Literatur  und  Sprache.  Die  griechische  Literatur  des 
Altertums:  U.  v.  Wilamo witz-MoeUendorff.  —  Die  griechische  Literatur  des 
Mittelalters:  K.  Krumbacher.  —  Die  griechische  Sprache:  J.  Wackernagel.  — 
II.  Die  lateinische  Literatur  und  Sprache.  Die  römische  Literatur  des  Altertums: 
Fr.  Leo.  —  Die  lateinische  Literatur  im  Übergang  vom  Altertum  zum  Mittelalter: 
E.  Norden.  —  Die  lateinische  Sprache:  F.  S kutsch. 

,,In  großen  Zügen  wird  uns  die  griechisch-römische  Kultur  als  eine  kontinuier- 
liche Entwicklung  vorgeführt,  die  uns  zu  den  Grundlagen  der  modernen  Kultur  führt. 
Hellenistische  und  christliche,  mittelgriechische  und  mittellateinische  Literatur  er- 
scheinen als  Glieder  dieser  grolSen  Entwicklung,  und  die  Sprachgeschichte  eröffnet  uns 
einen  Blick  in  die  ungeheuren  Weiten,  die  rückwärts  durch  die  vergleichende  Sprach- 
wissenschaft, vorwärts  durch  die  Betrachtung  des  Forllebens  der  antiken  Sprachen  im 
Mittel-  und  Neugriechischen  und  in  den  romanischen  Sprachen  erschlossen  sind." 

(P.  Wendiand-Kiel  In  der  Deutschen  Literaturzeitung.) 

Charakterköpfe  aus  der  antiken  Literatur.  Von  Eduard  Schwartz.  2.  Aufl. 
8.    Geh.  je  JC  2.20,  in  Leinwand  geb.  je  JC  2.80. 

I.  Reihe:  1.  Hesiod  und  Pindar;  2.  Thukydides  undEuripides;  3.  Sokrafes  und  Plato ; 
4.  Polybios  und  Poseidonios;  S.Cicero;  4.  Auflage.  8.  1912.  II.  Reihe:  1.  Diogenes 
der  Hund  und  Krates  der  Kyniker;  2.  Epikur;  3.  Theokrit;  4.  Eratosthenes ;  5.  Paulus. 

, .Schwartz  beherrscht  den  Stoff  in  ganz  ungewöhnlicher  Weise :  das  Reinstoffliche 
aber  tritt  allmählich  ganz  in  den  Hintergrund,  dafür  erglänzt  jede  einzelne  der  Er- 
scheinungen um  so  klarer  und  mächtiger  im  Lichte  ihrer  Zeit.  Der  Verfasser  ist  in 
den  Jahrhunderten  der  griechischen  Poesie  —  sowohl  in  denen,  wo  sie  sich  entwickelte, 
als  auch  in  denen,  da  sie  ihre  Blüte  erlebte  —  mit  gleicher,  sozusagen  hellseherischer 
Sicherheit  zu  Hause;  wir  lernen  jeden  einzelnen  der  geistigen  Heroen  als  ein  mit 
innerer  Notwendigkeit  aus  seiner  Epoche  hervorgehendes  Phänomen  betrachten  und 
einschätzen,  und  Schwartz  schildert  ihn  uns  so  lebendig,  daß  wir  ihn  wie  mit  Fleisch 
und  Blut  begabt  vor  uns  zu  sehen  glauben.  Dabei  ist  jedes  der  Charakterbilder  ein- 
heitlich aus  einem  einzigen  Gusse,  nirgends  hören  wir  ein  Wort  gelehrter  Polemik  oder 
selbstbewußter  Besserwisserei."  (Literarisches  Echo.) 

Cicero  im  Wandel  der  Jahrhunderte.  Von  Thaddaeus  Zieliriski.  3.  Aufl. 
Geh.  ca.  JC  7.  -,  geb.  ca.  JC  8.— 

,,Das  Schriftchen  ist  mit  Geist,  mit  reichem  Wissen  und  freiem  Blick  für  Ge- 
schichte, Menschentum  und  Kultur  geschrieben  und  kann  und  soll  nicht  nur  dem 
Ciceroliebhaber  bestens  empfohlen  sein,  sondern  jedem,  dem  die  Kenntnis  von  den 
Einflüssen  des  Altertums  auf  den  Wandel  der  Jahrhunderte  am  Herzen  liegt.  Durch 
die  Lagerungen  der  Geschichte  wird  uns  hier  gleichsam  ein  ,Vertikaldurchschnitl' 
gegeben,  indem  die  dreifachen  starken  Einflüsse  der  Ciceroschriften  auf  die  Welt- 
entwicklung, zunächst  auf  die  Begründung  des  Katholizismus,  hernach  auf  die  Re- 
naissance, zuletzt  auf  die  französische  Revolution  und  die  geistige  Bewegung,  die  sie 
vorbereitet,  dargetan  werden."  (Historische  Vierteijahrsohrift.) 


Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin 

Homer.   Von  Georg  Finsler.    Geh.  Jl  6. — ,  in  Leinwand  geb.  Ml . — 

„Das  Buch  bietet  unendlich  viel  mehr,  als  der  Titel  vermuten  läßt.  Es  findet 
sich  darin  ein  solcher  Reichtum  von  Gedanken,  die  aus  der  Tiefe  des  schier  un- 
erschöpflichen homerischen  Brunnens  geschöpft  sind,  daß  der  Berichterstatter  in  Ver- 
legenheit ist,  wie  er  in  einer  kurzen  Besprechung  darüber  Auskunft  geben  soll.  Denn  es 
werden  so  ziemlich  alle  Fragen  behandelt,  die  sich  auf  Homer  beziehen,  mit  Ausnahme 
der  rein  textkritischen  und  sprachlichen  Untersuchungen.  Aber  auch  die  Ergebnisse 
dieser  letzteren  sind  überall  mit  in  die  Gesamtdarstellung  verwoben.  Der  ungeheuere 
Reichtum  der  , homerischen  Welt'  wird  gezeigt  in  den  Abschnitten  über  Natur  und 
Leben,  den  homerischen  Menschen,  Gesellschaft  und  Staat,  Religion.  Nichts  ist  ver- 
gessen; mit  erstaunlicher  Beherrschung  des  Stoffes  ist  systematisch  alles  zusammen- 
gefaßt, was  sich  aus  Homer  herausholen  läßt.  Die  Angaben  sind  im  einzelnen 
durch  Homerverse  belegt,  so  daß  jeder  Gelegenheit  hat,  die  aufmerksame  Wanderung 
des  Verfassers  durch  die  blühende  Natur  der  homerischen  Welt  im  einzelnen  nach- 
zuprüfen." (Deutsche  Literaturzeitung.) 

Homer  in  der  Neuzeit.  Von  Dante  bis  Goetiie.  Italien.  Franlcreicli. 
England.  Deutschland.  Von  Georg  Finsler.  Geh.  ..^12.—,  in 
Halbfranzband  geb.  Ji  14. — 

Das  Buch  stellt  die  Geschichte  Homers  bei  den  modernen  Völkern  dar,  von  der 
Wiederentdeckung  des  Dichters  durch  die  italienische  Renaissance  bis  zum  Beginn 
des  19.  Jahrhunderts.  Die  Einteilung  nach  Ländern  gibt  zugleich  den  Faden  der 
historischen  Entwicklung  in  dem  Verständnis  und  der  Auffassung  des  Dichters,  seiner 
Stellung  innerhalb  der  Ideengeschichte  der  Völker  und  den  Strömungen  der  literarischen 
Kritik.  Der  wissenschaftlichen  Behandlung  der  homerischen  Poesie  und  den  Anfängen 
der  modernen  Homerkritik  ist  Rechnung  getragen.  Besondere  Aufmerksamkeit  ist  dem 
Verhältnis  der  Dichter,  vor  allem  der  epischen,  zu  Homer  geschenkt. 

Der  Trug  des  Nektanebos.  Wandlungen  eines  Novellenstoffes.  Von 
Otto  Weinreich.    Geh.  JC  A.—,  in  Leinwand  geb.  Ji  4.80. 

Das  Buch  verfolgt  die  Behandlung  des  literarisch  und  religionsgeschichtlich  be- 
deutsamen Novellenstoffes  von  der  betrügerischen  Benutzung  des  Glaubens,  daß  gött- 
liche Wesen  sterblichen  Frauen  nahten,  [seiner  mannigfachen  Ausgestaltung  und  Ein- 
kleidung vom  Altertum  bis  zur  Gegenwart.  An  der  Spitze  stehen  die  antiken  Fassungen: 
der  Trug  des  Nektanebos  im  Alexanderroman,  die  Geschichte  von  PauHna  und  JVlundus 
(Anibus  moechus),  die  ähnlichen  Berichte  über  den  falschen  Saturnus  in  Alexandria 
und  die  milesische  Novelle  in  Buchform:  das  Abenteuer  des  Skäimandros  und  der 
Kallirrhoe.  Im  Kapitel  II  schließt  sich  die  mittelalterliche  Tradition  dieser  antiken  Bei- 
spiele an.  Verwandte  literarische  Schöpfungen  des  Mittelalters,  der  Renaissance  und 
Neuzeit,  die  jenes  novellistische  Motiv  in  neuer  Einkleidung  zeigen,  werden  im  Kapitel 
in  bis  V  besprochen;  die  orientalischen  Fassungen  behandelt  Kapitel  VI.  Eine 
Schlußbetrachtung  stellt  die  Frage  nach  dem  Zusammenhang  der  antiken,  okziden- 
lalischen  und  orientalischen  Beispiele  und  findet  die  Lösung  nicht  im  Sinne  Benfeys, 
sondern  Erwin  Rohdes. 

Geschichte  der  Autobiographie.  Von  Georg  Misch.  I.  Band:  Das  Alter- 
tum. Geh.  Jt  8.—,  geb.  JC  10.—.  [II.  u.  III.  Band:  (Mittelalter- 
Neuzeit)  in  Vorbereitung.] 

,,Die  vornehmsten  Werke  der  wissenschaftlichen  Literatur  sind  die,  welche  keiner 
SpezialWissenschaft  angehören,  und  von  denen  doch  die  verschiedensten  Fachgelehrten 
urteilen  müssen,  daß  sie  ihnen  neue  Lichter  aufstecken.  Nicht  jedes  Jahr  bringt  ein 
solches  Buch;  hier  ist  eins.  Damit  ist  hier  Lobes  genug  gesagt.  Der  Philologe  wird 
sich  des  Fortschritts  freuen,  den  das  Verständnis  der  Werke  notwendig  machen  muß, 
wenn  sie  als  Teil  der  Weltliteratur  betrachtet  werden.  Und  das  ist  hier  nicht  einmal 
die  Hauptsache,  sondern  jene  philosophische  Betrachtung  des  Menschen  und  seiner 
Geistesgeschichte,  die  Misch  aus  der  Schule  Wilhelm  Dilteys  mitbringt,  dem  das  Buch 
mit  vollem  Recht  gewidmet  ist."  (Intern.  Wochenschrift  für  Wissenschaft,  Kunst  u.  Technik.) 


BINDINGUST    SEP  6 


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